Mit 16 500 Mitgliedern könnte der Sportverband Coburg eine Macht darstellen. Tut er aber nicht: Die 16 500 Mitglieder verteilen sich auf 64 Vereine, die sich zum Teil auch als Konkurrenten begreifen. Und: 16 500 sind in einer Stadt mit 41 000 Einwohnern keine Mehrheit. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Michael Schulz, Zweiter Vorsitzender des Sportverbands Coburg, schon froh war, dass er das Gefühl haben kann, der Sportverband sei auch künftig anerkannter Gesprächspartner der maßgeblichen Politiker in Coburg.

Zumindest derjenigen, die der oder die maßgebliche Politiker/-in werden wollen: Auch der Sportverband hatte die Oberbürgermeisterkandidaten zum Podiumsgespräch geladen. Zu Beginn hatten sich nur sechs der neun Bewerber auf die Barstühle geklemmt: René Hähnlein (Linke) fehlte wie bei bislang allen Diskussionen, Michael Partes (ÖDP) war verhindert, Dominik Sauerteig (SPD) kam exakt die angekündigte halbe Stunde später, weil seine Partei zeitgleich eine Veranstaltung zum Thema sozialer Wohnungsbau mit einem Referenten aus Wien angesetzt hatte. 64 Mitgliedsvereine gehören dem Sportverband an, im VIP-Raum der HUK-Coburg Arena saßen am Mittwochabend gut 50 Zuhörer, darunter etliche Stadtrats-Kandidaten.

Ein "lockeres Gespräch" solle es werden, hatte Schulz zu Anfang gesagt. Der Sportverband wünscht für die Vereine Geld, Sportstätten, Anerkennung. Letzteres erhielten Schulz und die rund 50 Zuhörer bereitwillig, in Form von "warmen Worten", wie es Dominik Sauerteig ausdrückte. Christian Müller (CSB) setzte das in Form einer Belobigung mit Handschlag stellvertretend für Schulz in die Tat um. Diese gespielte Szene war aber schon das einzig nicht Vorhersehbare an diesem Abend.

Ansonsten wurde schön der Reihe nach abgefragt, mal von links (aus Zuschauersicht) von Müller bis Sauerteig, mal umgekehrt. Martina Benzel-Weyh (Coburger Liste), die exakt in der Mitte saß, sprach offen aus, dass sie sich das zunutze machte: Bis sie dran kam, war das Wesentliche gesagt, und sie musste nur noch was Nettes ergänzen, ohne irgendwelche Risiken einzugehen. Das tat am ehesten noch Ina Sinterhauf (Grüne), die nicht nur zugab, dass sie keine Sportlerin ist, sondern auch, dass sie Sport nicht als ihre Chefsache sieht: Das Referat könnten auch der Zweite oder Dritte Bürgermeister übernehmen - Hauptsache, jemand Kompetentes. Aber sie erntete mit den stärksten Beifall, als sie analysierte, was das Ehrenamt am meisten behindert: Sobald die Funktionäre in den Vereinen nur noch gegen Hindernisse laufen, vergeht der Spaß, aus dem die Ehrenamtlichen ihre Motivation fürs Amt schöpfen. Thomas Apfel (WPC) lieferte fürs Hindernisse beseitigen einen praktischen Ansatz. Er sprach davon, das städtische Sportamt zu einer Art Servicestelle für Vereine auszubauen. Das Echo aus dem Publikum blieb verhalten, genauso wie für Christian Meyers (CSU) Vorschlag, Open-Air-Karten zu verlosen.

Mit 175  000 Euro pro Jahr fördert die Stadt die Vereine direkt. Dass der Sportverband die Mittel künftig nach den Kriterien Jugendförderung, Breitensport, Spitzensport und Investitionen verteilt haben möchte (mit einer deutlichen Aufstockung der Jugendförderung), stieß grundsätzlich auf offene Ohren. Für die Floßanger-Sporthalle gab es eine halbe Zusage: Bis 2028 steht die BGS-Sporthalle noch zur Verfügung. Wenn die Stadt diese ersetzen will, dann müssen die Vorbereitungen spätestens 2023 beginnen. Mehr Hallenkapazität schafft das jedoch nicht. Aber mit "Ersatz für die BGS-Halle" hatte in dieser Runde Dominik Sauerteig die Richtung vorgegeben. Lediglich Thomas Apfel (WPC) forderte, die Halle vorher zu bauen. Immerhin widersprach keiner der Forderung nach einer Zuschauertribüne, was die Bedingungen für zuschauerträchtige Sportveranstaltungen verbessern würde. Zwischen der Pestalozzi-Sporthalle (300 Plätze) und der HUK-Coburg-Arena (3500 Plätze) gibt es nämlich derzeit nichts.

In Sachen Schwimmhalle wird auf Antrag der CSU-Fraktion geprüft, ob das Springerbecken überdacht und multifunktional umgebaut werden kann. Dass ein Lehrschwimmbecken fehlt, darüber herrschte Einigkeit, genauso wie beim Kletterzentrum, das erweitert werden soll. Die Sektion Coburg des Deutschen Alpenvereins (DAV, mit 4000 Mitgliedern der größte Coburger Verein) hatte da gut vorgearbeitet. Der Tag der offenen Tür hatte deutlich gemacht, dass das Kletterzentrum inzwischen zu klein ist und dass die Sektion da eine immense (ehrenamtliche) Arbeit leistet. Da kann kein Politiker, der gewählt werden will, Nein sagen. Beim Kunstrasenplatz schon eher: Wenn, dann auf städtischem Grund und allen interessierten Vereinen zur Verfügung stehend, so der Kandidaten-Konsens. Sauerteig nahm hier die Vereine in die Pflicht: Die müssten sich dann einigen, wie die Nutzungszeiten verteilt werden.

Der Sportverband könnte diese Diskussion moderieren. Aber offenbar trauen ihm das nicht einmal die Mitglieder zu. Marten Beck (Coburger Turnerschaft) forderte, dass die Stadt mögliche Kooperationen zwischen den Vereinen "professioneller" voranbringen müsse. Wie Sport-Lobbyismus aussehen kann, zeigte Jürgen Rückert, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landessportverbands (BLSV). Er wies darauf hin, dass die Oberbürgermeister über den Städtetag Einfluss nehmen könnten auf die Bundespolitik. Der Bund müsse die Ehrenamtspauschale für die Übungsleiter erhöhen und Bürokratie abbauen.

s.bastian@infranken.de