Ihre Mimik ist starr und ihre Pose können sie keinen Millimeter verändern. Trotzdem strahlen die papierenen Schauspieler mehr Lebendigkeit aus, als so mancher Trickfilmheld.

Umso mehr in Bewegung ist derjenige, der sie zum Leben erweckt. "Manchmal ist es nicht so praktisch, dass man nur zwei Hände hat", sagt Rudolf Baumann. "Dann, wenn man zu viele Figuren auf einmal agieren lassen muss." In Schienen gezogen werden sie, oder an Stäben frei auf der Bühne geführt.

In seine ungewöhnliche Liebhaberei investiert der seit zehn Jahren pensionierte Grundschullehrer eine Menge Zeit. Denn in seinem "Kellertheater", wie er es nennt, ist er Intendant, Stückeschreiber, Bühnenbauer, Requisiteur, Tontechniker, Beleuchter und Hausmeister in Personalunion.


Für Freunde und Bekannte

Sein Publikum sind Freunde und Bekannte, aber auch mal Ferienpass-Kinder aus dem Ort. Für seine Aufführungen nimmt er keinen Eintritt.

"Es ist ein Hobby und soll ein Hobby bleiben", sagt der 74-Jährige, der sich mit seiner Begeisterung in Franken zwar nicht allein weiß, aber gerne mehr Kontakt zu Privatpersonen hätte, die sich ebenfalls mit Papiertheater beschäftigen oder damit anfangen wollen.

Infiziert mit dieser Leidenschaft hat ihn vor 17 Jahren Klaus Loose, der Gründer des Bamberger Marionettentheaters. "Allein seine Zauberflöte habe ich viermal gesehen. Als ich dann selbst mit dem Bühnenbauen anfing, habe ich ihm mal ein Bild geschickt. Er hat mir eine Skizze zugesendet, wie ich die Seitengassen optimieren kann."


Fünf Bühnen

Mittlerweile gibt es im Baumann'schen Keller vier Bühnen, die das Spielen von Stücken mit bis zu acht Akten zulassen. Dann heißt es für das Publikum Stühlerücken, um immer genau davor zu sitzen. "Es ist nur Platz für sechs bis acht Personen", bedauert Rudolf Baumann. "Ein Stück spiele ich ab zwei Zuschauern."

Es existiert noch eine fünfte, kleinere, transportable Bühne. "Die habe ich für einen Freund gebaut, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in den Keller kommen konnte. Für ihn fanden die Aufführungen im Wohnzimmer statt."

Um das Jahr 1810 entstanden die ersten solcher Miniaturbühnen in Deutschland und England etwa zeitgleich. Sie verbreiteten sich in fast ganz Europa. Bilder- und Ausschneidebogen waren der Stoff, aus dem die Träume vom Theater im eigenen Wohnzimmer waren. Verlage stellte sich darauf ein und druckten sie in Massenproduktion. In bürgerlichen Häusern wurden sie vor allem zur Unterhaltung und Erziehung der Kinder angeschafft.

Mit dem ersten Weltkrieg geriet das Papiertheater in Deutschland in Vergessenheit. Erst in den 70er- und 80er-Jahren wurde wieder damit begonnen, alte Bogen nachzudrucken.

Auch Rudolf Baumann nutzt sie, um sein Schauspieler-Ensemble ständig zu vergrößern. Im Grunde genommen wird er aber überall fündig, wenn es um Vorlagen für neue Figuren oder Kulissenteile geht. "In Dresden zum Beispiel hat mir einmal eine Porzellanfigur so gut gefallen, dass mir zu ihr später sogar ein eigenes Stück eingefallen ist. Ich habe sie fotografiert und am Computer ausgedruckt."

So macht es der Theater-Fan mit allem was ihm gefällt, und das er vielleicht mal in einer Inszenierung gebrauchen könnte.

Die aus Papier ausgeschnittenen Figuren werden auf dünnen Karton aufgeklebt, nochmals ausgeschnitten und auf der Rückseite mit Pappstreifen oder Schaschlikstäbchen aus Holz stabilisiert.

Der routinierte Bastler setzt oft noch Farbe, Lack oder Glitzer ein, weil er genau um die optische Wirkung auf der Bühne weiß, auf der er ab und zu auch Schwarzlicht verwendet. Die Bühnenteile werden gestaffelt hintereinandergestellt und erzeugen, raffiniert beleuchtet, einen besonderen Raumeffekt.


Ein Bastler kann alles gebrauchen

Verblüfft ist beim ersten Mal, wer hinter die Kulissen blicken kann und die professionell-zusammengewürfelt-durchdacht-improvisierte Technik sieht. Da finden Fahrrad- und Stirnlampen Verwendung, kommen Kleiderbügel zum Einsatz und alles mögliche andere, von dem man nie vermuten würde, dass es eine Aufgabe als Miniaturtheater-Utensil erfüllen kann.

Rudolf Baumann hat die meisten seiner 20 Stücke im Repertoire selbst entwickelt und geschrieben. Manchmal nutzt er dazu auch bekannte Motive. Am liebsten ersinnt er Geschichten mit Hexen und Zauberern. Und immer einer "Moral"? "Ja, eine Botschaft haben alle - wie das so ist bei märchenhaften Handlungen", sagt er.

Der Pädagoge, der 40 Jahre an der Grundschule unterrichtet hat, spricht alle Dialoge selbst, mischt Musik und Geräusche dazu. "Während der Aufführung auch noch aus einem Textbuch zu lesen, wäre Stress. Da habe ich genug anderes zu tun".

Deshalb kommt das "Hörbare" von der CD. "Das ist im Vergleich zur Kassette früher wesentlich praktischer. Man kann alles in Tracks ordnen und muss nicht umständlich zurückspulen - und dann vielleicht die benötigte Stelle nicht finden."


Panne? Kein Problem

In der Hektik hinter der Bühne kommt es schon mal vor, dass der Theater-Tausendsassa einen Fehlgriff tut. Das gibt er schmunzelnd zu. "Da lege ich zum Beispiel den König beiseite und finde ihn auf die Schnelle nicht mehr, wenn er seinen nächsten Einsatz hätte. Halb so wild. Ich spiele ja immer für Bekannte. Dann rede ich eben mal zwischendurch kurz mit den Zuschauern, bis die Panne behoben ist. Aber so oft kommt das auch nicht vor."

Ist der Buttenheimer mal nicht in seinem Theater oder dem Arbeitszimmer, wo die meisten seiner Basteleien entstehen und auch akribisch katalogisiert gelagert sind, findet man ihn bei der Gartenarbeit.

Und was wäre aus Rudolf Baumann geworden, wenn er nicht den Lehrerberuf ergriffen hätten? "Schreiner! Aber werden wollte ich vieles, als Junge." Schauspieler auch? "So mit 16 oder 17 auch Schauspieler."