B oris hatte - mit Verlaub - saumäßiges Glück. Das Schwein, das gerade glücklich in der Frühlingserde wühlt, war ein Geburtstagsgeschenk gewesen. Es hätte als Spanferkel am Spieß enden sollen. Doch der Beschenkte aus der Nähe von Haßfurt tat sich schwer damit, Boris zu töten, nachdem er den grunzfidelen Eber erst einmal kennen gelernt hatte. So kam der Bursche zu Jessica Sebald nach Gößweinstein.

In dem beschaulichen Ort in der Fränkischen Schweiz gibt Jessi zusammen mit ihrem Mann Daniel ("Dani") nicht nur ihren drei Kindern ein Zuhause, sondern auch 200 Tieren. Die zwei Kängurus und drei Emus, die beiden Lamas, die Zebu-Rinder, den blinden Hund, den Esel und die zahlreichen Pferde, die Schafe, Ziegen, Hühner und Gänse wollte niemand anders mehr haben - sie waren zu alt, zu krank oder einfach im Weg.
Einige kamen über den Tierschutz auf den Sternenhof, weil sie schlecht gehalten worden waren. Oder sie waren Findelkinder, wie die Waschbären und Streifenhörnchen.

"Irgendwie musste es wohl so kommen", sinniert die 34-jährige Gößweinsteinerin. "Ich hab' als Kind schon Pläne für einen Tiergarten gemalt. Und ich habe die Immenhof-Filme geliebt." Trotzdem lernte sie nach der Schulzeit erst einmal etwas Handfestes: Industriekauffrau. Das kaufmännische Wissen nutzt ihr heute bei der Betriebsführung.

Jessi hat von klein auf erlebt, was Tierliebe heißt. Ihre Eltern züchteten Hunde, die Kinder durften Kleintiere halten, etwa Kaninchen oder Vögel. "Meine Tante hatte einen Bauernhof. Da war ich als Kind besonders gern." Mit fünf Jahren lernte die kleine Jessi reiten. Sie erlebte mit ihrer Haflingerstute "Fee" so manches Abenteuer.
Als Jessi volljährig war, kam ein zweites Pferd dazu. "Wir haben eine Wiese am Ortsrand gekauft und ein Heulager gebaut. Plötzlich standen über Nacht drei Ziegen auf der Wiese." Irgendwer hatte sie loswerden wollen und bei den Sebalds angebunden. Es war die Geburtsstunde des Sternenhofs. "Opa Schorsch war der gute Geist, er hat immer geholfen. Und das tut er auch heute noch."

Neben den Ziegen nahm Jessi bald auch Kaninchen in Pflege. "Anscheinend hatte es sich herumgesprochen, dass es in Gößweinstein eine Art Gnadenhof gibt." Immer mehr Tiere wurden gebracht, Katzen, Hühner, Pferde. "Dann kamen Waschbären-Babys. Eine Familie hatte sie auf dem Dachboden gefunden, die Mutter war gestorben." Also informierte sich Jessi über die Lebensweise der putzigen Fellknäuel und zog sie mit der Flasche auf. "Am Anfang mussten sie alle zwei Stunden gesäugt werden." Für die Ziegen kaufte sie einen Kletterfelsen, der hinter der Wiese in die Höhe ragt. "Dort hatte ich als Kind gespielt. Jetzt spielen dort meine Tiere."



"Urlaub fällt bei uns eh weg"

Ein befreundeter Förster brachte ihr ein Reh, das von einem Auto angefahren worden war. Auch dieses Tier pflegte Jessi gesund - was ihr in Zukunft viele weitere Rehe und verwaiste Rehkitze bescherte.
Tiere machen nicht nur Arbeit, sondern kosten auch Geld. Wie funktioniert das finanziell? Wie kann ein Gnadenhof sich tragen? Jessi lächelt, wenn ihr jemand solche Fragen stellt, aber in ihre Stirn bohrt sich auch eine unübersehbare Sorgenfalte. "Wir haben Einnahmen durch Reitbeteiligungen und unsere Pferdepension, so dass wir zurecht kommen. Ich bin keiner, der Reichtümer anhäufen möchte. Wir haben alles, was wir brauchen. Und Urlaub fällt bei uns eh weg, wir lassen die Tiere nicht allein." Jessi betont außerdem, dass sie sich auf gut zehn ehrenamtliche Helfer verlassen könne. "Ich bin so froh, dass es sie gibt. Ohne sie ginge es kaum."
Lohn allen Einsatzes sei die Dankbarkeit ihrer Tiere, sagt die 34-Jährige. "Zum Beispiel unser kleiner Shetty-Wallach Fritzchen. Um das Zirkuspferd vor dem Metzger zu retten, hat die ganze Stallgemeinschaft zusammengelegt. Er ist ein so liebes und dankbares Bilderbuch-Pony."

Wenn sie mal einen richtigen "Scheißtag" hat, dann muss Jessi nicht überlegen, was zu tun ist. "Dann setze ich mich zu meinen Tieren und schaue ihnen einfach zu. Danach geht's mir besser." Natürlich gibt es aber auch leidvolle Momente, etwa, wenn das Leben langjähriger Sternenhof-Bewohner zu Ende geht. "Man muss mit dem Sterben umgehen können", meint Jessi. "Wenn ein Tier zu stark leidet, darf es bei uns friedlich einschlafen. Aber ein gesundes Tier aus dem Leben reißen - das könnt' ich nie."

Dani nickt zu den Worten seiner Frau. Er wollte ursprünglich Metzger werden, brach die Ausbildung jedoch ab. Auch seine Leidenschaft gehört heute ganz dem Sternenhof, auf dem es immer viel zu tun gibt. Aktuell baut er neue Schweineställe. Er und seine Frau haben für die Zukunft denselben Wunsch: "Die Auflagen durch das Veterinäramt werden immer höher, die Bürokratie nimmt zu. Hoffentlich können wir den Hof halten. Und ihn Stück für Stück verschönern." Ideen haben sie viele. Aber wenig Geld. Ihr Leben als Industriekauffrau mit sicherem Einkommen wünscht sich Jessi trotzdem nicht zurück. "Ich würde nicht mehr tauschen", stellt sie klar, während sie dem Waliser Schwarznasenschaf "Schorsch" das Fell krault. "Was sollte sonst aus ihm werden? Und aus Boris, Fritzchen und all den anderen?"


Weitere Infos/Fotos: www.pferdehof-goessweinstein.de.tl