Angst, Schmerz und Verlust: Notfallseelsorger Manfred Griebel hat täglich damit zu tun, wie Menschen auf die Konfrontation mit dem Tod reagieren.

Sie kennen die reale Bedrohung, sind oft mit Todesangst, mit dem Sterben, konfrontiert. Wie sehen Sie die Bilder aus Berlin?
Manfred Griebel: Ich bin gerade aus einer Notfallsituation gekommen, als ich die Bilder gesehen habe. Da geht es ganz schnell, dass man sich in die unterschiedlichen Felder hineinversetzt: die direkt Betroffenen, die Angehörigen, aber auch die, die sagen: Ach du meine Güte, jetzt kann ich nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt gehen. Angst vor Anschlägen auf Weihnachtsmärkte gab's schon vorher - aufgrund der Menschenmassen, aber auch wegen der Symbolik. Dass die Angst dann umgeht, ist normal, ist menschlich. Es steckt in uns drin, das ist immer so: Auch bei einem Flugzeugabsturz gibt es den Impuls zu fragen, ob man überhaupt noch in ein Flugzeug einsteigen kann. Das ist verständlich. Aber wir können uns nicht in unseren Häusern einschließen, wir müssen hinaus unter die Menschen.

Ist die Angst nach einem Terroranschlag oder Amoklauf eine andere als nach einem Flugzeugabsturz oder einer Naturkatastrophe?
Es gibt zwei Blickwinkel. Wenn es dich persönlich betrifft, sieht immer alles anders aus. Ob ein Mensch da stirbt oder da, ist dann nicht das Entscheidende. Heute früh habe ich jemanden im Krankenhaus getroffen, der gesagt hat, es sei schlimm, was in Berlin passiert ist. Aber er selbst habe gerade erfahren, dass es auch für ihn das letzte Weihnachten sein wird. Die Diagnose ist für ihn der Lkw, der reinknallt. Wenn du stirbst - oder deine Mutter, dein Freund, dein Mann, deine Schwester - dann ist der Auslöser letztlich unerheblich. Für diejenigen, die nicht direkt betroffen sind, macht es allerdings einen Unterschied, wenn es ein bewusster Anschlag ist. Da geht es darum, Angst in die Welt zu tragen. Diese Angst lähmt. Angst verändert alles.

Diese Angst wird auch politisch instrumentalisiert, gleich nach den Anschlägen posteten AfD-Funktionäre , es seien "Merkels Tote".
Ja, das ist gefährlich. Gerade bei diesem Thema sollte man sehr vorsichtig sein statt neue Ängste zu schüren. Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem. Bei Facebook und in den Medien wird alles diskutiert, mit Ängsten wird gespielt. Wir leben in einer Welt, in der alles durchgetaktet ist: Was nicht eingeplant ist, bringt die Leute aus dem Konzept. Wenn dann so etwas wie in Berlin passiert, mit Toten, Verletzten, etwas, wo alles zusammenbricht - dann ist nachvollziehbar, dass es Menschen völlig aus der Spur bringt. Wir tun uns schwer im Umgang mit Angst, Leid und Schmerz, mit Verlust und Tod - mit den Einschlägen, die plötzlich alles verändern.

Was ist aus Ihrer Sicht eine angemessene Reaktion?
Ohne Facebook einfach für sich allein daheim eine Kerze anzuzünden und an die Opfer denken, ein Vaterunser beten. Gerade vor Weihnachten ist der Tod ein schmerzhafter Einschnitt - andererseits: Der Tod kommt nie zum richtigen Zeitpunkt. Aber auch wenn es manchmal im Leben nicht einfach ist: Das Leben ist ein Geschenk und das müssen wir bewusst erleben und dann nicht vergessen, was Weihnachten eigentlich ist: Licht in Form eines Menschen der da ist. Wir dürfen uns das Gute nicht nehmen lassen.

Das Gespräch führte Natalie Schalk.