Ist er das? Ist das Tarabas, der schwarze Ritter? Der die schöne Prinzessin Aurelia geraubt und in die Unterwelt gebracht hat? Nach der Show - es ist 23 Uhr, die Fanfaren sind verklungen, die Feuer erloschen - kommt Viktor Novak in die Arena gelaufen. Am Zügel führt er seinen spanischen Hengst Donno. Viktors helle Augen reflektieren das Scheinwerferlicht, wilde Locken züngeln um seinen Kopf. Er winkt und lächelt ins Publikum, das noch ganz im Bann der eben erlebten Geschichte steht und nur zögerlich die Ränge verlässt. Dann stürmt er auf eine junge Frau zu. Er umarmt sie und gibt ihr einen herzhaften Kuss.

Die junge Frau reckt den Daumen in die Luft: "Du warst super als Tarabas. Die ganze Premiere war gut!" Perdita Christ kann das beurteilen. Sie ist Schauspielerin und selbst schon in die Rolle der Aurelia geschlüpft. Außerdem hat sie "Das magische Amulett" zusammen mit Viktor verfasst und choreografiert - jenes Ritterspiel also, das am Samstagabend Premiere im Erlebnispark Schloss Thurn hatte.

Insgesamt 40 Stuntmen, Feuerkünstler, tollkühne Reiter und gewitzte Gaukler führen dem Publikum vor Augen, wie das gold-glänzende Königsamulett, das das Reich vor Bösem schützt, in falsche Hände gerät. Wie die junge Prinzessin Aurelia verzaubert wird. Und ihr Geliebter, Prinz Tizian, alles daran setzt, um sie zu retten.

Ob es ihm gelingt? Zuerst einmal sieht es sehr düster für Tizian aus. Seine Aurelia wird im Bann des Bösen zu einem Biest. Schafft Tizian es trotz ihrer Verwandlung, an ihre Liebe und eine gemeinsame Zukunft zu glauben?

Der böse Tarabas jedenfalls tut alles, um Tizian zu schwächen. Nur gut, dass es im Königreich zauberhafte Elfen gibt. Mit ihrem sphärischen Gesang und dem verwirrenden Schimmern ihrer zart-blauen Flügel schaffen sie es, das Kampfgebrüll zum Verstummen zu bringen.

Tarabas - diesen Namen hat Perdita Christ ausgewählt. "Sie war in Kindertagen in eine Filmfigur verliebt, die so hieß", erzählt Viktor Novak und drückt seine Freundin an sich. Mit seiner offenen Art, seinen leuchtenden Augen und dem sympathischen Grinsen kann man kaum glauben, dass er soeben noch den perfekten Bösewicht gegeben hat. Viktor Novak ist der Chef der aus Prag stammenden Stunt-Gruppe "Haraldos", die aus Filmen wie "Dragon Heart" und "Johanna von Orleans" bekannt ist. Seit gut 15 Jahren ist ein Teil der "Haraldos" den ganzen Sommer über in Heroldsbach stationiert. "Wir leben hier richtig mit."

"Wir können hier im Park sehr selbstständig arbeiten, neue Ideen entwickeln und umsetzen", erzählt der 33-Jährige. Morgens um 8 Uhr ins Büro, um 12 Uhr Mittagspause und um 16.45 Uhr Feierabend? "Das wäre nichts für mich!" Energisch schüttelt Viktor seine Haarpracht. "Ich mag es nicht, wenn jeder Tag gleich ist." Er schläft gern aus, arbeitet dafür aber auch länger als die üblichen acht Stunden. Er trainiert täglich seine Pferde - allesamt reinrassige Tiere wie spanische P.R.E.-Hengste oder Friesen -, übt Dressuren mit ihnen ein und probiert neue Stunts aus.

Für die Feuer-Show lernten Hengst Donno und seine Artgenossen, ihre natürliche Furcht vor Flammen zu beherrschen. Davon zeugen spektakuläre Stunts, unter anderem mit rauchenden Feuerbalken und brennenden Körben, die zwischen den galoppierenden Pferden hängen. "Angst habe ich nicht, weder beim Üben noch in der Vorstellung. Wir Trainer haben untereinander und zu den Tieren ein gutes Vertrauensverhältnis", sagt Viktor Novak. "Aber immer ist ein gewisser Respekt dabei. Der ist auch nötig, denke ich."


Sportlich und teamfähig

Als Chef ist er außerdem dafür zuständig, seine Crew den jeweiligen Anforderungen der Shows entsprechend anzupassen. "Das funktioniert ähnlich wie bei Filmen. Es gibt Castings, bei denen geschaut wird, wer wofür geeignet ist." Sportlich und teamfähig müssen die Kandidaten in jedem Fall sein. Dazu kommen besondere Fähigkeiten für spezielle Aufgaben. Für das "Magische Amulett" wurden neben 13 feuererprobten "Haraldos" auch eine ganze Bodentruppe tschechischer Stuntmen ("Czech Stuntfighters"), Stunt-Frau Kaja Florence Wild und etliche freischaffende Gaukler verpflichtet, die für flammende Shows "brennen".

Damit eine Geschichte die Besucher auch wirklich ergreift und fesselt, müssen nicht nur Stunts und Reitkünste stimmen, sondern auch die Kostüme. "Viks Schwager hat die schwarze Rüstung des Tarabas angefertigt, genauso wie das Leder- und Metall-Kostüm der bösen Aurelia", berichtet Perdita Christ. Überhaupt ist fast die ganze Familie irgendwie involviert. Viktors Schwestern packen in Heroldsbach tatkräftig mit an, während der Vater derzeit mit dem anderen Teil der "Haraldos" in Europa auf Tour ist. "Wir lieben dieses freie Leben. Auch wenn man dabei gar nicht so viel Freizeit hat", stellt Viktor lachend fest.

Das Schönste ist, wenn die Leute nach der Show begeistert sind, laut applaudieren oder das Gespräch mit den Künstlern suchen. "Dann fällt die ganze Anspannung von einem ab." Anspannung? Hat man nach so vielen Jahren Bühnenerfahrung noch Nervenflattern - immerhin ist der 33-Jährige ja im Stunt-Zirkus seines Vaters groß geworden? Viktor nickt: "Ja, das geht nicht weg. Das kommt vor jeder Show und besonders vor jeder Premiere."

Die Premiere des "Magischen Amuletts" ist geglückt. Während die letzten Strohballen noch rauchen - ein Ritterheer ist kurz vorher über sie hinweggaloppiert - finden sich die strahlenden Darsteller vor der Burg-Kulisse ein und winken ins Publikum. Eine junge Zuschauerin ist so nah wie möglich zur Bühne gekommen, hält sich am Geländer fest und schaut sehnsüchtig in die Arena. Die Neunjährige hat ganz rote Wangen vor Aufregung. Ihr Name ist Hannah Wenderodt. Sie kommt aus Hamburg. Schon seit einigen Jahren tun ihr die Eltern jeden Sommer einen großen Gefallen: "Wir reisen mit ihr nach Heroldsbach, um die jeweils aktuelle Show der ,Haraldos‘ anzuschauen." Für Hannah ist das ganz offensichtlich das größte Glück.

"Ich will auch Stunt-Frau werden", flüstert sie, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von Perdita, Viktor und Donno zu wenden.