Die Generation der zu Vielen! Zweieinhalb Jahre ist es her, als man mit dieser herzlichen Feststellung bei der ersten Einführungsveranstaltung begrüßt wurde.

"Keine Panik!" - noch so ein Satz, der einem in den ersten Tagen immer wieder in den Ohren dröhnt. Allerdings: Die Botschaft scheint nicht bei jedem anzukommen. Während sich mehr und mehr Studierende durch die Türen quetschen, sollte man auf gar keinen Fall an die Brandschutzverordnung denken. Dann doch lieber: keine Panik!

Der Einzug ins neue Leben

Die Möbel stehen - aber wie sieht der Einzug ins neue Leben aus? Heimweh, für viele in ihrem bisherigen Leben ein Fremdwort. Schließlich war man bisher über jedes Sturmfrei glücklich. Jetzt, in den ersten Tagen, in denen man oft ganz auf sich alleine gestellt ist, gewinnt Heimweh - Heimatverbundenheit - plötzlich an Bedeutung.
Nach dem Abitur sind die Fragezeichen groß. Ein sicherer Studienplatz ist das Eine. Weiter geht es mit der Wohnungssuche. In Bamberg alles andere als ein Kinderspiel. Nicht selten sind deshalb Mama und Papa mit dabei. Ob das allerdings wirklich so gut bei der Wohnungsbesichtigung ankommt?

An der Reife der Studierenden scheiden sich die Geister. Die Vorstellung, Studierende wüssten, was es bedeutet, ihrem Professor mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen, oder gar den Glauben, jeder entscheide sich freiwillig für sein Studium und sitze dementsprechend selbstdiszipliniert oder gar motiviert in den Veranstaltungen, sollte man nicht überstrapazieren. Man darf den Studierenden nicht zu viel zutrauen. Immerhin haben sie die letzten zwölf Jahre damit verbracht, die Schulbank zu wärmen.

Besonders in den ersten Tagen eines neuen Semesters scheinen Studierende am Rande ihres persönlichen Stundenplan-Chaos' zu sein und Grundwerte gänzlich zu vergessen. Bei der Eröffnungsveranstaltung sind auch die Eltern herzlich eingeladen. Mama und Papa, Oma und Opa: fehlt nur noch die Schultüte. Dabei müsste man doch meinen, dass der Semesterbeginn nicht mit dem ersten Schultag zu vergleichen ist. Oder anders: Händchen haltend auf Mamas Schoß ist ja ganz nett, sorgt aber in den Einführungstagen eher für Spott. Und da der Wettbewerb in diesen Tagen recht groß ist, auch im Freundefinden, sollte man von Anfang an möglichst selbstständig wirken.

Duelle gibt es auch um die Plätze in den letzten Reihen, in denen der Laptop aufgeklappt wird, eine neue Folge der Lieblingsserie läuft oder Vögel auf dem Bildschirm abgeknallt werden. Oder man sich die Fingernägel lackieren kann...

Improvisation und hohe Kompromissbereitschaft ist gefragt. Auch - nein - leider besonders gegenüber seinen Kommilitonen. Alle sind genervt von ständigen Verschiebungen, Ungewissheit, Überfüllung. In der "Generation der zu Vielen" versucht jeder so viel wie möglich für sich herauszuholen - ein herzliches Miteinander ist unter diesen Bedingungen nicht immer möglich. Wer zuerst kommt, studiert zuerst.

Uni ist kein Wunschkonzert

"In der Universität kannst du die Kurse belegen, die du willst." - Pustekuchen. Es geht schnell, bis man als Erstsemester auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird.

Jahr für Jahr werden neue Studienfächer mit einem Numerus clausus behaftet. Der Versuch, den Andrang auf die einzelnen Lehrveranstaltungen zu bremsen, scheint aber vergebens. Eine willkürliche Einteilung am Anfang des Semesters, über Fragebögen, Ellenbogen ausfahren bei der Platzvergabe, Notlügen bei der Vergabe von Nachrückerplätzen - man muss schon gewieft sein, um seinen Traumstundenplan zu verwirklichen. Selbstverständlich kann die Universität für diese Zustände nichts. Und weil die Dozenten ja ach so toll sind, sich alle um die Studierenden bemühen, darf sich bloß keiner über das ganze Verfahren beschweren.

Wenn man doch wenigstens einmal das Verfahren nachvollziehen könnte. Heute werden Zettelchen gezogen, morgen entscheidet dann wieder der Geburtsmonat über den Stundenplan - die Frage, die sich stellt: Inwieweit entscheidet sich dadurch auch etwas für die eigene Zukunft?

Viel mit Eigenverantwortung hat das Stundenplan-erstellen nicht zu tun. Glück: Immer wieder spielt Glück eine Rolle. Beim Kampf um einen Sitzplatz zum Beispiel. Eine halbe Stunde vor Beginn ist der Saal gefüllt. Müde Gesichter werden vom viel zu frühen Klingeln ihres Weckers verfolgt und finden den einzigen Trost in reichlich Nervennahrung. Frühstück to go, statt gemütlich in den Tag starten. Aber in diesem Fall gibt es Hoffnung: Gemütlich Frühstücken kann man als Studierender noch oft genug. Aus Erfahrung: Spätestens in der dritten Vorlesungswoche findet jeder einen Platz in den Hörsälen.

Neue Freunde finden

"Mit diesem Andrang konnte wirklich keiner rechnen." - Pustekuchen. Im Oktober 2011 haben sich 216 Studierende für Kommunikationswissenschaft eingeschrieben, in diesem Wintersemester sind es rund 100. Überfordert ist das Institut trotzdem mit dem Nachwuchs. Ein Dozent versuchte damals schon seine Studierenden mit Geschichten aus dem persönlichen Nähkästchen zu beruhigen: "Die eher angespannte Lage ist eigentlich nix Neues."

In den Univeranstaltungen duellieren sich alle um einen Platz, auf Facebook im "Freunde hinzufügen". Ein freundliches "Hallo" vom Nebensitzer ist unwahrscheinlicher als eine Freundschaftsanfrage im Sozialen Netzwerk. Ersti-Gruppe, KoWi-Gruppe, Bamberger-Party-Gruppe... ähm, ja. Zugegeben, man könnte ja was verpassen.

Was einem wirklich die Laune verdirbt: Überall sind besetzte Plätze, die bis nach Vorlesungsbeginn für Freunde freigehalten werden. Ätzend und verletzend dazu. Denn wer sich einen Platz sichern konnte, weiß ihn oft gar nicht zu schätzen. Spätestens eine Viertelstunde vor Schluss entsteht Aufbruchsstimmung. Die Sorge, in einer Anschlussveranstaltung etwas Wichtiges zu verpassen, ist nachvollziehbar. Wer aber, um endlich heimzukommen, seinen Dozenten - der natürlich freiwillig seinen Feierabend nach hinten hinauszögert - bereits in der ersten Sitzung anlügt, hinterlässt die falsche Botschaft.

Abwarten und Tee trinken

Nichtsdestotrotz, es wird Zeit, dass das Semester startet. Dann sind auch bald die stressigen Einführungswochen vorbei, und jeder kann wieder die schönen Seiten des Studierendenleben auskosten. Bis dahin ist wohl Geduld gefragt. Abwarten und Tee trinken - die richtigen Temperaturen dafür hat es ja schon.