Rund 315 leere Chipstüten hat Marie Louise Klause in den vergangenen Monaten gesammelt und als Basis für ihr Abschlussprojekt "Körperschmuck" verflochten. Das graue Material schimmert, die Zacken sind beinahe sanft, die geschwungenen Kreise robust. Mit ihrem Abschlussprojekt möchte die Schülerin der Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung zum einen die Möglichkeiten des Flechtwerks in der Mode aufzeigen. Dort gebe es noch viel Spielraum, sagt sie. Zum anderen zieht Klause einen Bezug zum Menschen und zeigt, wie man mit Verpackungsmüll neu umgehen kann. "Ich kann mir den Körperschmuck gut im Museum oder bei einer Kunsthandwerksausstellung vorstellen", erklärt sie.

Die junge Frau ist eine von vier Absolventinnen der einzigen Korbfachschule Deutschlands. Sie alle dürfen sich fortan "Staatlich geprüfte Flechtwerkgestalter*in" nennen. Der Schwerpunkt der dreijährigen Ausbildung liegt auf dem fachpraktischen Unterricht, wie dem Erlernen verschiedener Flechttechniken zum Herstellen von Körben, Möbeln und Objekten nach Vorgaben und eigenen Entwürfen.

An Ideen mangelt es den Frauen nicht: Clara Maria Walter wusste etwa schon seit dem Besuch des Korbmarktes in ihrem ersten Lehrjahr, dass sie mal eine eigene Tasche gestalten möchte. Entstanden ist so eine Binsentasche in Kombination mit einer gebrauchten LKW-Plane. Ihr gefällt vor allem die Kombination aus Handwerk und Kreativität: Mit den Händen etwas frei formen und die Kunst frei ausleben können.

Altes Handwerk in neuer Zeit

Eine ähnliche Vorliebe hat ihre Kollegin Marie Gülich entwickelt: Sie hat eine Kombination aus Rucksack und Tasche gefertigt, die sich vom Träger durch die Gurte an verschiedene Gelegenheiten anpassen lässt. Sie hat die Weide als Material gewählt und mit Jeans-Stoff abgerundet: Man kann die Tasche im Alltag tragen und sieht das Handwerk "quasi nebenbei", erzählt sie. "Es ist ein tolles, altes Handwerk, das so ausgeführt wird, wie es schon immer gemacht wurde." Im Vergleich zu anderen Handwerksdisziplinen wie zum Beispiel der Buchbinderei komme die Flechtwerkgestaltung auch heute noch weitgehend ohne maschinelle Hilfe aus.

Ihre Mitschülerin Stephanie Jensen fasziniert zudem die Vielseitigkeit des Handwerks: Von Einkaufskörben über Stühle und andere Möbel reicht die Bandbreite der gestaltbaren Produkte. Sie ist mit ihrem Dekorationsobjekt klassisch geblieben. Ihre geflochtene Schale ist robust und zieht dennoch Aufmerksamkeit auf sich.

Keine öffentliche Präsentation

Die Corona-Krise habe den Abschlussjahrgang in den vergangenen Monaten zumindest nicht schwerwiegend beeinflusst: Da sich die Schülerinnen ab Ende März schon mitten in den Planungen zu ihrem Abschlussprojekt befunden haben, fiel durch die vorübergehende Corona-bedingte Schließung der Schule kein Unterricht aus. Lediglich die Abschlussprüfungen verschoben sich um wenige Wochen. Was jedoch einen Einschnitt darstellt, ist die fehlende Präsentation der Abschlussarbeiten beim diesjährigen Korbmarkt. Denn dieser wurde abgesagt. "Das ist unwürdig", sagt Günter Mix, Fachoberlehrer und Fachbereichsleiter Möbelbau an der Berufsfachschule. "Die Schülerinnen werden ihre Werke wohl einfach mit nach Hause nehmen."

Ausstellung fiel aus

Da die Schülerinnen und Schüler der Korbfachschule aus ganz Deutschland kommen, so auch die vier Absolventinnen, werde eine nachträgliche Ausstellung auch schwierig umzusetzen sein. Der Lehrer lobte die Kreativität dieses Abschlussjahrgangs. Der Beruf an sich habe es heute jedoch schwer. Es müssen oft Nischen gesucht und gefunden werden und man muss sich selbst gut verkaufen können. "Da besteht bei den vier Frauen aber kein Zweifel."

Tatsächlich haben alle schon Pläne für die Zukunft: Walter hat bereits einen Ausbildungsplatz als Arbeitserzieherin, für den eine dreijährige handwerkliche Ausbildung, wie die in der Lichtenfelser Berufsfachschule, Voraussetzung ist. Sie wird fortan weiterlernen, arbeitserzieherische und -therapeutische Maßnahmen für Menschen mit und ohne Behinderung zu planen und zu gestalten - mit dem Ziel, sie in die Arbeitswelt einzugliedern.

Gülich wird sich ebenfalls noch weiterqualifizieren, um ein "sicheres Standbein" zu erwerben. Ihr Ziel ist es jedoch, sich selbstständig zu machen. Auch Klause wird sich über ein Erasmus-Programm im europäischen Ausland weiterbilden: "Es gibt so viele Flechttechniken auf der Welt, die man hier nicht kennt. Vielleicht gehe ich nach Spanien. Man kann noch so viel lernen."

Dem schließt sich ihre Jensen an. Auch sie hat ein Erasmus-Programm fest für das nächste Jahr ins Auge gefasst, möchte sich aber erst einmal eine eigene Werkstatt einrichten.