Marion Krüger-Hundrup Die Werke von Manfred Scharpf gelten als Solitäre der zeitgenössischen Kunst. Sie zeichnen sich durch sein meisterliches Spiel zwischen Vergangenheit, Tradition und Moderne aus. Durch ein scheinbar müheloses Verweben von Zeitebenen mit aktuellen Bezügen. Durch gekonntes Vermitteln einer sinnlichen Resonanz der Symbiose von Mensch, Natur und Kunst.

Bamberg kommt nun in den Genuss, gleich zwanzig überwiegend neue, großformatige Bilder des 75-jährigen Allgäuers Manfred Scharpf bewundern zu können: An diesem Freitag öffnet das Diözesanmuseum mit dieser Sonderausstellung wieder seine Pforten - als erstes Museum in der Stadt nach der Corona-Durststrecke. Am Internationalen Museumstag am kommenden Sonntag ist dieses Schatzhaus auch das einzige Museum, das im Weltkulturerbe Bamberg geöffnet hat - und das bei freiem Eintritt.

Museumschef Holger Kempkens weiß zu jedem der Scharpf-Exponate eine eigene Geschichte zu erzählen. Zumindest ein Angebot einer Interpretation dieses durchaus frivol klingenden Titels der Sonderschau "Blind Date...". Der Betrachter erlebt ein Rendezvous mit feinsten Pinselstrichen, mit Farb- und Formenexplosionen. Vor allem mit "Farben der Welt, die manchmal schockierend, manchmal grausam und doch am Ende so schön sind", sagt Manfred Scharpf selbst gegenüber unserer Zeitung.

Es gäbe noch viel dazu zu sagen, fügt er hinzu, "denn ich bin voll bis unter die Haare davon, und wahrscheinlich ist es das Thema meines Lebens überhaupt".

Vielleicht sei es aber auch das Thema eines jeden Menschen, der unter bedrohter Sinnhaftigkeit leidet. Es gehe darum, in der dunklen Höhle der Welt die Angst zu überwinden und mit der Neugier eines Kindes zu erwarten, dass vielleicht hinter dem Dunklen das Wunderbare liege, eröffnet Scharpf eine Sichtweise auf seine Werke.

"Heilende Kraft der Natur"

Der Künstler spricht über die "heilende Kraft von Natur, Empathie und Kunst", ganz im Sinne des Altvorderen Leonardo da Vinci. Dieser habe gefordert, das Wahre, das Gute und das Schöne im Werk und darüber in sich selbst zu entdecken, weiß Manfred Scharpf. Für ihn sind Natur, menschliche Beziehungen und vor allem die Kunst heilende Felder, wenn sie zugelassen werden: "Wir können es als ein Abenteuer, ähnlich der Begegnung in einem Blind Date sehen und so davon profitieren."

"Blind Dates" lagen allen im Diözesanmuseum ausgestellten Bildern zugrunde, das heißt Begegnungen wie zum Beispiel mit dem Pariser Streetart Künstler DenEnd, der aus Scharpfs klassischer "Mona Lisa" ein ungewöhnlich poppiges Gemälde entwickelte.

Oder das Zusammentreffen mit der berühmten Nofretete-Büste im Neuen Museum in Berlin, die Manfred Scharpf zu seinem Diptychon "Nefertiti - die Schöne" inspirierte. Selbst ein Meeting mit dem "Salvator Mundi" ist für den Meister nichts Ungewöhnliches: Er bietet einen Rekonstruktionsvorschlag eines heute verschollenen Christusgemäldes von Leonardo da Vinci (1452 - 1519) an und bezieht dabei auch das heutige Wissen der Psychologie wie ebenso seine eigenen Welterfahrungen ein.

"Er schafft irritierende Kontraste, die einen großen Reiz haben", erläutert Kempkens und zeigt zum Beispiel weiter auf das Doppelbildnis "Wärmetausch": Eine würdevolle kühle Europäerin mit einer Plastikkette wohl von Prada um den Hals blickt auf die "Wärme Afrikas", auf eine Afrikanerin - ebenfalls mit einer Kette. Dialog oder Konfrontation oder Kooperation? Oder beide Sklavinnen unterschiedlichster Prägung?

Theologische Themen

Unübersehbar steht das Triptychon "Beatrice - Weg aus dem Dunkel" im Zentrum der Ausstellung. Es übernimmt Maße und inhaltliches Programm des berühmten gotischen Wurzacher Altares von Hans Multscher (1437). Die theologischen Themen dieses mittelalterlichen Flügelaltars - "Marienlegende" (außen), "Passion Christi" (innen), hat Manfred Scharpf in unsere Zeit gestellt und das im gotischen Werk fehlende Zentralbild ersetzt. Dantes Inferno bildet einen Teil des Hintergrundes. Es ist ein Kompendium der Verstörungen, der Süchte und Hoffnungen, die bewegen und lähmen - und die gleichzeitig das Kraftpotenzial mittelalterlicher Altäre nahebringen. Dieses Triptychon ist eine Dauerleihgabe des Künstlers Scharpf an das Diözesanmuseum.

"Es waren nie geplante, sondern immer überraschende Begegnungen mit Natur, Mensch oder Kunst, die in meiner Arbeit zu Neuem führte. Und immer führte mich etwas tief in mir Ruhendes genau dorthin, wo der Erkenntnisgewinn wartete", sagt Manfred Scharpf. Das sei ja eigentlich der spirituelle Grund - oder auch das Unbewusste, das solches vermag. Es müsse allerdings die Prüfung durch den Verstand bestehen, um im Herzen die Entscheidung von richtig und falsch treffen zu können.