So eine Pandemie verunsichert. Ist das der Grund dafür, dass manche Menschen an teils krude Verschwörungstheorien glauben? Markus Appel, Professor für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg, sagt: Es steckt oft mehr dahinter.

Die einen bestreiten, dass es das Coronavirus überhaupt gibt, die anderen beschwören, dass „Eliten“ heimlich nach der Weltherrschaft greifen. Wer in den sozialen Medien herumsurft, traut seinen Augen nicht. Wo haben solche irrationalen Theorien ihren Ursprung?

Markus Appel: Das Phänomen „Verschwörungstheorien“ ist nicht neu. Denken wir nur an die Dolchstoß-Legende nach dem Ersten Weltkrieg, mit der man die Niederlage Deutschlands erklärte. Auch Krankheitsausbrüche wie die Pest hat man früher dadurch zu begründen versucht, dass bestimmte Personen im Hintergrund Böses beabsichtigen – etwa, Juden würden Brunnen vergiften. Wir leben heute wieder in besonderen Zeiten. Da greifen verschiedene Faktoren ineinander und befeuern abenteuerliche Theorien.

Welche Faktoren sind das?

Der erste Faktor ist die Beunruhigung, die Corona auslöst, weltweit. Das Thema betrifft quasi alle Menschen, viele fürchten um ihre Existenz. Der zweite Punkt ist: Es gibt viele offene Fragen. Im Detail unterscheiden sich auch die Meinungen von Wissenschaftlern. Das ist der perfekte Nährboden für Verschwörungstheorien. Es ist ganz einfach: Wer sich bedroht fühlt, greift nach jedem Strohhalm. Die Faktenlage und die Gemengelage in den Medien ist komplex. Verschwörungstheorien dagegen sind einfach. Da sagt einer: „Corona, das ist gar keine schlimme Sache, wie Grippe halt.“ So eine einfache Lösung wünschen sich viele.

Und der dritte Faktor, der „Fake News“ begünstigt?

Die soziale Komponente. Wer in seiner Gruppe Entsprechendes postet, gehört dazu, bekommt Schulterklopfen.

Weshalb setzen sich dann aber berühmte Menschen den Aluhut auf – Schauspieler Bruce Willis, Popstar Robbie Williams oder Koch Attila Hildmann? Sie bekommen doch ohnehin viel Aufmerksamkeit.

Das könnte man meinen. Aber auch Multimillionäre denken ans Geld, auch für sie ist die Corona-Krise subjektiv gesehen eine Notlage – ohne Engagements, ohne Gagen. Manche haben zudem vielleicht schlechte PR-Berater oder sind persönlich so gestrickt, dass sie sich Verschwörungstheorien gerne öffnen. Wieder andere zeichnen ihr öffentliches Bild sicher ganz bewusst – dahinter steckt Strategie. Man möchte in den Medien präsent sein, egal wie.

Wie gefährlich ist das alles?

Viele Menschen orientieren sich an Personen des öffentlichen Lebens, die in den Schlagzeilen sind. In der Masse kann das gefährlich werden, es muss aber nicht. Nehmen wir den Musiker und Trump-Fan Michael Wendler, der sich auf Instagram als Corona-Leugner outete. Darüber haben auch seriöse Medien ausführlich berichtet, was dazu führte, dass sein Gedankengut indirekt weiterverbreitet wurde – einfach, indem man die Geschichte erzählte.

Heißt das, Sie geben auch dem Qualitätsjournalismus eine Mitschuld daran, dass sich Verschwörungstheorien verbreiten?

Es ist Fakt, dass für viele Menschen der Zugang zu Informationen über klassische Nachrichtenmedien erfolgt: Tageszeitung, Radio, Fernsehen. Medien machen manche Themen groß. Beziehungsweise sie wirken in den Medien größer als sie sind. Das ist auch bei Corona-Leugnern eine Gefahr. Wenn der Bayerische Rundfunk vorbeischaut, ist das ihre größte Auszeichnung…

Aber totschweigen geht auch nicht.

Nein, totschweigen soll und darf man nichts. Es gibt keine einfache Lösung, man muss in jedem Fall genau überlegen: Wie berichtenswert ist das hier, wie wahr ist es? Ist es gerechtfertigt, die kleine Anti-Corona-Demo genauso groß zu bringen wie eine Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer? Nicht-Berichten – und Nicht-Teilen! – kann eine effektive Strategie sein, wenn etwas tatsächlich keinen Nachrichtenwert hat. Und: Was wahr ist, muss man wiederholen. Immer wieder auf Fakten hinweisen, etwa bei Impfungen…

Verschwörungstheoretiker erzeugen Feindbilder, manche versuchen, Gewalt zu legitimieren. Ist das die Mehrheit?

Oder sind die meisten dumme Mitläufer, die dem Anführer nach dem Mund reden?

