E r hat mit einer Mutter gesprochen, die ihr ungeborenes Baby verloren hat. Er hat Palliativmediziner, Sterbebegleiter und Hinterbliebene interviewt. An der Seite der Klinik-Clowns hat er beobachtet, dass Lachen oft wirklich wie Medizin wirkt. Zuletzt hat er ein Paar an den Starnberger See begleitet, wo Frau und Mann nach über 60 gemeinsamen Jahren Abschied voneinander nehmen mussten. Der 24-jährige Manuel Stark aus Marktzeuln im Kreis Lichtenfels, freier Journalist und Schüler an der Deutschen Journalistenschule in München, hat sich intensiv mit dem "Leben im Angesicht des Todes" befasst. Seine Berichterstattung im "Fränkischen Sonntag" hat seine Sicht auf den Tod verändert - vor allem aber seine Sicht aufs Leben.


Manuel, der letzte Serienteil erschien vergangenen Samstag. Wie lange hast Du für die insgesamt zehn Beiträge recherchiert? Wie hast Du Deine Gesprächspartner gefunden?
Manuel Stark: Seit Juni 2016 habe ich über 100 Stunden lang recherchiert. Mit Fahr- und Schreibzeiten bin ich locker auf das Doppelte gekommen. Die Gesprächspartner habe ich sowohl durch Aufrufe in den sozialen Netzwerken gefunden - auf Facebook bin ich zum Beispiel Interessensgruppen beigetreten - als auch durch Gespräche mit Palliativ-Erfahrenen, die mir mögliche Interviewpartner genannt haben. Einmal habe ich auch einen Vortrag besucht und ein Totengedenken. Dort habe ich mich vorgestellt und Leute gefragt, die mir weitergeholfen haben.

Wie ist Dein Anliegen aufgenommen worden, über das Lebensende zu schreiben?
Ich hatte ordentlich Respekt vor der Aufgabe und war wirklich froh und positiv überrascht, dass fast alle Menschen Verständnis gezeigt und mein Anliegen unterstützt haben.

Wie oft denkst Du noch an Menschen, die Dir bei der Recherche begegnet sind?

Immer wieder. Neulich in München habe ich zufällig das Gespräch zweier Frauen mitgehört. Die eine hat der anderen vom Tod ihres Mannes berichtet. Sofort hatte ich einen "Backflash". Oder als kürzlich eine junge Frau ihr Kind aus dem Kindergarten abgeholt und es voller Freude in die Luft geworfen hat, da musste ich sofort an die Mutter des Babys denken, das noch im Mutterleib gestorben ist. Bei der aktuellen Sterbehilfe-Debatte kommt mir immer wieder mein Gespräch mit der Politikerin Emmi Zeulner in den Sinn. Insgesamt berührt die Serie meinen Alltag immer noch sehr.

Gab es Fälle, die Dir besonders unter die Haut gegangen sind?

Ganz viele. Die Begegnung mit Magdalena Dotterweich zum Beispiel. Es ist jetzt über 20 Jahre her, dass sie ihren Sohn verloren hat. Im Gespräch mit mir hat sie jedes Detail von damals noch genau gewusst. Die Liebe dieser Mutter ist noch immer unheimlich stark. Oder das Interview mit der Frau, die ihr Ungeborenes verloren hat. Vor allem aber die Begegnung mit dem jungen Mann, der seinen Vater verloren hat und nun an Hodenkrebs leidet. Er ist nicht viel älter als ich. Er musste seine Ausbildung abbrechen - obwohl er dem Vater auf dem Sterbebett versprochen hat, sie dieses Mal zu beenden. Das ist eine krasse Situation. Wie willst du ihm da was Positives sagen? Dass er nichts für den Abbruch der Ausbildung kann, weiß er selbst. Aber er weiß auch, dass er nicht mehr nachfragen kann; sein Vater ist tot.

Was waren für Dich die markantesten Aussagen und Momente?
Wahrscheinlich war das Alfons Bachmanns Verhalten. Der ältere Herr war so ruhig und besonnen, obwohl er genau wusste, dass er bald sterben wird. Wie er mit seiner Frau umgegangen ist, die sich an ihn geklammert und geweint hat, das hat mich fast gelähmt. In diesem intimen Moment hab' ich gedacht: Was machst du da eigentlich, du bist doch hier völlig fehl am Platz. Alfons Bachmann hat gelächelt und seine Frau ganz ruhig gestreichelt, um sie zu trösten... Diese Kraft, die fand ich unglaublich. Die Situation hat sich in mir eingebrannt. Ich weiß nicht, woher so viele Menschen so eine enorme Stärke haben. Ich wäre gerne wie Alfons Bachmann.

