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Neustadt bei Coburg
Skurrile Sportplatz-Storys

Neustadter Fußball-Wunder vor 70 Jahren

Als die "Löwen" noch brüllten: Beim 6:1-Sieg gegen Oberfranken-Meister FC 09 Selb erzielte Mittelstürmer Gerhard Knoch fünf Tore.
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Vor fast genau 50 Jahren, am Sonntag, 18. Juni 1950, triumphierte der VfL Neustadt am letzten Spieltag der Aufstiegsrunde zur Bayerischen Landesliga der Gruppe Nord. Schon ein Jahr später, am 10. Juni 1951, wurde die Mannschaft nach einem 8:0-Sieg gegen den ASV Freudenheim Bayerischer Amateurmeister. Überschwänglich groß war die Freude der vielen Anhänger, als sie nach dem Spiel ihre "Asse" vom Platz trugen. Fotos: Archiv/Dieter Seyfarth
Vor fast genau 50 Jahren, am Sonntag, 18. Juni 1950, triumphierte der VfL Neustadt am letzten Spieltag der Aufstiegsrunde zur Bayerischen Landesliga der Gruppe Nord. Schon ein Jahr später, am 10. Juni 1951, wurde die Mannschaft nach einem 8:0-Sieg gegen den ASV Freudenheim Bayerischer Amateurmeister. Überschwänglich groß war die Freude der vielen Anhänger, als sie nach dem Spiel ihre "Asse" vom Platz trugen. Fotos: Archiv/Dieter Seyfarth
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Ein Blick auf das Jahr 1950 zeigt, dass damals die Bayerische Puppenstadt mit ihrer legendären 1. Fußball-Mannschaft förmlich eine wahres "Fußballwunder" erlebte.

Am Sonntag, 18. Juni 1950, war der letzte Spieltag der Aufstiegsrunde zur Bayerischen Landesliga der Gruppe Nord. Die Neustadter "Löwen" mussten beim Oberfranken-Meister FC 09 Selb antreten. Dabei ließen sich die Neustadter auf dem gefürchteten Selber Boden die einmalige Chance zum Aufstieg nicht entreißen.

Unglaubliche Glanzform

Vielmehr stellten sich die Puppenstädter in einer während der Aufstiegsspiele noch nie erreichten Glanzform in den ersten 45 Minuten vor und spielten den Oberfrankenmeister buchstäblich an die Wand. Der deklassierende 6:1-Sieg wurde in vielen Kreisen als sensationell bezeichnet.

Der Neustadter Sieg war für den Sportredakteur des Bayerischen Rundfunks, Josef Kirmeyr, "die Überraschung" des vorletzten Wettbewerbs im bayerischen Fußballtoto.Überragender Spieler war Torjäger Gerhard Knoch, der fünf Tore erzielte.

Knoch erzielte fünf Tore

Sein Treffer zum "Hattrick" in der 32. Minute war ein ganz besonderer. Im Originalspielbericht von damals steht: "Aus kurzer Entfernung nahm Knoch das Leder aus der Luft und jagte es mit solch unheimlicher Wucht ins Selber Heiligtum, dass die hintere Querlatte gespaltet wurde."

Aber auch sein letzter Treffer zum 6:1-Endstand hatte es in sich. Dazu wieder ein Auszug aus dem Tageblattt von damals: "Hammerschmidt (ein Selber Abwehrspieler/Anm. d. Red.) glaubte sich sicher an der Torraum-Außenlinie, als Knoch auch schon dazwischen fegte, sich das Leder angelte und es wuchtig unter die Latte setzte. Dabei verletzte sich Selbs Torwart am Kopf, so dass Mittelläufer Hammerschmidt für den Rest der Spielzeit zwischen den Pfosten stand."

Der VfL 07 Neustadt hatte sich mit diesem Sieg den zweiten Tabellenplatz und damit den Aufstieg in die Bayerische Amateurliga erkämpft. Der Jubel in der Bayerischen Puppenstadt war groß. Entsprechende Ehrungen blieben nicht aus.

Skurrile Sportplatz-Storys Nachthemden, Schlafanzüge und Meister-T-Shirts bleiben im Karton Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. Mit unserer heutigen achten "Skurrilen Sportplatz-Story" beenden wir diese Rubrik. Eine Serie, die bei vielen Lesern Gefallen fand und vor einer jeweiligen Veröffentlichung - aber erst recht danach - zu vielen interessanten, lustigen und aufschlussreichen Gesprächen führte.

Nicht der Auftaktbericht über den ehemaligen Staatssekretär Jürgen W. Heike, der vom Neustadter Original "Mambo" mit einem Beil attackiert wurde, und auch nicht die Heldentaten von "Görndl" oder "Texas" waren Spitzenreiter bei unserer internen Erhebung der Leserzahlen. Sondern mit großen Abstand erfuhr das Open-Air-Rockkonzert, das mit Thomas Gottschalk 1971 auf dem Sportplatz des SV Bergdorf-Höhn stattfand, die größte Resonanz. Es gab sogar mehrere Tageblatt-Leser, die sich auf den historischen Aufnahmen wieder erkannten und Fotos bestellten.

Wer jetzt vermutet, dass uns der Stoff für diese skurrilen Storys ausgegangen ist, der irrt. Wir wurden in den letzten Wochen regelrecht bombardiert mit besonderen Ereignissen aus der Vergangenheit. Uns wurde noch einiges suggeriert: Egal ob es die Kerwa-Gaudispiele zwischen "Nachthemden und Schlafanzügen" waren, bei denen es Mitte der Sechziger Jahre in Fürth am Berg feuchtfröhlich, aber auch teilweise hart und blutig zur Sache ging. Oder die wilde Verfolgungsjagd eines Schiedsrichters namens Bayerlein in den Fünfzigern. Der Unparteiische pfiff angeblich so schlecht, dass ihn 40 bis 50 fanatische Anhänger der Neustadter Löwen über den ASV-Platz bis in den Felsenkeller der Jägersruh verfolgten. Zwei von ihnen - nämlich Albin Blümig und Karl Herrmann - mussten sich danach sogar vor Gericht verantworten und bekamen Stadionverbot beim VfL. Herrmann schlich trotzdem mit Brille und aufgeklebten Bart an den Kassenhäuschen vorbei. Apropos ASV Neustadt. Da war einmal eine Aufstiegsparty geplant. Doch das letzte Punktspiel gegen Rothenhof ging mit 0:1 verloren. Die extra gedruckten Meister-T-Shirts blieben im Karton, die Transparente wurden zusammengerollt. Und am nächsten Tag stand ein Grabstein im Mittelkreis des alten Sandplatzes. Darauf stand: "Ihr könnt jetzt zuschließen!"

Das Tageblatt-Kapitel schließt damit seine "Skurrilen Sportplatz-Storys" auch ab. Es war mir eine Ehre.

Christoph Böger

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