Im Oktober gedenkt die Stadt Waischenfeld der Gruppe 47, die vor 50 Jahren in der Pulvermühle tagte und dabei deutsche Literaturgeschichte schrieb. Was geschah in diesen Tagen vom 5. bis 9. Oktober 1967? Einige, die dabei waren, führten darüber Tagebuch, daher wissen wir heute, was damals wirklich geschah.
Einer der Tagebuchschreiber war Hans Werner Richter, der Gründer und Organisator des Literatentreffens seit 1947 - daher kam auch der Name der Gruppe 47. Als Chef des Treffens reiste Richter schon am Donnerstagvormittag an. "Das Gelände vor der Pulvermühle sah merkwürdig aus", berichtete er seinem Tagebuch. "Fünf Kamerateams hatte Posten bezogen und hinter dem Bach hatte eine Demonstration Aufstellung genommen: Ein Zug bärtiger (Männer, die Red.) mit Minirockmädchen", hielt Richter im Tagebuch fest.
Zwei der Erlanger Studenten sprachen mit Richter und forderten eine Diskussion mit der Schriftsteller-Gruppe über eine geplante Resolution gegen den Springer-Konzern. Nachdem sie bei Richter kein Gehör fanden, zogen sie ab, kamen aber zwei Tage später wieder. Richter hatte die Pulvermühle bewusst ausgewählt.Sie ließ sich leicht gegen Störer verteidigen, da man nur die Brücke über die Wiesent sperren musste - was dann auch wirklich geschah - ,um ungebetene Gäste fernzuhalten.
Als der Autor Guntram Vesper am Donnerstagabend in der Pulvermühle ankam, bemerkte er: "Endlich (...) eine Bohlenbrücke führt nach rechts und ins wahrhaft Ungewisse, darauf ein breitschultriger Mann, in der Hand ein Schild: Gaststättenbetrieb geschlossen. Er will mich nicht passieren lassen, Soldat an der Wiesent".
Am Freitag ab 10 Uhr begann nach einer Gedenkminute für den kurz vorher verstorbenen Walter Maria Guggenheimer, der Vorlesemarathon. 25 Schriftsteller durften je 20 Minuten lang aus ihren Werken einem fachkundigen Publikum vorlesen.


Jung und dick

Am Samstag waren laut Vesper "die Namen bekannter, die Texte farbiger, die Lesungen geschulter geworden". Renate Rasp und der spätere Gewinner Jürgen Becker lasen aus ihren Werken.
"Die Stimmung verbessert sich", vermerkte Vesper. Erste "Störer" unter den Erlanger Studenten treten am Samstagnachmittag auf. Einer davon, so schreibt Vesper , war "ein Fremder. Einer, der nicht dazu gehört, jung, dick (..) geht durch den Saal, um den Hals ein Schild: Hier tagt die Familie Saubermann". Er wurde nach draußen geleitet und einige Schriftsteller folgten, stellten sich der Diskussion mit Studenten, die sich im Hof der Gaststätte mit Transparenten aufgestellt hatten.
Reinhard Lettau gab bekannt, dass die Gruppe am Abend vorher eine eigene Resolution verabschiedet habe, in der Axel Springers Pressekonzentration verurteilt wird als "Einschränkung und Verletzung der Meinungsfreiheit".
Damit nahm die Gruppe 47 den Studenten Luft aus den Segeln. Während die Tagungsteilnehmer auf der Terrasse des Gästehauses Kaffee und Kuchen genossen, verbrannten Studenten vor ihren Augen stapelweise Ausgaben der Bild-Zeitung, bemerkte Gabriele Wohmann, die wie Vesper einen Bericht über die Tagung für Toni Richters Buch "Die Gruppe 47" lieferte.
Am Samstagabend war Festball im Festsaal des Gästehauses, zu den Klängen der Gruppe "Sonnys" aus Forchheim. Die Stimmung war gelöst, berichtet eine Lokalreporter, man freute sich mehrheitlich über die Resolution gegen die Springer-Presse. "Gruppenchef" Hans Werner Richter eröffnete mit seiner Frau Toni den Festball mit einem Landler.
Bald war die Tanzfläche gefüllt. Günther Grass zeigte mit Frau Anne "eine kesse Sohle", während andere eher tanzunlustige Literaten bei Wein und Bier angeregte Gespräche führten.


Lob für das Essen

Waischenfelds Bürgermeister Hans Schweßinger durfte die Gäste begrüßen. Er bezeichnete sie als "Elitegruppe der deutschen Literatur". Der Wirt Kaspar Bezold bemerkte befriedigt: "Die trinken aber gut", und die Sonnys mussten auch zu später Stunde unentwegt "heiße Hits" spielen, wie die Lokalpresse anerkennend vermerkt.
Am Sonntagvormittag begann unmittelbar nach der Wahl Beckers zum Gewinner des Preises die Ausbruchstimmung in der Pulvermühle. Günther Grass bedankte sich für die guten Knödel und Wolf-Dietrich Schnurre lobte darüber hinaus die guten Forellen - dies ist im Gästebuch der Pulvermühle nachzulesen.