Der Samstag ist ganz entscheidend. Barbara Becker bezeichnet ihn als Halbfinale. Es ist der Tag, an dem die bayerische CSU ihre Landesliste für die Europawahl aufstellt. An dem die Listenplätze verteilt werden. Und der Listenplatz ist wichtig, das ist der 44-jährigen Wiesenbronnerin natürlich bewusst.

Barbara Becker will als Nachfolgerin von Dr. Anja Weisgerber ins Europaparlament einziehen. Sie weiß, dass der Weg nicht einfach ist, zumal sie Politik-Neuling ist. Vielleicht zieht sie deshalb den Vergleich mit dem Sport. Auch dort kann man nur etwas erreichen, wenn man gut trainiert und immer seine beste Leistung abruft.

Das Achtelfinale - als der CSU-Kreisverband sie als Kandidatin vorschlug - und das Viertelfinale - die Nominierung durch den Bezirksverband - hat sie schon hinter sich.
Dass sie diese zweite Hürde geschafft hat, mag manchen überrascht haben, schließlich hatte sie auf unterfränkischer Ebene starke Mitbewerber. Zudem kamen von den 150 Delegierten gerade mal zwölf aus dem Landkreis Kitzingen. Becker ließ alle Mitbewerber hinter sich - darunter auch den früheren Innenstaatssekretär Bernd Weiß, der für viele als Favorit galt. Auch als die bayerische Frauen-Union ihre Spitzenplätze vergab, konnte sie überzeugen: Platz 3, über 94 Prozent der Stimmberechtigten votierten für sie. Damit fuhr sie sogar ein besseres Ergebnis ein als Monika Hohlmeier, die auf Platz 2 gewählt wurde.

Gefragte Beraterin

Das Finale zu gewinnen, das hat sich die Wiesenbronnerin fest vorgenommen. Sie will am 25. Mai gewählt werden, will ins Europaparlament einziehen. Sie will mitentscheiden, mitgestalten. Denn von Europa ist sie schon seit ihren Jugendjahren gefesselt.

Politik hat Barbara Becker schon früh fasziniert, aber aus der Parteipolitik hielt sie sich lange raus. Sie engagierte sich bei der Evangelischen Landjugend, wurde Landesvorsitzende. Schon als sie um die 20 Jahre alt war, fiel ihr Einsatz den Parteien auf. Sie war interessant als "Listenauffüllkandidatin". Alle Parteien fragten an, aber Becker lehnte ab. "Ich dachte, da bin ich doch viel zu jung, da weiß ich doch viel zu wenig", erinnert sie sich. Trotzdem blieb die Leidenschaft für die Politik. Sie gründete ein Unternehmen, wurde selbstständige Beraterin und hat sich überall dort eingesetzt, wo ihre Interessen lagen: Im Sozialsektor, im Argrarsektor, im Bereich Forschung und Innovation.

Vor etwa acht Jahren kam dann doch die Parteipolitik: Die CSU hat sie akquiriert. "Die Menschen vor Ort haben mein Herz erorbert", begründet sie diese Entscheidung. Seit einigen Jahren ist Becker nun Vorsitzende der CSU-Frauen-Union Kitzingen.

Als eine Nachfolgerin für Dr. Anja Weisgerber gesucht wurde, trat die Partei an die Wiesenbronner Unternehmerin, die mehrere Sprachen spricht, heran. Und weil ihr der europäische Gedanke sehr wichtig ist, sagte sie zu - auch wenn das beruflich ein Risiko bedeutet. Im Falle einer Wahl würde die Firma unterbrochen, andere würden ihre Kunden übernehmen.

Doch wie wichtig das vereinte Europa ist, das wusste sie zu dieser Zeit schon lange. Mit 14 und 15 Jahren war sie Austauschschülerin in Frankreich und Polen. Sie war die erste deutsche Austauschschülerin, mit denen die Großväter ihrer Partnerinnen damals wieder geredet haben. "Da habe ich gemerkt, ich stehe hier nicht nur als Barbara Becker. Ich stehe für eine ganze Nation. Und das wollte ich gut machen."

