Zum ersten Mal nach der Corona-Pandemie findet am Dienstag wieder eine Mitgliederversammlung der Diakonie Coburg als Präsenzveranstaltung statt, zum ersten Mal unter dem neuen Interimsgeschäftsführer Bernd Baucks. Während der nächsten zwölf bis 18 Monate soll Baucks, Betriebswirt und Sozialökonom, das Diakonische Werk wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. Einerseits befindet sich das Diakonische Werk seit einigen Jahren in einer erheblichen finanziellen Schieflage, zum anderen ist die Stimmung unter den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wie auch bei den angeschlossenen Unternehmen denkbar schlecht.

Mit vielen Fragen geht etwa Thomas Kreisler am Dienstag zu der Mitgliederversammlung. Kreisler, der für die Grünen im Coburger Kreistag sitzt und Diakoniebeauftragter der Kirchengemeinde Meeder-Ottowind ist, hat sich schon vor einem Jahr in einem Brief an den evangelischen Dekan Stefan Kirchberger gewandt. Darin zeigt er sich über eine drohende Zahlungsunfähigkeit des Diakonischen Werks Coburg besorgt. In den beiden Seniorenheimen in Bad Rodach und Coburg sei die wirtschaftliche Lage auch besorgniserregend.

Das Minus wird einfach nicht geringer

Der Jahresabschluss 2018, erstellt von der bundesweit tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Solidaris GmbH, zeigt ein negatives Jahresergebnis von 1,06 Millionen Euro. Im Jahr 2014 wies der Bericht ein Minus von 936000 Euro aus, in den beiden folgenden Jahren verringerte sich das Defizit, um 2017 und 2018 über die Eine-Million-Grenze zu springen. "Mit großer Wahrscheinlichkeit wird auch der Jahresabschluss 2019 unter einem dicken negativen Vorzeichen stehen", mutmaßt Kreisler.

Weiter hat der parteilose Kreisrat den evangelischen Dekan mit Fakten aus einem Brandbrief konfrontiert. Vor einem Jahr hatte ein maßgeblicher Mitarbeiter der Coburger Inklusiv gGmbH an den Kreisrat geschrieben. In der gemeinnützigen Inklusiv GmbH sind die ehemaligen Einrichtungen des Vereins Hilfe für das behinderte Kind (Schulförderzentrum, Heilpädagogische und Medizinisch Therapeutische Einrichtung) und die Wefa gGmbH zusammengelegt.

"Nach dem Tarifstand aus dem Jahr 2014 bezahlt"

In dem Schreiben heißt es unter anderem, dass der Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwar nach dem Tarif des Öffentlichen Dienstes (TVÖD) bezahlt wird, "aber mit dem Tarifstand des Jahres 2014". Das bedeutet rund ein Fünftel weniger Einkommen als nach dem aktuellen Tarifvertrag. Auch am Gebaren des früheren Vorstandes und Geschäftsführers Diakon Franz K. Schön wird massive Kritik geübt: kaum Transparenz, fehlende Zuständigkeiten und mangelnde Informationen. Die Stimmung bei den Mitarbeitenden ist nach diesem Schreiben, das der Redaktion vorliegt, denkbar schlecht. Die Verantwortlichen seien "chronisch überfordert", "ungeeignet als Geschäftsführer" und "ohne eine pädagogische Ahnung von den Bedarfen einer Kindereinrichtung". Auf der Internetseite "einfachnö.de" der Gewerkschaften Verdi und GEW findet die Situation ebenfalls ihren Niederschlag.

"Wie kann es sein, dass von einem ,wohl bestellten Feld‘ bei der Verabschiedung des früheren Geschäftsführers Schön gesprochen wird, wenn es solche Defizite gibt?"

"Wie kann es sein, dass von einem ,wohl bestellten Feld‘ bei der Verabschiedung des früheren Geschäftsführers Schön gesprochen wird, wenn es solche Defizite gibt?", fragt Thomas Kreisler. Beim Diakonischen Werk hake es an vielen Ecken und Enden, so die Einschätzung. Weiter ist die Rede von einem Darlehen für das Diakonische Werk von über 3,5 Millionen Euro. Das Geld soll von der gemeinnützigen Wefa (Werkstätten für angepasste Arbeit) und der Nova GmbH stammen. Die Nova erbringt unter anderem für die Automobilzulieferindustrie Dienstleistungen und ist auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt tätig. Die Darlehensgewährung wird als "eigentümlich" bewertet, zumal die gemeinnützige Wefa Zuschüsse und Förderungen der öffentlichen Hand erhält.

In dem Brandbrief vom Sommer vergangenen Jahres heißt es, "das Diakonische Werk hat inzwischen in der sozialen Branche Coburgs keinen guten Ruf mehr". Interimsgeschäftsführer Baucks hat demnach große Aufgaben vor sich.