Entscheidungen treffen. Immer wieder Entscheidungen treffen. Für einen Trainer Tagesgeschäft. Ständig muss er sich hinterfragen, grübeln, abwägen, beschließen. Doch hier und jetzt geht es nicht um irgendeine Taktik oder die richtige Aufstellung: Jan Gorr steht vor einer der wichtigsten Entscheidungen in seiner bisherigen Handball-Karriere.

Die Frage: Bleibt er Trainer des HSC 2000 Coburg oder übernimmt er den Posten des Geschäftsführers? Der Handball-Erstligist aus der Vestestadt hat nämlich seinem wichtigsten Mann genau diese Offerte unterbreitet. Am Montag hatte er sich noch zurückhaltend geäußert: "Das ist nicht meine Baustelle" - jetzt wird sie es aber doch!

Das Amt des Geschäftsführers ist seit der Trennung von Michael Häfner Anfang dieser Woche vakant und soll schnellstens neu besetzt werden. Der Klub befindet sich in einer weichenstellenden Phase. Zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte gelang der Aufstieg ins Oberhaus.

Beide Ämter? "Das geht nicht"

"Beide Ämter zusammen, das geht nicht. Das ist unmöglich. Ich muss mir bis spätestens nächste Woche intensiv Gedanken machen und dann einen Beschluss treffen ", erklärt der 42-Jährige, dessen Trainervertrag bei den "Gelb-Schwarzen" noch bis 2021 läuft.

Von Anspannung ist deshalb aber nichts zu spüren. Gorr sitzt gelassen in der Geschäftsstelle neben seinem blinkenden Tablet. Polo-Kragen und Strickjacke. Vor ihm jede Menge Spickzettel. Eine volle Pinnwand im Rücken. Ein Ambiente wie im Büro des Geschäftsführers.

Doch das hat bei Jan Gorr wenig zu sagen. Als Sportlicher Leiter verbringt der HSC-Tausendsassa seit Jahren schon sehr viel Zeit am Schreibtisch. Gorr vermittelt aber den Eindruck, dass er derzeit hin- und hergerissen ist. Seine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Doch die Zeit drängt!

Für eine künftige Rolle als Geschäftsführer spricht vor allem Gorrs Lebenseinstellung: "Ich will etwas bewegen, ich verfolge immer realistische Ziele." Und vor allem: "Ich will mitgestalten." Das könnte er in erster Linie als Geschäftsführer in den nächsten Jahren beim HSC ganz enorm. Den "Coburger Weg" hat er erfolgreich geprägt und mit dem zweiten Aufstieg jetzt gekrönt.

"Wir haben eine unfassbar gute Saison gespielt", sagt er stolz. Und spätestens jetzt spricht wieder der "Vollblut-Trainer", der sich riesig gefreut hat, als er vor ein paar Tagen endlich wieder die Sporttasche packen durfte. Dann ist er in seinem Element. Dann, wenn er mit "meinen Jungs" auf der Platte steht und Kreuzungen perfektioniert oder Spielzüge einstudiert.

1. Liga ist als Trainer verlockend

Sechs, sieben oder auch zehn Jahre Trainer beim HSC Coburg? Jan Gorr kann sich das durchaus vorstellen. "Da nutzt sich nichts ab, die Voraussetzungen sind immer wieder anders." Und gerade jetzt sind die Vorzeichen ja besonders verlockend. Auf die 1. Bundesliga hat der Hobbyangler seit Jahren hingearbeitet. Mit Erfolg. Er ist am Ziel: Künftig gastieren die ganz "dicken Fische" in der HUK-Arena. Kiel, die Berliner Füchse oder die Rhein-Neckar Löwen - alle kommen in die Vestestadt. Handball-Feste im Coburger Sporttempel.

"Ich weiß es noch nicht"

Aber steht Jan Gorr dann auch noch an der Seitenlinie? "Ich weiß es noch nicht." Wie gesagt: Diese Entscheidung ist eine der schwierigsten in seiner Karriere.

Vor Zahlen, Kalkulationen, Entwicklungen, Erreichen von Unternehmenszielen, finanzieller Führung und der damit verbundenen Überwachung der Bilanzen hat er durchaus Respekt, aber sicher keine Angst. Die Aufgaben eines Geschäftsführers sind ihm nicht gänzlich neu, und außerdem: "Diese Rolle ist in einem Sportverein nicht eins zu eins mit der in einem Unternehmen zu vergleichen. Ich glaube, dass ein Geschäftsführer in unserer Branche auch ein Höchstmaß an handballspezifischen Kenntnissen mitbringen sollte."

