Männer können vielleicht höher springen als Frauen. Eventuell schaffen sie auch mehr einarmige Liegestützen. Aber eines können sie nicht: besser Bäume schneiden als Frauen. Letztere haben es nun Schwarz auf Weiß vom Fachmann: "Frauen verstehen Bäume oft besser als Männer", sagt Marius Wittur, Streuobstberater von Bioland Bayern. "Sie bekommen deshalb leichter einen naturgemäßen Gehölzschnitt hin."

Wittur muss es wissen. Mit geschlechtsgemischten Gruppen hat der 43-Jährige aus dem unterfränkischen Untereisenheim schon viele Schnittkurse abgehalten. Nun aber stand er das allererste Mal vor einer reinen "Frauschaft": Zum 1. Baumschnittkurs für Frauen hatten sich 20 Damen aus Franken auf dem Naturhof Tröppner in Järkendorf bei Wiesentheid (Unterfranken) eingefunden.
Weitere 20 lassen sich kommendes Wochenende schulen und für nächstes Jahr liegen der Bauernhofpädagogin Doris Tröppner auch schon zahlreich Anmeldungen vor. Offenbar hat die Biolandwirtin mit ihrem Angebot ins Schwarze getroffen.

"Ohne den Einfluss der Männer können wir freier agieren", begründet Doris Tröppner ihre Initiative. Die Frauen nicken. "Sonst hat mein Mann immer unsere Bäume geschnitten", erzählt Annette aus Alitzheim (Kreis Schweinfurt). Der Anblick der gestutzten Lebewesen sei oft nicht erfreulich gewesen. "Deswegen denke ich, dass ich's jetzt selbst mache. Ich mach's wenigstens mit Gefühl."

Ähnlich äußern sich Gabriele, Cornelia und Monika. Manche haben einen alten Obstbestand geerbt, andere haben sich eigens eine Wiese mit Apfel-, Birn-, Zwetschgen-, Kirsch- oder auch Pfirsichbäumen gepachtet oder gekauft - als kleine Natur-Oase. Um sich mehr Sicherheit beim Schneiden und Pflegen der Obstbäume anzueignen, sind sie zu Doris Tröppner und Marius Wittur gekommen.

"Um Kulturbäume zu erhalten, ist es unerlässlich, sie immer wieder zu schneiden. Passiert fünf bis zehn Jahre nichts, brechen und verwildern die Bäume und sterben letztlich frühzeitig ab", macht Marius Wittur deutlich. Unseren Vorfahren vor 300 bis 400 Jahren habe Streuobst als Lebensgrundlage gedient. "Heute, durch die Globalisierung, ist Obst immer und überall verfügbar." Das hat Auswirkungen: Alte Obstbestände gibt es zwar noch, aber sie werden oft nicht mehr genutzt und daher auch nicht gepflegt.

"Lieber kauft man sich ein paar Äpfel im Supermarkt, als sie in der Flur vom Baum zu holen." In naher Zukunft werden viele Streuobstwiesen deshalb verschwinden, prognostiziert Wittur. "Wir können diese Entwicklung nicht aufhalten."

Die einzige Chance, alte Obstsorten am Leben zu halten - und damit auch die Vielfalt des genetischen Materials, das im Supermarkt auf wenige Sorten zusammengeschrumpft ist -, sind "Menschen, die ein Herz dafür haben", sagt der Fachmann. "Einzelne, die Inseln der Vielfalt für Pflanzen, Tiere und letztlich den Menschen bewahren, sind meine Hoffnung, dass der einstige Sortenreichtum nicht noch weiter schwindet."

Um Obstbäume lange vital zu halten, "muss man jeden Baum erst einmal genau betrachten und an seinen Erkenntnissen den Schnitt orientieren", erklärt Marius Wittur. Allerdings enttäuscht er gleich alle, die auf ein immer anwendbares Gesetz gehofft haben: "Die hundertprozentige Schnittanleitung gibt es nicht." Man müsse sich an dem orientieren, was man bei der "Baumansprache" herausfinden.

Was mystisch klingt, ist in Wahrheit eine ganz nüchterne Betrachtung des Wurzelbereichs, des Stamms und der Krone. "Wir müssen herausfinden, in welchem Zustand der Baum ist." Idealerweise befindet sich das regenerative (vegetative) Wachstum - also der Wuchs des Holzes, der Blätter - in Balance mit dem generativen Wachstum - der Produktion von Früchten und Kernen. "Diese Balance zu erhalten oder herzustellen, ist stets das Ziel eines naturgemäßen Schnitts."

