Ausgerechnet heute! Miriam Langenbucher betrachtet die milchig-weißen, wabernden Schwaden, die die Baumkronen umwehen wie ein Schleier. "Dagegen kann man nichts machen", stellt die Leiterin des Baumwipfelpfads Steigerwald achselzuckend fest. "Der Turm will anscheinend nicht gleich all seine Schätze preisgeben."

Ein bisschen geheimnisvoll darf es ja ruhig auch noch zugehen, denn eröffnet werden Turm und Pfad erst im März 2016. Die gewaltige Dimension des Neun-Millionen-Euro-Projekts auf der Ebracher Gemarkung Radstein war am Dienstag bei der symbolischen Erstbesteigung des Turms gut zu erkennen - trotz des Nebels.

Der große Parkplatz am Waldrand neben der B22 ist schon fertig, an der Gastwirtschaft mit Biergarten wenige Meter weiter wird noch fleißig gebaut.
Von hier aus sind es zu Fuß nur wenige Minuten bis zum Kassenhäuschen des Baumwipfelpfads, der sich auf Stelzen 1150 Meter unterm grün-bunten Blätterdach durchschlängelt, teils in über 20 Metern Höhe. Noch ist der Pfad nicht komplett - der Bohlenbelag weist Lücken auf und die Sicherheitsnetze müssen an vielen Stellen noch montiert werden. Auch dort, wo sich einmal Spielstationen an den "Himmelspfad" schmiegen werden, kann man derzeit noch tief fallen. "Wir appellieren deshalb an alle Spaziergänger, sich nicht in Gefahr zu begeben. Betreten Sie die Baustelle nicht!", bittet Miriam Langenbucher eindringlich.

Das gilt auch für den Holzturm, zu dem der Pfad führt und der sich nach oben hin öffnet wie ein gigantischer Kelch. Diese Konstruktion unterscheidet die neue Ebracher Attraktion von den zwölf anderen großen Baumwipfelpfaden in Deutschland. "Hier kann man die Höhe noch viel intensiver erleben als anderswo", ist sich Herbert Aigner sicher. Aigner weiß, wovon erspricht - seine Firma Wiehag hat schon zahlreiche Baumwipfelpfade mit Aussichtstürmen gebaut.

Der Ebracher Turm ist 41 Meter hoch und ganz ohne Stufen auch mit dem Rollstuhl problemlos zu erklimmen. Noch wird an dem 650 Meter langen Spiralweg gebaut, der sich in geringer Steigung um eine etwa 40 Jahre alte Rotbuche schraubt. Vor allem im oberen Bereich fehlen noch Geländer und Sicherheitsnetze aus Stahldraht. Deshalb stehen Kranwagen mit Hubbühnen bereit, in denen die Arbeiter bis in luftige Höhen gelangen. Wie Spielzeugautos sehen die schweren Geräte von oben aus.

Mit jeder Etage, die man höher kommt, wird es etwa kühler und windiger. Ganz oben kann man den Rand des "Holzkelchs" komplett umrunden. Es duftet herbstlich nach nebelfeuchten Blättern. "Normalerweise hat man von hier aus einen tollen Rundumblick in die waldreiche Landschaft des Steigerwaldes", sagt Miriam Langenbucher.

Die 29-jährige Försterin ist an der südlichen Weinstraße geboren. Seit sie den Bau des Baumwipfelpfads zwischen Ebrach und Handthal - zu beiden Orten sind es Luftlinie nur wenige Kilometer - live miterlebt, fühlt sie sich in Franken schon sehr wohl. Sie freut sich darauf, den Besuchern ab März das Ökosystem Wald auch auf ansonsten nicht erreichbaren Ebenen zu zeigen, etwa an der Baumkrone. Riesige Lehrtafeln und erhobene Zeigefinger wird es unter ihrer Regie nicht geben. "Wissen soll so vermittelt werden, dass es Spaß macht." Langenbucher setzt durchaus auf einen Event-Charakter ihres Pfades: "Action und Erlebnis sollen hier im Vordergrund stehen. Das ist die perfekte Ergänzung zum Steigerwald-Zentrum in Handthal."

Waldpädagogik, Erholung und Erlebnis - das sind die drei großen Bestandteile des Gesamtkonzepts "Zentrum-Nachhaltigkeit-Wald" im Steigerwald. Die Verbindung vom Baumwipfelpfad im oberfränkischen Ebrach und dem Info-Zentrum im unterfränkischen Handthal soll ein bundesweit einzigartiges Vorzeigeprojekt in Sachen nachhaltige Waldbewirtschaftung werden. Es soll die Region auch touristisch aufwerten - 175 000 Besucher werden pro Jahr erwartet. "Sie können hier die Vorteile einer nachhaltigen Waldpflege erleben", sagt Miriam Langenbucher. Herbert Aigner formuliert es so: "Holz ist ein toller Rohstoff. Das kann man hier direkt vor Ort erfahren."