Nicht nur gegen den Ausspruch des Stadtbau GmbH-Chefs Heinrich Kemmer: "Wohnungsnot? Kemmer ned!" setzten am Mittwoch die GAL Bamberg und viele Betroffene ein Zeichen. Auch die geplante Nutzung der Konversionsfläche "Kasernengelände" verursacht Wut und Empörung.

"Suche Wohnung, bin Flüchtling!", oder "...Witwe und Renterin!", oder "arbeitslos" - so war es auf den im Wind flatternden Schildern der GAL Bamberg und vieler Betroffener zu lesen. Sie versammelten sich vor dem Gebäude der Stadtbau GmbH am E.T.A-Hoffmann-Platz, um auf den existierenden Wohnraummangel aufmerksam zu machen.

Anlass bot die die aktuelle Schlagzeile im Fränkischen Tag vom 21. Juni: "Kemmer: Haben keine Wohnungsnot". "Dies widerspricht unser eigenen Erfahrung", so Harald Rink, Vorstand der GAL. "Wir wollen ein Signal setzen.
Die Aussage kann man so nicht stehen lassen." Deshalb habe man sich den Aktionsort ganz bewusst ausgesucht, um die Meinung "direkt vor die Augen der Stadtbau zu führen".

Ein wichtiges Thema stellt auch die Betitelung der "schwierigen Mieter" in diesem Themenfeld dar. "Für Otto-Normal-Bürger gibt es bestimmt immer irgendwelche Möglichkeiten, an eine Wohnung zu kommen, aber die Stadtbau GmbH sollte besonders auch an Sozialwohnungen denken. In den letzten zehn Jahren wurden hierfür und für den Erhalt des bisherigen Bestandes keine Investitionen mehr getätigt", sagt Rink. "Die Stadtbau sollte den schwierigen Mietern helfen, aus der Situation herauszukommen - nicht aus ihrer Wohnung."

Luxus-Wohnungen, wie beispielsweise auf dem Erba-Gelände, hätten ihre Berechtigung, wenn die entsprechenden Gewinne daraus in der Gegenfinanzierung für den sozialen Wohnungsbau verwendet würden. Das ist eine der zahlreichen Forderungen der Aktionisten. Besonders die Nutzung der Konversionsfläche "Kaserne" stellt ein Problem dar. Der GAL-Vorsitzende erklärt: "Das Wichtigste wäre, Vorhandenes zu nutzen, dass es nicht ganz verfällt." Eine weitere Überlegung könnte auch sein, das Gelände für die Kulturarbeit zu nutzen. Wichtig sei, keine Fakten durch einen Abriss der Gebäude zu schaffen. Was in fünf oder zehn Jahren ist, sei noch nicht absehbar. Wenn die Situation dann nicht haltbar sei, müsse man sich eben anpassen. Ein Kahlschlag zum jetzigen Zeitpunkt sei allerdings nicht durchdacht.

Kemmer bleibt bei Aussage

Kemmer selbst erschien nur ganz kurz vor dem Gebäude. "Ich habe das Gefühl, die Stadtbau will sich absichern und zeigt sich schon dialogbereit", sagt Rink. Jener habe allerdings wiederholt betont, es gebe keine Wohnungsnot in Bamberg und forderte alle akut Suchenden auf, sofort einen entsprechenden Antrag auf Wohnraum auszufüllen.

Involvierte und Passanten beurteilen das völlig anders: Rochus Münzel, der beim Caritas-Verband im Bereich "Wohnungshilfe" arbeitet, kennt die Schwierigkeiten von Leuten, die zwar nicht im klassischen Sinne "obachlos" sind, sich aber in einer prekären Situation wie Arbeitslosigkeit oder anderen familiären Problemen befinden. Für all diese gebe es zwar Notunterkünfte, aber die Dunkelziffer derer, die ihre Hilfsbedürftigkeit nicht offen zeigen, sei sehr groß. Für diese Menschen werde es in Bamberg zunehmend schwieriger.

Auch Malte Krüger, 28 Jahre, weiß, wie es ist, erst einmal ohne Wohnung dazustehen. Als er vor sieben Jahren nach Bamberg kam, verbrachte er viele Wochen im Hostel bis er eine bezahlbare Wohnung fand: "Die Aussage von Kemmer ist völliger Schwachsinn. Schon 2007 war der Wohnraum knapp." Er wisse, dass viele Hundert eingeschriebene Studenten ihr Studium kurzfristig nicht aufnahmen, "weil sie keine Wohnung gefunden haben!" Krüger hält viel von den den Wohnungen auf dem Kasernengelände.

Mehr Glück als Krüger hatte Lucia Niemöller, 22 Jahre. Sie hat zwar eine Wohnung gefunden, aber sie erlebte bei ihrer Nachmieter-Suche, wie begehrt ihr WG-Zimmer war. Unzählige Anfragen bekam sie noch lange Zeit danach. "Der Satz von Herrn Kemmer ist eine glatte Lüge", sagt Niemöller und fügt wütend hinzu: "Ich hätte mich gerne mal selbst mit ihm unterhalten!"

Ein Ehepaar aus Bamberg kennt die Problematik von ihren Kindern und Enkelkindern, die teilweise schon seit über fünf Jahren nach Wohnraum suchen: "Es ist einfach unmöglich, eine Frechheit! Er selbst und seine Kinder wohnen ja wunderschön, aber viele andere eben nicht", klagen die Protestteilnehmer.

Wut und Empörung, Protestrufe und einzelne Schicksale - nach einer guten Viertelstunde verläuft sich der Flashmob der Aktionisten wieder. Während die willkommenen Stadtbau-Kunden in Krawatte und Pumps wieder ungestört das Gebäude betreten können, warten die Betroffenen geduldig auf ein Dach über dem Kopf - fragt sich nur, wie lange noch.