Auch in der Zeit als ELJ-Vorsitzende kam sie immer wieder mit Europa in Berührung: Sie durfte die EU-Kommission beraten bei der Entwicklung des 5b-Programms, des Vorläufers von Leader+. Seit Jahren sitzt sie im örtlichen Steuerkreis, in dem über die Verteilung der EU-Zuschüsse für den ländlichen Raum entschieden wird.

Stark machen für die Region

Ihr Mann und ihre Kinder - 13 und 15 Jahre alt - wissen, wie wichtig Barbara Becker Europa und die internationale Zusammenarbeit ist. Deshalb kam bei den Familienkonferenzen, abends, am Esstisch, auch die klare Zustimmung zu einer Kandidatur: "Mama, Du redest seit Jahren immer über Europa und Internationales. Mach das!"

Für Unterfranken, für den Weinbau und die Landwirtschaft, für die Stärkung der Region möchte sich Barbara Becker im Parlament stark machen. Das sind Themen, mit denen sie sich auskennt, sie stammt von einem Bio-Bauernhof, ist Hobbywinzerin, hat viel Kontakt mit den Organisationen in diesem Bereich. Auch die Sozialpolitik beschäftigt die Unternehmerin schon lange. Die 44-Jährige begleitet unter anderem den Gleichstellungsbericht des Bundesfamilienministeriums.

Die Außenwirkung drehen

Einsetzen will sie sich aber auch für einen gemeinsamen Leitgedanken - "den hat jede Firma, die etwas auf sich hält". Die Grundlage für eine gemeinsame Verfassung sei ja vorhanden: die christlichen Grundwerte. Es geht ihr um ein Europa "mehr im Großen, weniger im Kleinen", sagt sie. Klima und Umweltschutz, gute Lebensverhältnisse für alle, das wirtschaftliche und soziale Verhältnis Europas zum Rest der Welt. Die großen Themen sind da, aber das werde den Menschen nicht deutlich genug gemacht. Als Beispiel nennt sie Radio-Nachrichten zum Zeitpunkt des Flüchtlingsdramas vor Lampedusa, die sie beim Autofahren hörte: Zuerst kam die Nachricht über die Toten vor Lampedusa, gleich danach die, dass das EU-Parlament in dritter Lesung beschlossen habe, abschreckende Bilder auf Zigarettenpackungen zu drucken. So werde der Eindruck erweckt, die wichtigen Themen gingen an der EU vorbei. "Das Parlament befasst sich mit Flüchtlingspolitik, aber das wird nicht deutlich genug", sagt Barbara Becker. Sie möchte gerne dazu beitragen, diese Außenwirkung zu drehen. Das wird nicht einfach, das ist Barbara Becker bewusst. Aber es sind eben so große Aufgaben wie diese, die sie reizen.


Zur Person

Barbara Becker ist 44 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 13 und 15 Jahren. Bereits neben ihrem Studium zur Diplompädagogin leitete und dolmetschte sie Jugendfreizeiten und landwirtschaftliche Studienfahrten. Von 1988 bis 1993 war die Wiesenbronnerin Landesvorsitzende der Evangelischen Landjugend, von 1995 bis 1998 Bundesvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft evangelische Jugend im ländlichen Raum. 1995 gründete sie eine Unternehmensberatung, die sie noch heute führt. Becker ist unter anderem Referentin an der CSU-Akademie und ist für zahlreiche Verbände tätig. Ehrenamtlich ist sie unter anderem Vorsitzende der Frauen-Union Kitzingen, stellvertretende Vorsitzende des Rummelsberger Fördervereins, Mitglied im Landesvorstand des Evangelischen Arbeitskreises der CSU und Mitglied im Leader- und Steuerkreis Kitzingen.