Und da Übung die Meisterin macht, geht es nach der Theorie gleich hinaus in die Järkendorfer Flur und in den Garten der Tröppners. Zahlreiche Hochstämme von Äpfeln, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen und auch Nüssen dienen als Übungs- und Anschauungsobjekte.

"Werfen wir erst mal einen Blick auf die Äste", sagt Wittur. "Ob sie jung oder alt sind, ist gut zu erkennen", stellt Vera aus Zeil am Main fest. "Junges Holz ist biegsam, altes brüchig und voller Flechten." Anja aus der Rhön ergänzt: "Blüten- und Blattknospen lassen sich auch im Winter gut unterscheiden." Beim Apfel sind die Blattknospen zum Beispiel deutlich spitzer als die Blütenknospen.

Wittur nickt und erläutert: "Wenn ein Baum zu viele runde Knospen hat, dann deutet das auf einseitiges generatives Wachstum hin. Das heißt, es bildet sich kaum noch neues Holz. Um das Holzwachstum anzuregen, muss man diesen Baum stärker schneiden."

Aber wann? "Grundsätzlich gibt es den Sommerschnitt von Johanni bis Ende August und den Winterschnitt im anderen Halbjahr", erklärt Wittur. Als Faustregel gelte, dass der Winterschnitt das Wachstum anregt, während die Bäume im Sommer gut eingekürzt werden können. "Wasserschosser beseitigt man im Sommer, sonst bilden sich an der Schnittstelle lauter neue Triebe."

Die Frauen betrachten jeden Baum aus allen Himmelsrichtungen, ehe sie ihm mit Hand- und Teleskopschere oder Baumsäge zu Leibe rücken. Eine Quitte bekommt einen Entlastungsschnitt, damit sie im Sommer nicht vor lauter Fruchtüberschuss bricht. Isolde aus Würzburg achtet darauf, dass sie die Schere immer schön im 90-Grad-Winkel zum Ast ansetzen - so, wie der Obereisenheimer Fachmann es ihnen zeigt.

Ein junger Birnbaum, der senkrecht hochgeschossen ist, wird so geschnitten, dass er mehr in die Breite wächst. "Kleine Äste kann man auch abreißen. Da ist die Wundheilung besser als beim Schneiden", bringt Wittur den Frauen bei.


Steilere Äste tragen bessere Früchte

Ein alter Apfelbaum, der sich bedenklich zur Seite neigt, bekommt auf der astarmen Seite neue Schnittstellen - so wird dort das Wachstum angeregt und die Statik langfristig verbessert. Die herunterhängenden Äste, die den Baum nur noch schwächen, werden entfernt. "Die beste Fruchtqualität gibt es an steilen bis waagrechten Ästen", schärft Marius Wittur den Frauen ein.

Und er macht ihnen Mut: "Trauen Sie sich was zu, haben Sie keine Angst vorm Verschneiden. Sie können das!" Fehler gebe es nicht: "Alles ist besser, als nichts zu machen." Alte Sprüche wie "Die Zwetschge putzt sich selbst" verweist der 43-Jährige ins Reich der Hirngespinste. Die Zwetschge brauche genauso Pflege wie alle anderen Obstbäume.

"Baumschnitt ist wie eine neue Sprache zu lernen", sinniert der Fachmann. Und im Sprachenlernen seien die Frauen den Männern ja nicht selten einen Schritt voraus. "Ich setze große Stücke auf Frauen, die den Wert von Streuobstinseln erkennen." Das seien Oasen in der Natur, hier könne man Kraft tanken. Und knackiges Obst ernten, das es nicht in jedem Supermarkt gibt. Doris Tröppner sagt: "Roter Eisenapfel, Ontario- oder Brettacher Gewürzapfel schmecken fantastisch."


INFO -
STREUOBSTTAGE:
Das Jahr 2016 steht bei den "Süddeutschen Streuobsttagen" unter dem Jahresmotto "Streuobst & Genuss". Dabei geht es um die Produkte von der Streuobstwiese - leckere Säfte, Saft-Misch-Getränke, Obstweine, Brände, Liköre und vieles mehr - , aber auch um Genuss mit allen Sinnen: Landschaften zu erleben, im Frühjahr, wenn die Bäume blühen - von den Mandeln in der Südpfalz bis zur Kornellkirsche in der Lausitz -, im Sommer im Schatten der Bäume im Gras zu liegen, im Herbst die bunten Farben der reifen Früchte...
Alle Veranstaltungen: www.streuobsttage.de