"Glück gehabt" ist definitiv der falsche Ansatz. Zumindest, wenn man hinter dem Steuer sitzt. Paul (Name von der Redaktion geändert) verlässt die Ortschaft in Richtung Landstraße, beschleunigt, schaltet in den nächsten Gang hoch, hält die Tachonadel auf 100 - bis die nächste Geschwindigkeitsbegrenzung angegeben ist.

Gelernt ist gelernt, sowohl Autofahren als auch Schilderlesen, sollte man meinen. Dass sich längst nicht alle Verkehrsteilnehmer von dem runden Schild mit der rot umkreisten 70 beeindrucken lassen, bewiesen die Laser-Messungen der Eberner Polizei auf der B 279 am Heubacher Kreuz am Donnerstag - dem offiziellen Tag des deutschlandweiten Blitzer-Marathons.

Seitenwechsel

Acht Pkw in gut zwei Stunden, "das sind mehr als der normale Durchschnitt", sagt Polizeihauptkommissar Berthold Schineller. Er sitzt neben seiner Kollegin auf dem Beifahrersitz in einem dunkelblauen Zivilwagen am Straßenrand. Zwischen den Beinen steht ein Stativ mit einem viereckigen Gerät darauf, der Laserpistole. "Jetzt, der...", sagt Vanessa Scharf, Polizeiobermeisterin in Ebern. Die Blicke der Beamten sind geschult: Schineller sendet einen neuen Schwall Laserstrahlen aus, das Gerät piepst, schlägt an, Tempolimit definitiv überschritten. Gekracht hat es an diesem Punkt schon häufiger, nicht ohne Grund sei deshalb für einige hundert Meter auf 70 Stundenkilometer begrenzt. Ein Schild weist die Autofahrer darauf hin.

Das hat Paul - und nicht nur Paul - an diesem Morgen, kurz vor 11 Uhr, einfach übersehen: "Noch als ich ins Auto eingestiegen bin, habe ich an den Blitzer-Marathon gedacht", sagt er, nachdem er seine Personalien bei den Polizeibeamten abgegeben und sich seinen Punkt in Flensburg abgeholt hat.

Geblitzt, beziehungsweise eben gelasert, wird auf der Bundesstraße zwischen Ebern und Rentweinsdorf nicht das erste Mal: "Ich fahre hier täglich. Bis jetzt hat es mich noch nie erwischt, schließlich weiß man, dass hier öfter kontrolliert wird", sagt Paul. Er sei in Gedanken gewesen, habe die Musik gerade lauter gedreht, und ohne das 70er-Schild an diesem Tag bewusst wahrzunehmen, ist er dementsprechend auch nicht auf die Bremse getreten: "103", steht deshalb bei Schineller auf dem Lasergerät, der eine Kurz-um-Beschreibung des nächsten Verkehrssünders an seine Kollegen im Streifenwagen einige hundert Meter die Straße aufwärts durchfunkt. Geschwindigkeit, Abstand, Uhrzeit - diese Daten, komplettiert mit Kennzeichen und der persönlichen Anhörung der Fahrer, - braucht die Polizei, um Raser aus dem Verkehr zu ziehen. Bis 93 Stundenkilometer sprechen die Polizeioberkommisare Helmut Matz und Albrecht Mauer eine Verwarnung an die Verkehrsünder aus. Um das Bußgeld kommt zwar keiner herum, dafür bleibt die Anzeigenakte aber unbelastet.

Keine Ausrede

Bei Paul waren es dann heute aber doch noch einmal einige km/h mehr auf dem Tacho. "Ich hab' schlichtweg das Schild nicht gesehen", sagt er und schüttelt über sich selbst den Kopf. Polizist Matz weiß, dass das nicht einmal eine Ausrede ist: "Wer für eine Sekunde nicht aufmerksam den Straßenrand im Blick hat, der fährt einfach an dem einen Hinweis für diese Meter dran vorbei." Abgesehen von gestern, an dem Temposünder nahe Ebern in einem unnatürlichen Ausmaß in die Falle getappt sind, trägt die Polizei an derartigen Verkehrspunkten erfolgreich zur Sicherheit bei: "Ich stand hier auch schon, da waren es zwei Autos in zwei Stunden", sagt Scharf. - "So soll es sein: Durch regelmäßiges Messen am gleichen Punkt wird langsamer gefahren", sagt Nebensitzer Schineller und sieht zufällig durch die Laserkamera in sechsfacher Vergrößerung, dass da einer mit Handy am Steuer unterwegs ist.

Allerdings erreicht der Funk die Kollegen, die noch die Datenaufnahme von Paul abschließen, einen Moment zu spät. "Glück gehabt", sagt Paul, als er aus dem Polizeibus steigt und seinen Führerschein im Geldbeutel verstaut. Klar ärgere er sich, erst recht auf seiner routinierten Strecke. "Aber man muss das so sehen: Ich kann innerhalb von Sekunden Menschen- oder Sachschaden anrichten", da seien 70 Euro und ein Punkt in Flensburg das bessere Lehrmittel. "Ich werde trotzdem zufrieden heimfahren." Zufrieden wird wohl auch die Polizei Ebern mit der Bilanz des Blitzer-Marathons am Kreuz sein. Wobei, ob zufrieden der richtige Ausdruck dafür ist?

Kommentare:

Pro - Wer nicht hören will, muss zahlen.

Ich fahre gerne schnell. Wirklich! Das weiße runde Verkehrsschild mit den vier Parallelen ist mein allerliebstes. Welcher Autofahrer allerdings nicht in der Lage ist, die eben gehörte Radiomeldung oder morgens gelesene Zeitungsnachricht so zu verarbeiten, dass der rechte Fuß das Bremspedal mehr als nur berührt, wenn es die Straßenverkehrsordnung verlangt, der sollte nicht über Bußgeld oder Punkte jammern, sondern sich freuen, dass nicht Hund, Katz und Maus - und schon gar nicht Kind und Kegel - beim Rasen drauf gegangen sind. Blitzer-Marathon: für mich das neue Unwort, das sich nur deshalb durchsetzen kann, weil die Menschheit in ihrer Umtriebigkeit Freiraum dafür schafft. Sarah Dann


Contra - Aktionismus auf der Straße

Es gibt momentan Wichtiges auf der Welt? Krise in Nahost, der Ukraine, Schotten-Referendum. Ja, das sind Themen, aber kein Medium (da schließe ich uns mit ein) kommt dieser Tage ohne den Blitzer-Marathon aus. An allen Ecken und Enden wird gemessen, wie schnell Verkehrsteilnehmer unterwegs sind.
Das hat etwas von Aktionismus. Ein Thema wird mit aller Macht in den Vordergrund geboxt. Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass sich jeder an die Regeln hält, auch an Tempolimits.
Es gibt andere, wichtigere Baustellen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kaputte Brücken, marode Straßen, eine üble Raserei auf Autobahnen. Da sollte der Hebel angesetzt werden. Klaus Schmitt