"Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?", brüllt dieser arrogante Prof. Higgins, im Prinzip ein moralisches Schwein und bar jeder Selbstzweifel. Kann frau schon: Um dann genauso impertinent in den Sessel gefläzt zu quaken: "Wo sind eigentlich meine Pantoffeln?" Und: Der Herr Professor bringt die Pantoffeln, er bringt die Pantoffeln!

Eines der köstlichsten Theaterstücklein zur unvermeidlichen männlich-weiblichen Unverträglichkeit ist Frederick Loewes Musical "My Fair Lady". Das ist weltweit bekannt, weshalb zur Premiere am Samstag das Landestheater Coburg wieder einmal richtig voll war. Tatsächlich wurden die Erwartungen mit einer musikalisch wie darstellerisch brillanten Inszenierung erfüllt - von Gastregisseur Holger Hauer mit so viel Spielfreude, Witz und Eleganz, dass das Schmunzeln von der ersten bis zur letzten Minute nicht mehr aus den Gesichtern der Zuschauer weichen sollte.


Schon als das Philharmonische Orchester unter Leitung von Daxi Pan in der Ouvertüre einmal quer durch die Welthits führt - als Versprechen zu dem, was uns erwarten würde - breitet sich schwelgerisches Wohlgefühl aus. Daxi Pan wird die offensichtlich auch schon lächelnden Musiker - die immer wieder markant, frech und pointiert kommentierenden Bläser, die im satten Breitwand-Sound gelassenen Streicher - durch die Geschichte galoppieren lassen, bei aller Prägnanz und Präzision gelegentlich ein übermütiges Wiehern gestattend.

Holger Hauer hat dieser seit der Uraufführung 1956 zelebrierten, mit englischer Upperclass-Patina belegten Story von der ordinären Blumenverkäuferin Eliza, die vom Sprachfanatiker Higgins zur Lady dressiert wird, jegliche Betulichkeit ausgetrieben.

Die Macht der Sprache

In der witzig und ein wenig comicartig die Welt zitierenden Bühne von Karel Spanhak, mit pink und rosa gestreiftem Riesen-Grammofon, lebt ein best aufgelegtes Ensemble den ganzen Esprit der Textvorlage aus. Die hat Alan Jay Lerner nach George Bernard Shaws Komödie "Pygmalion" zur Musicalfassung verdichtet und kommt in Coburg in der vor den saftigen Beschimpfungen des unverschämten Professors nicht zurückschreckenden Übersetzung von Robert Gilbert daher.

Holger Hauer ist es dabei gelungen, den Kerngehalt dieses Stückes, dass erst Sprache die Welt erschafft und den Menschen macht, vom ersten bis zum letzten Satz hören und spüren zu lassen: Sprachlich, musikalisch, darstellerisch, geht alles elegant ineinander: Alles aus einem Guss, sagt man da.

Es tanzt der Chor

Wobei Holger Hauer, selbst nicht nur beliebter Fernsehschauspieler, sondern auch renommierter Musical-Darsteller, auch gleich noch den edlen Kotzbrocken von Higgins gibt, mit großer Bühnenpräsenz und souveräner Selbstverständlichkeit. (In einigen Aufführungen wird er von Dirk Mestmacher abgelöst werden.)

Die in jeder Beziehung entzückende Sopranistin Anna Gütter ist ihm die zunächst grauenvoll tönende Straßengöre im schmutzigen Parka, die sich unter Higgins Drill in eine zauberhaft ätherische Prinzessinnengestalt verwandelt. Die beiden sind ein leidenschaftlich sprühendes, bitterböses Paar, zwischen dem Niklaus Scheibli als liebenswert charaktervoller Oberst Pickering nur mühsam vermitteln kann. Michael Lion grabscht als Müllkutscher Doolittle und gänzlich losgelöster Moralist von eigenen Gnaden zwischen die Beziehungen. Er bleibt bewusst in der Welt der arm, aber im Schatten von Covent Garden (angeblich) leichter lebenden Obdachlosen, ein bekennender "Unwürdiger".

Der Chor des Landestheaters (Einstudierung Lorenzo Da Rio) agiert in diversen Solorollen ebenso wie als Ensemble wieder einmal höchst originell. Wobei dem Choreografen dieser Produk tion, Jochen Schmidtke, mit seinen mitreißenden und einfallsreichen Tanzstückchen ein großer Anteil am Vergnügen des Abends zugesprochen werden muss. Nicht zu vergessen die Kostümausstattung von Sven Bindseil mit seiner verrückten Hut-Parade zur Ascot-Szene.

Ja, man kann da einfach nur schwärmen. Das ist schon mehr als ein kleines Stückchen Coburger Theaterglück.

Landestheater Coburg "My Fair Lady", Musical von Frede rick Loewe. Regie Holger Hauer, musikalische Leitung Daxi Pan, Bühnenbild Karel Spanhak, Kostüme Sven Bindseil, Choreografie Jochen Schmidtke, Chor Lorenzo Da Rio, Dramaturgie Renate Liedtke.

Ausführende Holger Hauer/Dirk Mestmacher (Professor Higgins), Anna Gütter (Eliza Doolittle), Michael Lion (Alfred P. Doolittle), Niklaus Scheibli (Oberst Pickering), Gabriela Künzler, Michael Lion, Kerstin Kluge, Jiri Rajnis/David Zimme, Monika Tahal, Sascha Mai, Martin Trepl, Kostas Bafas, Thomas Unger, Martin Trepl, Stefanie Schmitt, Eva Maria Fischer, Marino Polanco. Chor und Philharmonisches Orchester des Landestheaters Coburg.

Weitere Termine 23., 24.Oktober, 7., 12., 14. November, 19.30 Uhr, Großes Haus