Es gibt Kleinode, deren Bedeutung sich erst auf den zweiten oder sogar dritten Blick erschließt. Die ehemaligen Tongruben im kleinen Seßlacher Stadtteil Muggenbach zählen sicherlich dazu. Mitten im Wald, unbehelligt von menschlichen Einflüssen, entwickelte sich in den Brachen mit ihren Tümpeln, Furchen, sandigen Böden und Buschland ein einzigartiger Lebensraum für eine andernorts vom Aussterben bedrohte Fauna und Flora. Allen voran die bereits verloren geglaubte Grabwespen-Art Psen exeratus.

Bevor diese seltenen Hautflügler 1995 entdeckt wurden, schien ihr Schicksal bereits besiegelt. Wie das Los der gesamten Abbaustätten, in denen seit Ende des 19. Jahrhunderts Tone für die Steinzeug-, Steingut- und Porzellanindustrie im Tagebaubetrieb gewonnen wurden (bis 1986, Reste noch bis 1994). Das 25,8 Hektar große Areal war in den Neunzigerjahren fest als Reststoff-Deponie eingeplant.

David gegen Goliath

Kleine Bürgerinitiative (BI) gegen großen Müllzweckverband NW-Oberfranken (ZAW): Mindestens 2500 Tonnen Müllschlacke, so die Schätzung, sollten pro Jahr in den Tongruben gelagert werden. Die Rettung der Tongruben erinnert an den Sieg Davids gegen Goliath. Vermeintlich aussichtslos unterlegen, vermochten engagierte Seßlacher in 13 Jahren zähen Ringens die Rote, die Graue und die Neue Rote Grube vor der Zerstörung zu bewahren. Aufgrund der hohen Anzahl gefährdeter Hautflügler wurden die Tongruben im Mai 2000 offiziell als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen. Der Bund Naturschutz hatte das Gelände zuvor erworben. Die Wende hatte die Entdeckung der seltenen Grabwespen-Art gebracht. An dieser kam auch der ZAW nicht vorbei. Denn diese äußerst seltene Rote-Liste-Art galt in Bayern als ausgestorben. Ende 1999 kaufte der BUND das 23,15 Hektar große Areal vom Grafen zu Ortenburg, für 960000 DM. Finanziert wurde dieser Erwerb durch den Naturschutzfond der Staatsregierung (800000 DM), den BUND (150000 DM) und die Stadt Seßlach (10000 DM). Auf die Einweihung folgte 2001 ein Pflege- und Entwicklungsplan zum Erhalt der wertvollen Rohboden- und Offenlandstandorte.

Tongruben-Fest am Wochenende

Die Feier zum 20. Jubiläum, die 2020 coronabedingt ausfallen musste, wird am Sonntag, 27. Juni, ab 14 Uhr als "20 + 1 Jahre Muggenbacher Tongruben" nachgeholt. Treffpunkt für eine zweistündige Exkursion ist der Libellenstein am Eingang zum NSG.