Spricht da bereits der neue Geschäftsführer? Gut möglich! Die "Variante Gorr" sei nicht die einzige, die die Klub-Oberen bei der künftigen Besetzung ihrer wichtigsten Ämter derzeit verfolgen. Das weiß der (Noch)-Trainer sicher. Ob es die Wunschvariante ist, weiß er dagegen nicht. Für Insider ist sie allerdings die wahrscheinlichste.

Nächster Schritt: Neuer Trainer

Sollte Jan Gorr tatsächlich Trainingsanzug mit Sakko tauschen, dann brauchen die "Gelb-Schwarzen" schnellstens einen neuen Trainer. "Ja, das wäre dann natürlich der nächste Schritt." Doch es wäre nicht professionell, so Gorr, sich darüber jetzt schon Gedanken zu machen. Zuerst müssten intern klare Voraussetzungen geschaffen werden, bevor mit der Kandidaten-Suche begonnen werden kann. Und deshalb muss er in den nächsten Tagen die wohl wichtigste Entscheidung in seiner bisherigen Handball-Karriere treffen.

Interview

Training ohne Kontakt

Herr Gorr, Sie trainieren mit Ihren Jungs derzeit unter strengen Auflagen. Wie funktioniert das in einer Vollkontaktsportart wie Handball?

Jan Gorr: Das funktioniert nur unter ganz besonderen Voraussetzungen. Wir haben für die Behörden einen Vorsichts- und Hygienemaßnahmenkatalog ausgearbeitet und trainieren komplett ohne Körperkontakt. Für uns Berufssportler ist es wichtig, dass wir zumindest den sportartspezifischen Parametern wie Richtungswechsel, Balltechnik, Würfe und Lauf-Koordination nachkommen.

Die Jungs hatten nun sieben Wochen kein handballspezifisches Training und alleine aus Verletzungsprophylaxegründen ist es wichtig, dass wir das auffrischen. Eine Rückkehr zu zweikampforientiertem Training ist aber unerlässlich.

Kiels Trainer Filip Jicha hat sich vor wenigen Tagen für eine Shotclock im Handball stark gemacht. Eine ernsthafte Überlegung?

Zum einen könnte man mit dieser Zeitbegrenzung die Schiedsrichter unterstützen und das "wachsweiche" Thema Zeitspiel in der Regelauslegung objektivieren. Auf der anderen Seite würde eine Shotclock aber auch dazu führen, dass einiges an taktischer Raffinesse auf der Strecke bleibt und Angreifer öfter dazu gezwungen werden, aus aussichtslosen Positionen aufs Tor zu werfen. Ob das dann unsere Sportart attraktiver macht, bliebe abzuwarten.

Die Bundesliga-Trainer haben eine eigene Kommission gebildet. Was hat es damit auf sich?

Wir haben eine Videokonferenz mit allen Kollegen aus der 1. Liga gemacht und uns über die unterschiedlichen Situationen ausgetauscht. Die Trainingssituation ist für alle Neuland und da macht ein Austausch Sinn. Darüber hinaus möchten wir Trainer den Verantwortlichen der HBL in Sachen Saisonplanung Unterstützung anbieten und in der Arbeitsgruppe mitarbeiten. Das ist sinnvoll, da man so die Sportler direkt mit einbeziehen und von deren Sichtweise profitieren kann.

Die Basketball-Bundesliga spielt ihren Meister in einem Geisterturnier aus, was halten Sie als Handballer von diesen Plänen?

Für den Handball ist es wichtig, dass wir so schnell wie möglich unsere attraktive Sportart wieder präsentieren können. Die aktuelle Zeit ist aber noch von vielen Fragezeichen bestimmt, so dass niemand weiß, wie sich eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs auswirkt. Es macht keinen Sinn, eine Saison fortzusetzen, während Kitas, Schulen und Restaurants geschlossen bleiben müssen. Das passt einfach nicht zusammen. Deshalb halte ich die Vorgehensweise der Handballer für den besseren Weg.

Der HC Erlangen rüstet auf, zuletzt mit der Verpflichtung von Steffen Fäth. Was macht Sie zuversichtlich, dass die HSC-Fans nächste Saison trotzdem spannende Derbys sehen werden?

Steffen ist ein richtig guter Spieler. Der HC Erlangen ist uns wirtschaftlich deutlich voraus. Dass aber im Sport und gerade in Derbys auch andere Dinge zählen, werden wir in der kommenden Saison zeigen.