Am Billardtisch begann vor einem halben Jahrhundert die interkontinentale Freundschaft. In der Waldgaststätte "Wilhelmsruh" lernte Michael Walsh, der als amerikanischer Soldat in Bamberg stationiert war, 1965 Günter Czusna kennen. Zwischen den beiden Twens entstand in den folgenden Jahren eine enge Bindung, bis sich der Kontakt nach der Rückkehr des Flugzeugmechanikers in die Staaten 1972 verlor. Zum 70. Geburtstag Czusnas aber gab's ein Wiedersehen, das der Bamberger als "gelungenstes Geschenk, das mir je gemacht wurde", beschreibt: "Ich konnte es kaum fassen, als Michael bei meiner Geburtstagsfeier plötzlich vor mir stand, den ich gerade noch in einer Videobotschaft gesehen hatte."

Eine besondere Überraschung, für die Czusnas Bruder Rudolf Dageförde mit seiner Frau Ursula sorgte.
"Über Facebook hatten sich Günter und Michael vor zwei Jahren wiedergefunden, was uns auf die Idee eines Glückwunschvideos brachte", berichtet Dageförde. Dabei blieb es nicht, nachdem Walsh die Gelegenheit zur ersten persönlichen Begegnung nach 43 Jahren ergriff. So schneiten zwei Gäste aus Beaufort (South Carolina) mitten in die Party zum Siebzigsten, zu der 70 Freunde, Bekannte und Verwandte gekommen waren.


Mit der Harley unterwegs

Wie glücklich war Günter Czusna, seinen Freund nach all der Zeit wieder in die Arme schließen zu können. "Ich wusste nicht mal, ob Michael noch lebt, bis er mich übers Internet ausfindig machte", sagt der Bamberger, der über Walsh auch zum Motorradfahren kam. "Dabei hatte ich Pudding in den Knien, als mich Michael erstmals auf seiner Maschine mitnahm." Beide besitzen mittlerweile übrigens - standesgemäß - eine Harley. Und vielleicht lädt Czusna seinen Freund vor der Abreise noch zu einer Tour ein, bei der diesmal Walsh als Sozius ins Schwitzen kommt.

Viele Parallelen zeigten sich beim Wiedersehen. Viele Erinnerungen lebten auf - bis hin "zur ersten Pizza meines Lebens, die ich bei einem Besuch auf dem Flugplatz aß, wo Michael als Mechaniker arbeitete", so Czusna. Die US-Army hatte nach dem Krieg das Gelände an der Breitenau besetzt, das sich ganz in der Nähe der Gaststätte befand, in der Walsh wiederum mit Czusna das erste Bamberger Bier trank: eine "interessante Erfahrung", die ihn heute noch schmunzeln lässt.


Romantische Mission

Etliches unternahmen die beiden Twens danach zusammen, die innerhalb kurzer Zeit enge Freunde wurden. So brachte auch kein anderer als Günter Czusna Walshs Verlobte im September 1966 nach Bamberg: "Michael hatte von seinen Vorgesetzten keine Erlaubnis erhalten, Janice vom Frankfurter Flughafen abzuholen, also übernahm ich das", erinnert sich der nun 70-Jährige, der das Paar auf diese Weise nach Monaten der Trennung wieder zusammenbrachte. Im Bamberger Rathaus gab die 18-jährige Amerikanerin ihrem Michael wenige Tage später das Ja-Wort.

Schon im November 1966 musste der Flugzeugmechaniker die Domstadt wieder verlassen. Mit seiner Frau kehrte Walsh fürs Erste in die Staaten zurück. In Texas wurde er zum Hubschrauberpiloten ausgebildet, diente danach zwei Jahre lang in Vietnam und kam anschließend wieder nach Deutschland in die Nähe von Ansbach. So hatte der Amerikaner auch Gelegenheit, die Hochzeit von Ursula und Günter Czusna mitzuerleben. "Michael kam in Uniform, Janice mit einem großen schwarzen Hut - ein Bild, das ich nie vergessen werde", erinnert sich sein Bamberger Freund.

Erst 1972 brach nach noch so mancher Begegnung der Kontakt zwischen den Paaren ab. Walsh hatte die Army mittlerweile verlassen und zog mit seiner Familie nach South Carolina. Vergessen konnte er seinen fränkischen Spezi aber nicht, wie sich 2013 zeigte: Da suchte und fand der heute 69-jährige Familienvater Czusna übers Internet und nahm via Facebook Kontakt auf.


Der nächste 70. Geburtstag

Natürlich ließ sich auch Janice Walsh das Wiedersehen mit den Bamberger Freunden nicht entgehen: der zweite Überraschungsgast bei der Geburtstagsparty. "Diesmal werden wir aber in Kontakt bleiben und uns nicht mehr aus den Augen verlieren", meint Czusna, der Michael Walsh in wenigen Wochen ebenfalls zum 70. gratulieren (und vielleicht die gleiche Überraschung bereiten kann). Wer weiß...