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Tourismus

Corona zum Trotz: Ist die Tourismussaison 2020 noch zu retten?

Leere Campingplätze und unbelegte Hotelbetten, die weggebrochenenden Besucherzahlen bedrohen die Existenz vieler Kleinunternehmer im Landkreis Haßberge. Hoffnung schöpfen sie jetzt aus der amtlichen Warnung vor Auslandreisen.
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Ein brauner Erdfleck, wo die Dauercamper sonst ihre Wohnmobile in Sand aufstellen.  Foto: Julia Scholl
Ein brauner Erdfleck, wo die Dauercamper sonst ihre Wohnmobile in Sand aufstellen. Foto: Julia Scholl
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Der Campingplatz Sand ist geschlossen. Verdorrtes Gras und unbefestigte Steinplätze zeigen, wo normalerweise Wohnwägen stehen. Am 1. April hätte der Campingplatz seine Tore für Stammgäste und neue Touristen geöffnet. Auf den 3,5 Hektar Wiese hätten die Camper die Saison standesgemäß mit bruzzelndem Grillhähnchen und einer Flasche Bier begrüßt. Die Kinder wären über die Zeltlandschaften stolpernd in den angrenzenden Badesee gesprungen. Doch Corona hat den Ostertourismus zum Erliegen gebracht.

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"Die Dauercampingfahrzeuge stehen noch auf dem Wintercampingplatz. Die Camper dürfen dort aber nicht hin. Die Ausgangsbeschränkung untersagt, dass sich Camper dort aufhalten dürfen", berichtet Corinna Märkl aus der Gemeindeverwaltung Sand. Sie ist für die Verwaltung des Platzes zuständig.

Die laufenden Kosten fallen trotz fehlender Touristen weiter an. Deshalb hat die Verwaltung entschieden, die Platzgebühren der Dauercamper vorerst weiter einzuziehen. Sobald der Platz wiedereröffnet, würden die Camper eine Rückzahlung erhalten, erklärt Märkl.

Alleine in der Geisterstadt

"Eine Person darf noch dort leben. Auf Genehmigung des Landratsamtes, darf der Camper dort bleiben, weil er seinen Erstwohnsitz dort gemeldet hat", berichtet die Verwaltungsangestellte. Der Camper stehe mit seinem Wohnmobil aktuell zwischen den unbewohnten Fahrzeugen seiner einstigen Nachbarn auf dem Winterstellplatz.

Auch für ihn gelte die Ausgangsbeschränkung. Er darf den Campingplatz nur aus triftigem Grund verlassen und dort auch keinen Besuch empfangen. "Er lebt im Wohnmobil wie wir im Haus", erzählt Märkl. Nur, dass seine vier Wände Räder haben und in einer Geister-Camperstadt stehen.

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Untermerzbach ist auch zu

Auch auf dem kleinen Campingplatz "Rückertklause" in Untermerzbach, gebe es ein paar Dauercamper, die in ihren Wohnwägen ausharren müssten, erzählt Platzbetreiber Uwe Kaiser. "Die Zurverfügungstellung einzelner Campingstellplätze, die ausschließlich von Gästen belegt werden, die dort dauerhaft leben und über keine anderweitige Wohnung verfügen, ist zulässig", erklärt er.

Die übrigen seiner 35 Dauerstellplätze und 25 Touristenplätze sind vorerst "bis 19. April geschlossen. Dauercamping könnte eventuell im Mai, touristisches Camping vielleicht im Juni, jedoch mit restriktiven Auflagen und Begrenzungen, anlaufen", hofft der Platzbetreiber.

Sollte sich die Campingsaison weiter hinauszögern, fürchtet auch Kaiser "erhebliche Umsatzeinbußen." Die "Rückertsklause" ist "ein Nebenerwerbsbetrieb ohne Beschäftigte." Da Kaiser noch "Privateinnahmen, sowie die Einnahmen aus dem Dauercamping" bezieht, gerät er "nicht in eine existenzbedrohliche wirtschaftliche Schieflage", berichtet er.

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Das UFO neben dem Brauhaus

"Die Haßberge werden von Urlaubern noch immer schwer gefunden", erzählt Silvia Schuhmann. Ihre Idee, ungewöhnliche, nachhaltige und von der Ausstattung her hochwertige Ferienhäuser und -wohnungen, sollte Gäste anziehen.

Ein "Bauhaus" und ein umgebautes Brauhaus mit insgesamt fünf Wohnungen stehen bereits in Köslau. Ab dem 1. Mai wäre auch ihr neuestes Projekt, das "UFO 47" bezugsbereit. Buchungen gab es viele, dann traf auch Familie Schuhmann die Corona-Ausgangsbeschränkung. Nun steht das ungewöhnliche Bauwerk leer.