Verschwörungstheoretiker gibt es in allen Schattierungen. Es gibt Leute mit eigener Ideologie, eigenen Interessen. Es gibt die Handelnden, die ganz bewusst Unwahrheiten unters Volk bringen. Es gibt politische Strömungen, die die Demokratie grundsätzlich verändern wollen. Und es gibt all diejenigen, die von Unsicherheit getrieben werden. Sie würde ich nicht als „dumme Mitläufer“ bezeichnen, als Mitläufer schon. Psychologisch ist es nachvollziehbar, dass sie an Verschwörungstheorien glauben. Das ist eine menschliche, wenn auch falsche Reaktion auf die Ungewissheit unserer Zeit.

Früher undenkbar, heute Alltag: In den sozialen Medien kann jeder eine „Info-Blase“ um sich herum erschaffen. Wie wird sich das weiterentwickeln?

Brexit, Trump, „Fake News“: All das gab in den letzten Jahren Anlass zu weltweiten Forderungen, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook mehr Verantwortung übernehmen müssen für das, was sich durch sie verbreitet. Sonst galt: Viele Likes, viele Gegenstimmen – das war per se gut für die Plattformen, die dadurch Aufmerksamkeit verbuchen und Werbung verkaufen konnten. Nun sind die Algorithmen, die Verschwörungstheorien indirekt pushen, aber offenbar geändert worden – der Druck auf Facebook & Co. zeigt Wirkung. Derzeit gibt es eine Art Wanderung zu alternativen Plattformen: Parler statt Twitter, Odyssee statt Youtube. Die Alternativen haben aber eine geringere Reichweite. Meine Vermutung: Wenn abseitige Inhalte nicht mehr protegiert werden, werden sie auch weniger sichtbar.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

So ähnlich. Attila Hildmann beispielsweise ist jetzt auf Telegram statt auf Facebook aktiv. Die Mehrheit hört nicht viel von ihm. Dennoch: Es muss sich noch einiges ändern.

Was zum Beispiel?

Ich habe kürzlich bei Amazon „Rothschild“ eingegeben, den Namen der jüdischen Familiendynastie. Ergebnis: Die Algorithmen empfahlen mir vor allem Bücher, die Verschwörungstheorien verbreiten. Dabei gibt es auch echte Sachbücher zu dem Thema. Meine Frage lautet nun: Müssen Verschwörungsbücher als Erstes vorgeschlagen werden? Sollte der Algorithmus nicht erst einmal neutrale Fakten auflisten?

Grundsätzlich hat ja jeder Mensch die Möglichkeit, die Informationsquellen bewusst zu wählen und zu prüfen. Vielleicht wollen manche Menschen ja gar nicht mehr selbstständig denken?

Ich glaube, das war schon immer so. Man kann ja nicht in allen Bereichen ein Experte sein, man muss sich oft auf jemanden berufen. Auf wen, das ist die Frage. Studien belegen, dass Leute oft zu unbedacht Videos oder Artikel weiterleiten. Man sollte sich einfach vor jeder Aktion fragen: Woher kommt denn die Info? Kenne ich die Quelle?

Ist die Neigung, an mysteriöse Verschwörungen zu glauben, in bestimmten Personengruppen größer als in anderen?

Generalisierbare Aussagen sind hier schwierig. Man kann es an Persönlichkeitseigenschaften festmachen: Die analytisch Denkenden, die Reflektierten, sind im Durchschnitt weniger anfällig für Verschwörungstheorien. Anfälliger sind Personen mit einem hohen „Need for Uniqueness“, also einer Art narzisstischem Bedürfnis nach Einzigartigkeit. Dieses Bedürfnis stillen manche Personen durch Verschwörungstheorien: „Ich bin kein Schlafschaf! Ich blicke durch!“

Wie geht man am sinnvollsten mit Menschen um, die beispielsweise behaupten, die Erderwärmung oder die Corona-Pandemie seien reine Erfindungen?

Wichtig ist, dass man Gesprächspartnern, ob persönlich oder auf WhatsApp, mit Respekt begegnet, nicht von oben herab. Bei manchen Gegenübern darf man nicht erwarten, dass sie ihre Meinung sofort ändern. Steter Tropfen höhlt den Stein – den einen mehr, den anderen weniger. Gerade im Familien- oder Freundeskreis sollte man nicht schweigen, wenn jemand eine krude Theorie verbreitet. Das kann als Zustimmung missinterpretiert werden und trägt dazu bei, dass sich das verzerrte Weltbild noch mehr verfestigt.

Zur Person: Prof. Dr. Markus Appel ist ein international renommierter Kommunikations- und Medienpsychologe und seit 2017 Lehrstuhlinhaber an der Uni Würzburg. Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre unter anderem mit dem Themenkomplex „Fake News“ und Verschwörungstheorien. Kürzlich hat er ein Buch dazu herausgegeben: Appel, M. (Hrsg.), Die Psychologie des Postfaktischen. Über Fake News, „Lügenpresse“, Clickbait & Co.