Eigentlich hatte ein 26-jähriger Mann schlechte Karten, sprachen doch diverse Indizien gegen ihn. Vor allem die Tatsache, dass man bei ihm den gestohlenen Geldbeutel fand, hätte ihm sprichwörtlich fast das Genick gebrochen. Doch alle Umstände einer kritischen Gesamtbetrachtung unterziehend, stellte Richterin Ilona Conver in einem Diebstahlsprozess am Amtsgericht in Haßfurt fest, dass erhebliche Zweifel an der Täterschaft bestehen. Nach dem Grundsatz "In dubio pro reo" (zu deutsch: "Im Zweifel für den Angeklagten") folgte ein Freispruch.

In der Verhandlung ging es um das, was sich heuer am 28. Februar, es war ein Samstag, kurz vor Mitternacht in der Disco in Unterpreppach abgespielt hatte. An diesem Tag war es proppenvoll, die Stimmung war gut, man tanzte und man lachte. An der Bar standen zwei junge Mädchen, beide 20 Jahre jung, bunte Cocktailgläser in der Hand.
Eine der beiden hatte gerade gezahlt, ihr Geldbeutel lag auf dem Tresen. Als ein Bekannter ein Bild von den Hübschen machen wollte, drehten sie sich um und grinsten in die Kamera. Gleich danach stellten sie ihre Gläser wieder ab, und da bemerkten sie das Malheur: Das Portemonnaie war weg.


Suche war vergeblich

Neben einem größeren Bargeldbetrag befanden sich der Ausweis, die EC-Karte und das Handy darin. Die Freundinnen suchten rundum auf dem Boden alles ab - vergeblich. Schließlich informierten sie den Besitzer des Tanzcenters, und es folgte eine Durchsage über Lautsprecher, ebenfalls ohne Ergebnis.

Gut zwei Stunden später passierte Folgendes: Ein eingesetzter Ordner hörte in einer Ecke der Disco einen Knall und dachte, jemand habe einen Kracher gezündet. Da unter anderem der Angeklagte dort stand, hatte der Security-Mann den 26-Jährigen im Verdacht. Der Wachmann ging hin und forderte den 26-Jährigen auf, die Taschen zu leeren. Dabei fand er - zu seinem Erstaunen - zwar keine Böller, aber den vermissten Geldbeutel.

Der Arbeiter, der vor Gericht einen eher treuherzigen Eindruck machte, erzählte eine im ersten Anschein abenteuerliche Story, wie er zu der Geldbörse gekommen war. Er sei vor der Tür gewesen, erzählte er, um frische Luft zu schnappen, und da habe ihn ein unbekanntes Mädchen angesprochen und gebeten, mal kurz den Geldbeutel zu halten. Er habe eine Viertelstunde gewartet, aber die Dame kam nicht zurück. Also ging er wieder zurück in den Tanzsaal, um die Lady zu suchen und ihr das Portemonnaie zurückzugeben. Aber er fand sie nicht. Spätestens, wenn er heimgegangen wäre, versicherte er, hätte er die Geldbörse bei einem der Kontrolleure abgegeben.


Geldstrafe gefordert

Die Staatsanwaltschaft wurde von zwei Referendarinnen vertreten, die diese Geschichte für eine der Ausreden hielten, wie man sie des Öfteren vor Gericht hört. Sie plädierten auf Diebstahl und forderten für den bislang strafrechtlich unbescholtenen Mann eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen á 60 Euro, also insgesamt 1800 Euro. Der Beschuldigte beteuerte in seinem letzten Wort, dass er ehrlich und unschuldig sei und sich nichts habe zuschulden kommen lassen.

In ihrer Urteilsbegründung zum Freispruch wies die Vorsitzende darauf hin, dass der Arbeiter keinerlei Vorstrafen habe und dass durchaus auch andere Personen als Täter oder Täterinnen in Frage kämen. Dazu komme, dass sich in aller Regel ein Dieb anders verhalte. Anstatt stundenlang das Corpus delicti mit sich herumzutragen und damit das Risiko des Erwischtwerdens einzugehen, werde üblicherweise das Geld herausgenommen und der leere Beutel irgendwo hingeworfen, sagte Ilona Conver. Es sei nicht unmöglich, dass der gutmütige Mann nur benutzt worden sei.

Ausschließen kann man laut Conver nicht, dass er die Tat begangen habe, aber ein Grundsatz im deutschen Rechtsverständnis laute: Man soll lieber einen Schuldigen laufen lassen als einen Unschuldigen verurteilen.