Die erste Generation, die versucht, Gleichberechtigung zu leben, ist erschöpft. Es geht eben nicht alles, sagt Marc Brost, 45, Vater eines Sohnes und Leiter des Hauptstadtbüros der Wochenzeitung "Die Zeit". Er hat mit seinem Kollegen Henning Wefing ein Buch darüber geschrieben, warum Väter Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.

Wer sind sie wirklich, diese neuen Männer, die neuen Väter - gibt es sie überhaupt?
Marc Brost: Ja natürlich. Wir sind die erste Generation, die die Digitalisierung erlebt, dazu in voller Wucht die Globalisierung. Und wir sind die erste Generation, in der es Gleichberechtigung gibt.


Haben die neuen Väter mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die gleichen Probleme wie die Mütter?
Wir Väter spüren erstmals, was Frauen seit zehn oder 20 Jahren erleben: Dass der Tag nie genug Stunden hat, dass immer etwas auf der Strecke bleibt: Arbeit, Kind oder die Liebe. Neu ist, dass es auch Vätern so geht. Das ist eine Folge der Gleichberechtigung. Neu ist auch, dass Arbeitszeit und Privatzeit immer mehr ineinander übergehen. Digitalisierung, globalisierte Arbeitswelt und ständige Erreichbarkeit verändern das berufliche Umfeld. Es wird getan, als läge es an uns selber, alles zu vereinbaren. Aber das hat nicht nur mit der individuellen Situation zu tun, sondern mit einer beispiellosen Verdichtung von Arbeit und Zeit: Das erleben alle da draußen. Arbeitswelt und die Gesellschaft verändern sich rasant. Das ist der entscheidende Unterschied zu allen Generationen vor uns.

Was ist das besondere an dieser Generation?
Es stimmt einfach nicht, wenn unsere Elterngeneration sagt: Wir haben es doch auch geschafft. Wir haben für das Buch auch mit Zeitforschern über die Veränderungen gesprochen. Dazu gibt es Untersuchungen. Fünf Ergebnisse: 1) Wir schlafen weniger als jede Generation vor uns. 2) Wir essen schneller als jede Generation vor uns. 3) Wir laufen schneller durch die Innenstädte als jede Generation vor uns. 4) Wir arbeiten wieder mehr als zumindest noch unsere Elterngeneration. Damals gab es die Abkehr von der 40-Stunden-Woche, jetzt geht die Tendenz wieder in die andere Richtung. Und 5) Wir lieben weniger, haben weniger Sex. Man ist immer gehetzt. Man steht am Geldautomaten und wenn drei Leute vor einem sind, erzeugt das Unruhe.

Irgendwie bekommen die meisten Familien es aber hin - oder? Sie sagen, das ist eine Lüge.
Kinder zu haben ist das Schönste auf der Welt. Aber Beruf und Familie zu vereinbaren, hat seinen Preis, es ist eben nicht alles möglich. Die Vereinbarkeitslüge kommt aus Politik und Wirtschaft. Wenn Familien sagen: Irgendwie geht's doch, bedeutet dieses Irgendwie, dass irgendwer den Preis zahlt. Meist die Frau, manchmal der Mann, oder es geht auf Kosten des Kindes. Warum fliegen soviele Ehen auseinander? Warum lebt man sich auseinander? Weil aufgrund des Alltagsstresses Sprachlosigkeit und Schweigen einziehen. Weil man funktioniert, irgendwie - das ist doch ein Beleg, dass es eben nicht funktioniert! Es wird suggeriert, dass die Rahmenbedingungen perfekt sind und die Familien nur machen müssen. Das ist eine Lüge. Es hat sich viel getan. Aber nicht genug. In den Firmen und in der Politik müssen Sachen angepackt werden. Und wir müssen lernen, damit umzugehen.

Aber den Preis zahlen meist die Frauen - warum reden wir dann über die Väter?
Gleichberechtigung bedeutet, dass eine Mutter ihren beruflichen Weg weiter verfolgen kann. Das geht nur, wenn Väter zurücktreten. Deshalb dient es der Sache der Frau, wenn Väter sagen: Wir kriegen's auch nicht hin. Dann wird es plötzlich die ganze Bevölkerung. Dann zeigt sich, dass es nicht geht, dass wir Hilfe brauchen. Das hat politische Wucht. Und wenn ein Chef sagt, Teilzeitarbeit sei nicht möglich, müssen andere Väter da sein, die das Gleiche fordern. Wobei ich auch finde, dass wir zuviel über Teilzeit reden. Wir müssten mehr über Lebensarbeitszeit reden. Warum ist es nicht möglich, im Alter zwischen 30 und 45, wo sich so vieles im Leben ballt, etwas weniger zu arbeiten und eventuell vorher und nachher länger? Frauen, die wegen der Kinder kürzer getreten sind und mit 50 wieder voll einsteigen wollen, kommen nicht wieder rein. Das sieht unser Arbeitsmarkt nicht vor. Warum?

Das Gespräch führte Natalie Schalk.

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Brost in Bamberg

Marc Brost ist mit seinem Buch "Geht alles gar nicht - warum Väter Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können" Gast bei der Jahrestagung des Familienbundes der Katholiken in Bamberg. Am Samstag, 19. November, von 14 bis 17 Uhr geht es im Bistumshaus St. Otto, Heinrichsdamm 32, um Väter. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung telefonisch bis Dienstag, 8. November, unter 0951-8681-100 oder per Mail an familienbund.bamberg@t-online.de.
Für Kinder ab drei Jahre gibt es im Tagungshaus eine Kinderbetreuung.