Wie aus der Zeit gefallen wirkt die alte Bauernscheune in Unterlindelbach. Vor einer Woche stand das Holzgerippe noch. Balken für Balken zerlegen Bauleiter Sascha Troßmann und sein Kollege nun das Fachwerk-Gebäude. "Die Handwerkskunst ist wirklich faszinierend", meint Troßmann. Das Holz zeugt von der langen Geschichte der historischen Scheune: Eine Jahrringbestimmung datiert den Bau auf 1695/96. Das heißt, die Bauernscheune stand über 320 Jahre an dieser Stelle in Unterlindelbach. Jetzt zieht das oberfränkische Bauzeitzeugnis ins Freilandmuseum Bad Windsheim.

Das Nachbar-Haus wartet bereits

"Das ist eine große Besonderheit, denn wir bauen so gut wie nichts mehr ab", betont Herbert May. Doch die Unterlindelbacher Scheune wollte der Museumsdirektor haben; obwohl in Bad Windsheim bereits 110 historische, fränkische Landhäuser und Scheunen stehen - und 15 weitere auf Halde liegen. Denn das dazugehörige Wohnstallhaus stand bis 2006 nur wenige Meter entfernt und ist bereits seit 2013 in dem fränkischen Freilandmuseum zu besichtigen.

Seitdem fragte Scheunenbesitzer und Landwirt Reinhold Schmidt aus Unterlindelbach regelmäßig nach, ob das Museum die baufällige Fachwerk-Scheune haben wolle. "Heuer wäre sie weggekommen", gibt Schmidt zu, der ständig aufs Dach klettern musste, um die Scheune instand zu halten. "Eine Minute vor zwölf sind wir dann aufgetaucht", scherzt May. So ein Gebäude-"Umzug" - die Fachleute sprechen von Translozierung - ist kostspielig. Allein der Abbau der Unterlindelbacher Scheune schlägt mit 43 000 Euro zu Buche, die Kosten teilen sich die Familie Schmidt, die Oberfrankenstiftung und der Förderverein des Freilandmuseums. Die Scheune soll im Ensemble neben dem zeitgleich erbauten Wohnhaus in Bad Windsheim stehen. Die Unterlindelbacher Bauernanlage zeigt dann einen typischen Vollbauernhof aus der südlichen Fränkischen Schweiz.

Aus der Zeit der "Breiten Häuser"

Sowohl Wohnhaus als auch Scheune entstanden noch im Zuge des Wiederaufbaus nach den verheerenden Zerstörungen des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) in Franken. An selber Stelle stand ein Bauernhof, der im Krieg abbrannte. "Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der Wiederaufbau in Gang kam. Aber dann wurde wirklich gescheit gebaut! Das Wohnstallhaus ist riesig. In der Denkmalpflege nennen wir sie ,Breite Häuser' (siehe Infobox unten). Auch die Scheune ist nicht gerade bescheiden", erläutert May. Wie sich die Scheune entwickelte, wird zwischen den Holzbalken deutlich: Ursprünglich mit Lehmflechtwerk geschlossen, wurden einige Teile im Laufe der Jahrhunderte erneuert, zum Beispiel mit Bruchsteinen. Zuletzt war die Scheune verbrettert.

Eine weitere Besonderheit: "Wir bauen Balken für Balken ab und zerlegen das Gefüge", erläutert Bauleiter Sascha Troßmann. Jeder Balken erhält eine kleine Metallplakette mit der jeweiligen Markierung - damit jedes Holz wieder dort landet, wo es hingehört. Denn die Idee ist, die Scheune mit Zimmerer-Fachklassen aus Nürnberg und Neustadt Aisch wieder aufzubauen. Bei dem museumsdidaktischen Projekt sollen die angehenden Zimmerer lernen, wie ein historischer Fachwerkbau funktioniert. Wenn möglich, soll der Wiederaufbau noch im kommenden Herbst starten.

Die Unterlindelbacher Scheune soll künftig eine Dauerausstellung zum Thema Obstanbau in der Fränkischen Schweiz beherbergen. In dem Fachwerkbau werden Leitern, Wägen, Butten oder Maschinen ausgestellt. Die aus der Zeit gefallene, umgezogene Scheune bewahrt so das Andenken an das bäuerliche Landleben in der Fränkischen Schweiz.

Bauernhof aus Unterlindelbach: Fränkische Bauten ziehen um

Wohnstallhaus Bautypologisch handelt es sich bei dem Wohnstallhaus um ein sogenanntes "Breites Haus". Diese Bezeichnung erschließt sich jedem, der unmittelbar vor dem mächtigen Giebel steht: Breit und behäbig liegt das Haus da, innen mit großzügigem Grundriss, vor allem mit einem ausgesprochen geräumigen Flur, durch den einst das Vieh hinein- und hinausgeführt wurde. Das "Breite Haus" ist ein oberfränkisches Phänomen, das bis in den Umkreis um Nürnberg reicht. Das Fachwerkbild zeigt verdoppelte Fußstreben, die in dieser Region bis ins 19. Jahrhundert hinein typisch sind.

Scheune Die zweischiffige und fünfzonige Scheune ist hinsichtlich der Grundfläche ähnlich großzügig wie das Wohnhaus und dokumentiert die einstige Größe des Bauernhofes. Der dreiseitig gebretterte Fachwerkbau besitzt eine giebelseitige Einfahrt und ist in einem relativ guten baulichen Zustand.