Im Gleusdorf-Prozess geht es vor dem Landgericht Bamberg derzeit um den Fall eines 86-jährigen Bewohners der Seniorenresidenz. Der Mann litt unter krankheitsbedingten Verkrampfungen der Hände, seit Juli 2016 bildeten sich dort sogenannte Dekubita (Druckgeschwüre). Mit den Wunden und Nekrosen (absterbende Zellen) gingen laut Anklage "massive Schmerzempfindungen" einher - und die unregelmäßig verabreichten Medikamente Diclovenac und Novaminsulfon hätten nicht ausgereicht, um das Leiden des Mannes wirksam zu mildern.

Anzeige gegen die Gleusdorf-Betreiber hatte ein Schwiegersohn des Toten erstattet. Denn kurz bevor der 86-Jährige starb, war er in ein Pflegeheim im Maintal verlegt worden. Und dort war man schockiert über die Wunden des Mannes und informierte auch die Angehörigen. "Die Bilder von seinen Händen werde ich wohl nicht mehr vergessen", sagte der Schwiegersohn im Zeugenstand. An Gleusdorf habe ihm zwar einiges nicht gefallen, etwa ein dreiwöchiges Besuchsverbot zu Beginn des Aufenthalts dort, aber konkrete strafrelevante Vorwürfe gegen die Betreiber konnte er in seiner Aussage nicht erheben.

Geächtete Mitarbeiterinnen

Ein Sohn des früheren Heimbewohners berichtete zuvor, wie man zunächst versucht hatte, den Vater zu Hause zu pflegen. Das gestaltete sich jedoch schwierig. Er und seine Frau waren berufstätig und hatten noch zwei Kinder zu versorgen. Und nachdem sein Vater bereits beim Probewohnen aus einer anderen Einrichtung über die Feuerleiter geflüchtet sei, musste man in ein geschlossenes Heim wechseln. Gleusdorf sei nah gewesen und habe "im Internet gar keine so schlechten Bewertungen" gehabt. Auch dieser Zeuge hatte nichts Belastendes gegen die Angeklagten, die frühere Heimleiterin von Schloss Gleusdorf, ihren Pflegedienstleiter und den damaligen Heimarzt, vorzubringen.

Eine frühere Gleusdorf-Mitarbeiterin sagte vor Gericht aus, dass sie nur einmal die Hände des Bewohners gesehen habe, ansonsten hätten ihn nur Pflegedienstleiter Peter N. (Namen geändert) und eine Kollegin, eine in Tschechien ausgebildete Krankenschwester, verbinden dürfen. "Das hat mich schon gewundert und auch der Zustand der Wunde." Den bekam die Zeugin zu sehen, als der Verband aus ihrer Sicht einmal zu eng angelegt war und sie den Mann erneut verband. Ein "ziemlich offenes Druckgeschwür" habe sie da gesehen, der Mann habe auf jeden Fall Schmerzen in der Hand gehabt. Ansonsten ließ die 29-Jährige nichts auf ihren damaligen Arbeitgeber kommen: "Es zerreißt einem das Herz, wenn man die ganzen Lügen hört." Aus "Pressegeilheit" seien von einigen früheren Mitarbeiterinnen falsche Tatsachen behauptet worden. Auch eine Altenpflegerin, die noch immer dort arbeitet, konnte von keinen skandalösen Zuständen in Schloss Gleusdorf berichten.

Eine der Zeuginnen, die mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sind, habe wenige Monate zuvor noch für die Weihnachtsfeier ein Gedicht für die Heimleiterin geschrieben. "Und uns zieht man dann durch den Dreck für Sachen, die keiner gemacht hat. Beim Bäcker oder Metzger werden wir nicht mehr angeschaut, weil wir in Gleusdorf arbeiten."

Mit Spannung erwartet wurde die Aussage der gelernten Krankenschwester, die neben dem weiterhin schweigenden Pflegedienstleiter die Hände des 86-Jährigen verbinden durfte. "Er war ein besonderer Bewohner", sagt sie über den Mann, der unter starken Kontrakturen litt. "Das Einbinden der Hände konnte jeder machen", sagt die 40-Jährige. Allerdings habe es sich um eine aufwändige Prozedur mit vorangehendem Wasserbad gehandelt, die schon für eine Hand eine halbe Stunde dauerte. "Das sollte schon besser jemand machen, der ihm vertraut war." Vor den Verbandswechseln habe sie ihm stets das Schmerzmittel Novaminsulfon gegeben. "Da hatte er dann keine Schmerzen, hoffe ich." Die Altenpflegerin hätte es am Ende für sinnvoller gehalten, die betroffenen Finger zu amputieren. Aber das hätten die Angehörigen nicht mehr gewünscht, da sich der Vater ohnehin schon in der Palliativphase befunden habe.

Die Chefin war im Urlaub

Etwas drastischer stellte sich der Sachverhalt freilich in einem von der Staatsanwaltschaft sichergestellten Chatverlauf zwischen der 40-Jährigen und Pflegedienstleiter N. dar. Mit dem hatte sie damals eine Affäre, heute sei sie mit ihm befreundet. Sie schreibt da von unglaublichen Schmerzen des Bewohners, ein Stück vom Finger werde wohl abfallen. "Ich bin erschrocken, als ich ihm die Hände aufgemacht habe und habe wahrscheinlich überreagiert", versucht sie das vor Gericht zu erklären. Das wollte aber Vorsitzender Richter Manfred Schmidt nicht so stehen lassen, er ließ ausführlich verlesen, was die Zeugin dem Angeklagten anvertraut hatte. Das reichte von heftigen Auseinandersetzungen unter den Mitarbeitern bis hin zu konkreten Fragen zu einzelnen Patienten - und immer wieder ging es auch um den 86-Jährigen, den man "nicht so quälen lassen" dürfe, sie mache sich strafbar wegen nicht geleisteter Hilfe. "Das ist eine Schande, was wir mit ihm machen, das wird noch Folgen haben."

Am Montag soll nun ein Rechtsmediziner dazu aussagen, welches Ausmaß die Schmerzen des Heimbewohners hatten, ob die Medikamente ausreichten oder was man sonst hätte machen können. Heimleiterin Angelika R. kann dem recht entspannt entgegensehen. Ihr Verteidiger brachte Unterlagen mit, nach denen sie zur maßgeblichen Zeit Urlaub in Sri Lanka machte.