So atmet sich's in der Hölle. Ganz bestimmt. Man möchte das Luftholen einstellen. Die Bronchien brennen, die Lunge wehrt sich mit Hustenkrämpfen. Und die Nase erst: Als ob tausend Teufel Nagelbretter über die Schleimhaut ziehen würden. Und dabei wars doch bloß ein Atemzug.

Nur die Augen haben (fast) nicht abbekommen. Ich bin zwar neugierig, aber nicht leichtsinnig. Also waren sie fest zugekniffen und auch noch zugehalten, beim Schnüffeltest in der Schnellrestaurant-Papiertüte.


Falsches Sicherheitsgefühl?

"Ich hab' mir schon Pfefferspray besorgt!" An diesem Satz kommt gar nicht mehr vorbei, wer Kommentare in Sozialen Netzwerken liest zu Beiträgen, bei denen von echten oder angenommenen Bedrohungen die Rede ist. Ja schön. Spray besorgen und benutzen sind aber zwei verschiedene Schuhe. Wenn es ungünstig läuft, hat man sich einem falschen Sicherheitsgefühl hingegeben.

Wie ist es, wenn man den Finger am Drücker hat und weiß, dass man mit einem pffffft jemanden ziemlich brutal außer Gefecht setzen könnte? Ziemlich problemlos fühlt es sich an. Theoretisch. Wie das so ist, bei Waffen, die auf die Distanz wirken.

Wenn ich einem Angreifer beispielsweise den in der Faust verborgenen Autoschlüssel durchs Gesicht ziehen müsste, sähe das wahrscheinlich anders aus.


Erfahrungen mit Reizgas

Doch mir steht ja kein Unhold gegenüber, sondern nur der Kollege mit der Kamera. Der hat bei einer Demonstration mal durch eine Reizgas-Wolke laufen müssen und ist wenig begeistert von der Test-Idee. Also die am Vorabend schnell noch im Baumarkt besorgten Plastik-Schutzbrillen aufsetzen.

Wer zur Spraydose greift, die einen Sprühnebel produziert, muss auf die Windrichtung achten. Unbedingt. Doch denkt man in einer unmittelbaren Gefahrensituation daran? Hält man gar eine Dose in der Hand, bei der nicht auf den ersten Blick klar ist, wohin die Düse zeigt, hat man ein echtes Problem. Die Kollegin hat so ein Teil. Es kommt aus den USA und steckt in einem Futteral mit Handschlaufe, Aber im Ernstfall müsste man erstmal daran herumnesteln.


Wolke oder Strahl?

Wolke oder Strahl, Breitenwirkung oder ganz gezielt? Auch wenn die Preise für Verteidigungssprays im Internet teilweise verlockend erscheinen - man weiß nicht in jedem Fall, was man kriegt.

Fürs Experiment muss man kein unnötiges Risiko eingehen. Deshalb kommt eine nach umfassender Beratung in einem Bamberger Fachgeschäft gekaufte Dose zum Einsatz. Der Sprühstrahl schießt mehre Meter weit aus dem Metallbehälter und fächert sich erst im letzten Drittel ein wenig auf. Nach Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln ist das Foto "im Kasten".

Und jetzt? Außer der Erkenntnis, dass man mit einem Sprühstrahl-Spray als Anwender (sofern man es nicht in geschlossenen Räumen verwendet) selbst wohl eher weniger abbekommt, ist da nicht viel.

Also nochmal einen Sprühstoß in die Luft jagen und die Nase kurz danach in die Flugbahn halten. Schon "besser". Es riecht nach Klebstoff-Lösungsmittel und muffigem Paprika-Pulver. Die Atemwege melden Protest an.

Ohne jede Auswirkung bleibt zunächst der Kontakt der Flüssigkeit mit der Haut dreier Finger. Auf seiner Website beschreibt der Hersteller den Wirkstoff OC (Oleoresin Capsicum) als natürlichen Pfefferextrakt, "der aus den extrem scharfen kleinen, als Chillies oder Peperoni bezeichneten Früchten von Capsivum frutescens und/oder Spanischer Pfeffer Capsicum annuum L. gewonnen wird".

In dieser Rezeptur sei es ungiftig, ohne bekannte Nebenwirkungen und werde in Lebensmittelqualität verwendet.


Waschen hilft nicht

An der Hand ist auch nach fünf Minuten immer noch nichts zu merken. Sicherheitshalber kommt aber doch die mitgebrachte Mineralwasserflasche zum Einsatz. Die orange Farbe geht auch nach mehrmaligem Reiben nicht ganz ab.
Fehlschlag auf der ganzen Linie? Abwarten! Im Spraydöschen ist noch etwa ein Drittel drin. Das muss warten bis zur Mittagspause. Doch unvermittelt bringen sich die ersten Portionen wieder in Erinnerung.
Beim Husten mal kurz die rechte Hand vor den Mund gehalten, schon brennt die Oberlippe wie Feuer. Und das, obwohl die Finger mittlerweile mit Seife und viel Wasser geschrubbt wurden.


Tränensturzbach

Der Schmerz vergeht nach einiger Zeit wieder. Und ist schnell vergessen. So schnell, dass der linke Zeigefinger irgendwann am Auge reibt. Hölle! Es zwickt infernalisch. Sofort setzt sich ein Tränensturzbach in Bewegung. Dabei hat diese Hand doch nur die andere gewaschen und mit der Chili-Brühe selbst keinen Kontakt gehabt.
Wer von Pfefferspray direkt im Gesicht getroffen wird, ist kampfunfähig. Das glaube ich sofort. Dabei darf es nicht einfach so von jedem gegen Menschen eingesetzt werden. Nur in Notwehr. Es ist in Deutschland nur zur Tierabwehr erlaubt, im Gegensatz zu CS-Gas. Allerdings spricht fast jeder von Pfefferspray, wenn er dieses Abwehrmittel meint. Keines der beiden ist harmlos!


"Das ist zur Abwehr!"

Zeit für den etwas härteren Test. Wie heißt es immer? "Bitte nicht nachmachen!" Außer, jemand möchte eine Viertelstunde nach Luft ringen und sich gleichzeitig nicht trauen, genau dies zu tun.
Tief rein mit der Nase in die von innen besprühte Papiertüte. Nicht schön. Wirklich nicht! Aber lehrreich. Wie sich's anfühlt, steht am Anfang des Artikels.
"Denken Sie daran, mit dem Zeug sollte man nicht rumprobieren", hatte der Mann im Geschäft gleich mehrfach gemahnt. "Es ist zur Abwehr!" So ist es.