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Im Winter vom Sommer leben

"Wir müssen im Sommer Umsatz machen, damit wir im Winter davon leben können", erklärt Schuhmann. Doch die Stornierungen reichen mittlerweile bis weit in den Herbst hinein. Das bereitet ihr große Sorgen, denn die Unsicherheit gerade bei ihren älteren Gästen sei sehr groß.

Dazu kommt, dass Schuhmann keine Stornogebühren für abgesagte Buchungen berechnen darf. Bereits erhaltene Anzahlungen muss sie zurückzahlen. "Das ist also durchaus ein Umstand, der so manchen Vermieter an den Rand der Verzweiflung und der Existenz bringen kann", verrät sie.

Die umsatzstarken Osterferien fallen komplett weg, während Schuhmann Nebenkosten und Löhne weiter bezahlen muss. "Meine Bank hat mir die Tilgungsraten für das Darlehen, das ich für den Neubau des UFOs in Anspruch genommen habe, für ein paar Monate gestundet. Meine beiden Teilzeit-Mitarbeiter werde ich so lange wie möglich weiter beschäftigen." Genug zu tun gäbe es, erzählt Schuhmann. Schließlich werden die Gäste wiederkommen - irgendwann. Bis dahin müssten Wohnungen und Garten aufgehübscht sein.

Schuhmann hofft, dass "sich die Menschen an die Empfehlungen halten, Kontakte so weit wie möglich meiden und die Sache sehr ernst nehmen, damit wir alle bald wieder unser normales Leben aufnehmen, den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schaden so gering wir möglich halten können und den Sommer, auf den wir uns alle freuen, genießen können."

80 Prozent geschäftliche Kunden

Das Hotel "Fränkischer Hof" in Hofheim ist noch geöffnet. Touristen dürfen hier nicht mehr absteigen. "Unter der Woche sind es statistisch gesehen 80 Prozent Geschäftsleute," Vertreter, Monteure, die beruflich in dem Hotel übernachten müssen, berichtet Betreiber Jarek Trejgis.

"Wir sind ein kleines Haus. Wir haben fünf Zimmer, wenn davon drei vermietet sind, ist das schon 60 Prozent Auslastung. Dann ist das gar nicht so tragisch," so der Hotelier. Doch auch ihm fehlen die Familien, Wanderer und Radfahrer, die am Wochenende kommen, um das Naturerlebnis Haßberge zu entdecken.

Fränkisch To Go läuft in Hofheim

Das hoteleigene Restaurant musste er für den Publikumsverkehr schließen. Also hat Trejgis die Hotelküche kurzerhand zu einem Lieferdienst ausgebaut. "Gutlaufen ist relativ, wir sind nicht in Bamberg oder in Nürnberg, wir sind in Hofheim. Verglichen mit dem normalen Geschäft ist das natürlich nichts." Aber den Sonntagsbraten lassen sich seine Stammkunden auch jetzt nicht entgehen. Unter der Woche bestellten vor allem Jüngere Pizza und Burger, berichtet er.

Trotz Umsatzeinbußen zeigt der Hotelier Verständnis für die Maßnahmen der Regierung. "Es ist der Sinn der ganzen Geschichte, dass wir unsere Gäste und potenziellen Gäste schützen und nicht anstecken." Je mehr Leute sich an die Vorgaben der Politik hielten, desto schneller kann auch das Hofheimer Hotel wieder zum Normalbetrieb zurückkehren.

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War's das mit Tourismus in 2020?

"Viele Menschen sprechen mich an, dass wir wohl ein besonders gutes Vermietungsjahr erwarten können, weil die Menschen doch nicht ins Ausland in den Urlaub fliegen dürfen. Leider ist das Gegenteil der Fall", erzählt Ferienhausbetreiberin Schuhmann.

Doch auch sie geht davon aus, dass sich der Lagerkoller bei vielen breitmachen wird. Vielleicht wollen ein paar Städter "ihr Home-Office in einer engen Stadtwohnung" gegen den Blick in die Köslauer Natur tauschen. Sie habe auch schnelles Internet, versichert sie. Oder Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen möchten, könnten sich "in einer Wohnung mit eigenem Eingang und ohne Kontakte von außen einfach sicherer vor Ansteckung fühlen."

Die meisten Unternehmer in der Tourismusbranche versuchen, das beste aus der Situation zu machen. Die Umsatzeinbußen könne sie gar nicht benennen, so Schuhmann. Doch Corinna Märkl aus der Verwaltung in Sand hat Hoffnung: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Tourismussaison 2020 komplett gelaufen ist. Je nachdem, wie lange das noch geht, danach werden sich die Leute freuen, woanders hinzukommen. Fernreisen werden eh gelaufen sein, da gehen viele dann vielleicht campen."

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