Notizen aus der Gefangenschaft 1945 bis 1949", steht auf dem Deckblatt des handgebundenen Tagebuchs. Alle Aufzeichnungen, die Martin Welz in einem polnischen Lager trotz strikten Verbots machte, sind darin zu finden. Sein Leben riskierte der Obergefreite dabei. Und doch schrieb er sich auf 50 Seiten Erlebnisse von der Seele, über die der Familienvater nach dem Krieg nicht mehr sprechen wollte. Vergilbt ist das Papier unter dem bräunlichen Einband heute: 66 Jahre, nachdem Welz die letzten Eintragungen machte. Seine Geschichte aber ist nicht vergessen. Sie lebt dank der Dokumentation "Zeilen aus der Vergangenheit" auf, die am 30. September im Lichtspielkino ab 19 Uhr zu sehen ist. So machte sich der Enkel des Tagebuchschreibers auf eine dreijährige Spurensuche, um die Vergangenheit mit Hilfe von fast 40 Zeitzeugen zu rekonstruieren und damit auch an das Schicksal zahlloser anderer Kriegsgefangener zu erinnern.
 

 




 
Per Zufall Eine Zeitreise begann für Udo Pörschke, als er eines Tages per Zufall zwischen anderen Dokumenten auf die Notizen seines Großvaters stieß. Er las von der Angst Martin Welz' um seine Familie. Davon, wie der Soldat hungerte. Das ganze Martyrium, das der Kriegsgefangene vor und während der Zwangsarbeit in polnischen Kohlegruben erlebte, stand dem Enkel vor Augen - fast 70 Jahre, nachdem Martin Welz seine heimlichen Aufzeichnungen machte: "Denn Tagebuch zu führen, war streng verboten, weshalb man die Gefangenen auch regelmäßig durchsuchte."

Pörschke ließen die Erlebnisse seines Großvaters nicht mehr los, der sechs Jahre lang als verschollen galt, bevor er 1949 heimkehrte. Nur im Tagebuch Welz' zu blättern, reichte dem 46-Jährigen nicht. So begann der gebürtige Bamberger, der in Ebern aufwuchs und mittlerweile in Ungarn lebt, Hintergründe zu recherchieren. Er kontaktierte Behörden, Gemeinden, den Rot-Kreuz-Suchdienst und etliche andere Stellen. Mit seinem Freund Karl Hertel, der als Kameramann fungierte, ging Pörschke den Notizen auf den Grund.



3000 Kilometer

"3000 Kilometer legten wir letztendlich zurück und zeichneten den Weg meines Großvaters Station für Station nach." Als Ausgangspunkt diente Alt Madlitz, wo die Odyssee des Soldaten begann, der mit fast 40 Jahren "zwangseingezogen wurde" und bei den Bodentruppen der Luftwaffe diente. Im April 1945 erlebte Welz die Einkesselung deutscher Truppen durch die Rote Armee bei Halbe. Tagelang irrte er umher, wie aus den Tagebuchaufzeichnungen hervorgeht. Dann der Eintrag: "Gefangen genommen von Russen", knapp und sachlich, wie Welz schrieb. Über Trebbin ging's mit rund 70 000 Kameraden weiter nach Polen. Und zuletzt ins Kohlerevier, wo das Tagebuch des Kriegsgefangenen entstand.

"Es war eine sehr emotionale Reise, die mehr als nur das Schicksal eines Menschen beleuchtete", sagt Udo Pörschke. "Viele Zeitzeugen konnten im hohen Alter ihre Geschichte noch einmal erzählen." Beispielsweise interviewte er einen Bergmann, der den Besuchern in Zabrze die verfallenen Baracken der Gefangenen zeigte. Ein ehemaliger Soldat erinnerte sich an eine verzweifelte Frau zurück, die lieber sterben wollte als "den Russen in die Hände zu fallen". So flehte sie den heute 100-jährigen Mann geradezu an, sie zu erschießen.


Mehr als trockene Zahlen und Fakten

"All diese Geschichten gilt es im kollektiven Gedächtnis zu bewahren", meint Pörschke. Kommende Generationen würden auf diese Weise mehr über den Krieg als nur trockene Zahlen und Fakten lernen. Dem schließt sich Karl Hertel an, dem viele Begegnungen unter die Haut gingen. "Menschen erzählten uns von Ereignissen, die fast 70 Jahre zurückliegen, als wären sie gerade erst geschehen." Parallelen sieht der Geracher dabei zum Leid, das Flüchtlinge erlebten, die derzeit nach Deutschland drängen.

Nachdem Hertel, Pörschke und Jorin Gundler (Regie) zuletzt noch die Nächte durch an ihrem Film arbeiteten, feierte die Doku in Marktheidenfeld Premiere. "Rund 90 Besucher kamen - und etliche Menschen berichteten uns später, wie sie das Schicksal meines Großvaters angesichts der eigenen Familiengeschichte berührte", berichtet Udo Pörschke.

Jetzt freuen sich die Filmemacher aber auf die Bamberg-Premiere, bei der sie ab 19 Uhr anwesend sind. "Dann steht am 2. Oktober ein Besuch in der Laimbachtalhalle von Gerach an (ebenfalls 19 Uhr) und am 27. Oktober in Reckendorf."