Ein Wort zu deinem Interview-Partner Dr. Cuno aus Bamberg...
... der jetzt Hausverbot im Klinikum hat, weil der Verdacht sexueller Nötigung im Raum steht. Ich hatte schon einige berufliche Termine mit ihm und habe ihn als sehr verständnisvollen Palliativ-Mediziner kennen gelernt. Ich hoffe, ich habe mich nicht getäuscht. Für das Serien-Interview habe ich mit ihm während einer Tagesfahrt zu verschiedenen Patienten gesprochen. Irgendwie ist die ganze Sache schon seltsam. Zwei Tage, nachdem er sagt, er kündigt, weil er ein Angebot aus einer anderen Klinik hat, kommt das alles hoch. Über den Sachverhalt müssen die Gerichte entscheide. Aber ich finde es verwerflich, was teilweise für eine Hetze betrieben wird, wahre Lynchjustiz. Da wird jemand öffentlich quasi an den Galgen genagelt, ehe überhaupt erste Ermittlungsergebnisse da sind.

Hat der intensive Kontakt mit dem Thema Sterben Dich verändert?
Ich muss sagen, das Thema Verlust hat mich schon immer fasziniert. Beim Thema Sterben hat sich die Faszination in riesigen Respekt verwandelt. Trauer ist so viel mehr als nur ein paar Tränen. Es geht um tiefgreifende, schicksalhafte Erfahrungen. Ich habe ja mehr Menschen getroffen als diejenigen, über die ich dann auch geschrieben habe. Da war zum Beispiel eine Frau, die ihrem schwer kranken Mann jeden Tag frisch gebackenen Kuchen und Kaffee gebracht hat. Obwohl er höchstens noch ein kleines bisschen essen und ein paar Schlucke trinken konnte. Sie hat ihn angelacht, war fröhlich, hat ihm auf die Schulter geklopft... Ich hatte das Gefühl, dass ihr ganzes Verhalten "echt" war, dass ihr Lächeln ihre Augen erreicht hat. Aber dann habe ich erlebt, wie sie komplett zusammengebrochen ist, kaum dass sie mit mir durch die Tür gegangen war. Sie hat schrecklich geweint. Vorher hatte sie sich dermaßen zusammengerissen - Wahnsinn! Und nachdem sie sich beruhigt und die Tränen abgewaschen hatte, ist sie wieder ins Wohnzimmer rein und hat wieder gelächelt... Die beiden waren über 70 Jahre zusammen.Ich kann nur sagen: Durch die Serie habe ich erfahren, dass Menschen zur wunderbarsten Empfindung fähig sind, die es überhaupt gibt: Menschlichkeit.

Menschlichkeit hat viele Facetten...
... oh ja. Da gibt es grandiose Kraft, Selbstlosigkeit, auch Aufopferung für einen geliebten Menschen. Es gibt ganz viel Wunderbares, was Menschen für Menschen tun können. Ganz zuletzt ist das unübersehbar.

Hast Du jetzt einen anderen Blick auf den Tod? Hast Du vielleicht weniger Angst vor dem Tod, weil Du Dich so lange damit beschäftigt hast?
Nein. Ich habe noch immer Angst vor dem Tod. Aber ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass Tod nicht nur Verlust ist. Früher habe ich das so gesehen. Ich habe zwei Schulfreunde verloren, einen durch ein Busunglück, den anderen, kurz nach dem Abitur, durch einen Motorradunfall. Ich habe mir damals immer nur den Kopf zermartert: Warum? Jetzt habe ich gelernt, dass so mancher Mensch, der gestorben ist, immer noch wirkt, dass noch viel von ihm da ist. Ich würde nicht sagen, dass sich mein Umgang mit dem Tod durch die Serie verändert hat. Aber mein Umgang mit dem Leben! Ich weiß jetzt, was ein einziges Wort bewirken kann, eine Geste. Das richtige Wort im richtigen Moment ist wichtiger und lebt länger weiter als das größte Grabmal.

Spielt der Glauben im Sterben eine Rolle?
Es gibt Menschen, die nicht glauben und gut klarkommen. Es gibt religiöse Menschen, die hadern. Und umgekehrt. Ich selbst bin eher religions- und glaubenskritisch, aber ich habe während der Recherche die Erfahrung gemacht, dass Gott oder der Glaube große Kraft geben kann. Es wird wohl dadurch nicht leichter, einen Menschen gehen zu lassen, aber man kann leichter damit umgehen. Fast jeder der Menschen, denen ich begegnet bin, wollte die Vorstellung behalten, dass man sich irgendwie irgendwo wiedersieht. Auch Atheisten. Die sagen zum Beispiel, dass Energie nie verschwindet, sondern in anderer Form weiter existiert. Christen sagen, sie glauben daran, einst an Gottes Tafel wieder zusammen zu speisen... Der Gedanke an ein Weiterleben - in irgendeiner Form - war fast immer da.

Wen oder was wirst Du nie vergessen?
Die Pflegekräfte, Hospizhelfer und Palliativmitarbeiter - mein Respekt für sie ist riesengroß geworden. Nach manchen Begegnungen war ich echt ausgelaugt, wollte nicht gleich wieder ins Klinikum. Ich frage mich: Wie schaffen das Ärzte und Pflegekräfte Tag für Tag? Natürlich gibt es im Palliativbereich beeindruckende Begegnungen. Aber was du da erlebst, hast du ja auch immer zu verarbeiten, das kostet Kraft. Ein guter Pfleger oder Arzt muss jedes Mal individuell für den Patienten da sein, er darf sich dem Sterben nicht verschließen. Was diese Menschen leisten, ist Wahnsinn.