Der Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) geht mit Videovorträgen und -führungen im Internet neue Wege der Wissensvermittlung. Von den beiden Weltkriegen über regionale historische Gebäude und Gedenktage erstrecken sich die Themen.

Es rauscht und hallt ein bisschen, aber die tiefe Stimme des Diplom-Theologen Josef Motschmann nimmt ihre Zuhörer sofort mit in die Vergangenheit, die ebenso klingt. Der 2016 verstorbene Historiker gibt bei seinem Vortrag "Hintergründe zur Kriegsbegeisterung 1914" an, sein Publikum in die Zeit "hineinstupsen" zu wollen. Nach ein paar Minuten ist man wie gefangen und erlebt diese Zeit tatsächlich in Gedanken mit - auch heute noch und auf dem neuen Ledersofa im heimischen Wohnzimmer. Der große fränkische Geschichtsverein geht mit diesem Angebot über die Internetplattform "vimeo.com" neue Wege der Wissensvermittlung, die er u. a. in den sozialen Netzwerken bewirbt. Dort ist das Feedback positiv. Die Idee hierfür gab es schon länger.

"Aber wann, wenn nicht jetzt, sollten wir sie umsetzen? Jetzt war die Notwendigkeit groß und Zeit dafür da", so Vorsitzender Günter Dippold. Er betrachtet das neue Online-Angebot aber keinesfalls als Notlösung für Corona-Zeiten, sondern vielmehr als ein Weg hin zur Barrierefreiheit im Verein.

Ungeniert reinschnuppern

Die "analogen" Veranstaltungen des CHW, von welchen bisher bereits 28 Termine ausgefallen sind bzw. ausfallen werden, sind öffentlich und, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ohne Eintrittsgeld oder Teilnahmegebühr für jedermann zugänglich. Sie sind offen für alle, denen (regionale) Geschichte etwas bedeutet. "Gleiches gilt für das Online-Angebot. Es ermöglicht überdies die Teilhabe auch allen, die in ihrer Mobilität auf irgendeine Weise eingeschränkt sind oder die einfach am Abend nicht gern außer Haus gehen oder die während unserer üblichen Veranstaltungszeiten aufgrund beruflicher oder familiärer Pflichten nicht zu Vorträgen oder Führungen kommen können", so Günter Dippold. Außerdem könne man so mal ganz ungeniert reinschnuppern.

Die Tonqualität der Filme ist oftmals nicht ideal, dafür "historisch". Die Bandbreite der Themen ist dagegen groß und soll stetig erweitert werden: So erinnert etwa Bezirksheimatpfleger Günter Dippold in seiner Rede zum Tag der Franken von 2019 an den Tag des Mauerfalls für die Schwesterstädte Sonneberg und Neustadt, ihr Zusammenwachsen in den letzten Jahrzehnten und ihr gemeinsames Erbe. Josef Motschmann geht in seinem zweiten Vortrag zudem auf das Kriegsende 1945 speziell am Obermain ein.

Die Bamberger Kreisheimatpflegerin Annette Schäfer nimmt in einer "Video"-Reise mit zur Helenenkapelle oberhalb des Maines bei Kemmern. Ebenso auf regionalen Spuren schreitet Kunsthistoriker Robert Schäfer in seiner Führung "Der Schlössleshöppel bei Großbuchfeld" online voran.

Für das Filmmaterial ist das CHW dankbar: Einige Filme wurden eigens erstellt, beispielsweise durch die Eheleute Schäfer, andere waren Mitschnitte bei einer Veranstaltung, die von einem Mitglied mit Zustimmung des Referenten erstellt wurden - eigentlich für private Zwecke. Nun erhalten diese eine ganz neue Bedeutung und sind eingebettet in eine Reihe von Maßnahmen des CHW, das nach Bekanntwerden der Ausgangsbeschränkungen und Veranstaltungsverbote gewissermaßen dreistufig vorgegangen ist. Vor der Aufarbeitung und Bereitstellung des Online-Angebots hat der Verein zunächst seine älteren Jahrbücher, die ja ihren inhaltlichen Wert behalten haben, zu stark reduzierten Sonderpreisen angeboten. Dies gilt weiterhin, solange keine Veranstaltungen stattfinden. Ebenso wurden die vergriffenen Jahrbücher aus den 60er und 70er Jahren digitalisiert und auf die Homepage www.chw-franken.de gestellt.

Auch wenn diese neuen medialen Geschichtsformen sicherlich kein "Geschichten erzählen" von Angesicht zu Angesicht oder eine Wanderung vor Ort ersetzt, bieten sie doch eine Möglichkeit, um in Kontakt mit der Geschichte zu bleiben. Auch die zeitliche Unabhängigkeit von Ort und Zeit spricht für dieses neue Angebot, ebenso wie die Möglichkeit, auch jüngere Familienmitglieder zu einer "Geschichtsstunde" einzuladen. Vielleicht ist es eine Chance, auch neue Zielgruppen für die Geschichtsvermittlung anzusprechen.

Für Günter Dippold steht das fest: "Das Angebot wird daher über die jetzige Seuchenzeit hinaus bestehen bleiben und immer wieder ergänzt werden. Andererseits können solche Filme, Vorträge oder Führungen vor Publikum nicht ersetzen. Kultur braucht Begegnung, und ich glaube, dass Begegnung nur im digitalen Raum nicht genügt. Kurz und gut, es wird nach Corona weitergehen wie gewohnt - aber mit einem zusätzlichen Online-Angebot."

Das Colloquium Historicum Wirsbergense erhält keine üppigen Zuschüsse, sondern lebt von seinen Mitgliedsbeiträgen. "Das CHW gewinnt Mitglieder üblicherweise durch seine bzw. bei seinen Veranstaltungen. Ohne Veranstaltungen gehen die Beitrittszahlen zurück - aber gestorben und auch aus Altersgründen ausgetreten wird weiterhin. Wer also dem Verein helfen will, der möge sich zu einem Beitritt entschließen. Der Jahresbeitrag von 20 Euro ist überschaubar, und immerhin bekommt man im Gegenzug ein Buch im gleichen Wert - und man tut obendrein was Gutes", wirbt Günter Dippold.