Muss die Geschichte von Lichtenfels umgeschrieben werden? In der Pressekonferenz zu Ergebnissen der Grabungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen "Deichmann-Hauses" entfuhr Stadtbaumeister Gerhard Pülz eine launige Formulierung dieser Art, freilich nicht ganz ernst gemeint. Was aber neu in Betracht gezogen werden darf, ist eine Rückdatierung der Besiedelung um mehrere Jahrhunderte.

Seit Monaten gehen die Lichtenfelser, so sie den Marktplatz betreten, an einem doppelten Vorkommnis vorüber: Tiefbauarbeiten und Grabungsstätte. Dort, wo das Archiv der Zukunft entstehen wird, grub sich ReVe (Büro für Archäologie, Bamberg) zur Vergangenheit durch. Es wurde vor Monaten gar ein Keller-Tonnengewölbe abgebaut, nummeriert, eingelagert und nun wieder nummeriert eingebaut.

Hand in Hand mit dem Landesamt

Aufwand, den man gerne betreibt, wie Stefan Mehl von der R+G Beteiligungs-GmbH versichert. Sie hat das Archiv der Zukunft angestrebt, sie arbeitet aber auch Hand in Hand mit dem Landesamt für Denkmalpflege oder eben jenem Büro für Archäologie. Als man sich gestern um 9 Uhr versammelte, um Einblicke in Funde und neue Kenntnisse zur Adresse Marktplatz 2 zu geben, sollte bald Nieselregen einsetzen. Für die Grabungsarbeiter bedeutet das ein Arbeiten und Zusammenrücken unterm Zelt. Für Stefan Mehl, Grabungsleiter Michael Jandejsek, Andreas Büttner vom Landesamt für Denkmalpflege und weitere Personen bedeutete es einen Gang nach nebenan in das Haus, in dem das Archiv der Zukunft in prominent gelber Farbe für sich wirbt.

Dann packt Jandejsek aus. Der Mittelalterarchäologe stellt Keramiken auf einen Tisch, von der eine ein honigfarben glasiertes Fläschchen war. "Etwas Parfümartiges", so die Vermutung zu dem Gegenstand aus dem 12. bzw. 13. Jahrhundert. Dann aber könnte der dazugehörige Hausstand ein gehobener gewesen sein. Was diese These stützte, war der zweite Fund, eine weitere kleine Keramik, von der man annehmen darf, dass sie der Springer eines Schachspiels war. "Ein erneuter Hinweis auf Höherstehende", wie Büttner dazu bemerkte, denn Schach spielten keine gewöhnlichen Leute. Noch heute, so der Mann, werde er Fundstücke ins Zentrallabor des Landesamts für Denkmalpflege mitnehmen.

Was allerdings verblüffte, war eine Art Topf mit "relativ kurioser Abdeckung", so Büttner. Er jedenfalls habe "noch keine vergleichbare gesehen". Es handelt sich um ein Aufbewahrungsgefäß, welches ebenfalls einer Analyse zugeführt wird.

 

Scherben aus dem Frühmittelalter?

Doch was das Entscheidende für die Einschätzung des Alters von Lichtenfels, zu dem die Geschichtsschreibung 1142 beginnt, sein könnte, waren Scherbenfunde aus dem Frühmittelalter. Die Rede kam auf das 8. bzw. 9. Jahrhundert. Kurios dabei: Aus dem 19. Jahrhundert stammt ein Hinweis auf ein karolingisches Gräberfeld im erweiterten Umgriff der Fundstätte. Eine Dissertation von 2004 zweifelte diese Möglichkeit an. Jetzt aber könnte das Gräberfeld wieder wahrscheinlicher sein. Auf jeden Fall handele es sich um Funde, die über die gesicherte Stadtgeschichte hinausgehen.

Eine weitere Annahme, die von Jandejsek geäußert wurde, bestand darin, dass der Grabungsort zur Zeit der Ausweitung von Lichtenfels durch das Geschlecht der Andechs-Meranier (13. Jahrhundert) eine Art Baustelleneinrichtung gewesen sein mochte. Es standen Brennöfen hier, die allerdings vor dem 13. Jahrhundert erbaut wurden, hier mochte ein Depot gewesen sein, hier habe man auch Kalk löschen können.

Noch bis zum Ende der nächsten Woche werden die Grabungen an der Westseite der Stätte vonstatten gehen, dann gewinnt das Bauvorhaben am Archiv der Zukunft wieder an Vorrang. Noch vor dem Wintereinbruch, so Mehl, wolle man hier eine Wand hochziehen. Die Grabungen im Ostteil, also wenige Meter entfernt, werden noch bis zum Ende Oktober währen. Auch wolle man überlegen, wie und wo man die Funde dauerhaft ausstellen könnte.