Kaum ein Thema beschäftigt die Gesellschaft so sehr wie die Digitalisierung der Arbeitswelt. Die Veränderungen seien längst schon im Alltag zu erkennen , sagt Dieter Kempf. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie war am Donnerstag in Bayreuth beim IT-Forum Oberfranken zu Gast. Ins Gebäude der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth hatten neben der Hochschule unter anderem der Verein IT-Cluster Oberfranken und die Wirtschaftskammern geladen.
Vor rund 300 Zuhörern nannte Kempf als Beispiel für bereits etablierte Änderungen die "Mutation des Automechanikers zum Mechatroniker". Im Industriebereich führe die digitale Transformation dazu, dass Maschinen digital abgebildet würden - ein sogenannter Digital Twin entstehe. Mit diesem Zwilling könne dann alles ausprobiert werden. Szenarien ließen sich ohne Aufwand in kürzester Zeit durchspielen.
Die Frage, die man sich laut Kempf stellen muss: "Wollen wir wirklich alles tun, was technisch möglich ist?" Für ihn sei die Digitalisierung ein positiver Bestandteil der Arbeitswelt, sagte der ehemalige Datev-Chef. Wichtig dabei sei, Problemfelder zu erkennen. Studien, nach denen im Zuge der Digitalisierung knapp die Hälfte der Jobs wegfielen, bezeichnete Kempf aber als "Blödsinn". Seriös seien nur die Erhebungen von OECD und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).


Beruf bleibt, Tätigkeiten wechseln

Demnach sei klar: Es wird einen erheblichen Wandel von Berufsbilder geben. Die entscheidende Frage, die sich jeder stellen müsse: "Wie viel der Tätigkeiten, die für mein Berufsbild charakteristisch sind, sind substituierbar?" Gefährdet seien alle Berufe, die monostrukturelle Tätigkeiten haben. Denn die Tätigkeiten würden sich in jedem Fall ändern. "Aber deshalb gibt es den Automechaniker immer noch, er macht halt nur etwas anderes", sagte Kempf.
IT-Kompetenzen würden immer wichtiger. "Wobei nicht jedes Grundschulkind schon Programmierunterricht braucht", sagte Kempf im Hinblick auf die jüngste Forderung der neuen Digital-Staatsministerin Dorothee Bär.
Scharf kritisierte der 65-Jährige die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Dies wäre "die Kapitulation der Gesellschaft vor der Digitalisierung". Besser sei es, Beschäftigungschancen zu schaffen.


"Grundprinzip hat sich nicht verändert"

Vor Kempf hatte der Schweizer IT-Berater Mathias Traugott in seinem Vortrag die Überlegung angestellt, ob sich die IT irgendwann selbst überflüssig mache. Er hob dabei hervor, dass Digitalisierung nichts Neues sei. Sie nehme vielmehr seit 5500 Jahren ihren Lauf. Die damalige Buschtrommel sei heute durch das Smartphone ersetzt. "Das Grundprinzip hat sich nicht verändert. Wir haben nur mehr Möglichkeiten", sagte Traugott. Disruptive Technologien erlaubten es aber, ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf zu stellen. Ohne eigene Infrastruktur könne heute die Welt erobert werden. Traugott nannte als Beispiel die Firma Uber, das größte Taxiunternehmen, das aber keine Taxis besitze. Oder Facebook: der größte Medieninhaber der Welt, der aber keine Inhalte kreiere. Ein weiteres Beispiel des Schweizers war Airbnb, der weltweit größte Anbieter von Unterkünften, dem aber keine Immobilie gehöre.
Was passiere nun mit der IT, fragte Traugott. Daten seien im Kern das Geschäftsmodell. "Wir brauchen ganz neue Formen der Arbeit. Digitale Ansätze müssten in alle Abläufe integriert werden." Unternehmen müssten dabei in ihre Mitarbeiter investieren, vor allem in Schulungen. Denn nur zufriedene Mitarbeiter könnten für das Wesentliche sorgen - für zufriedene Kunden.