Ein guter Ort für neues Gestalten aus historischer Substanz ist das in dieser Hinsicht mehrfach ausgezeichnete Heimatspielhaus am Anger in Münnerstadt. Dorthin wurden die Bürgergenossen und am Projekt Interessierte zum "2. Forum für das Projekt Reissmannhaus" eingeladen. Auch Bürgermeister Helmut Blank kam als Gast.
Das Nischenhaus am Marktplatz hat es in sich. Joachim Spies präsentierte das Fachwerkhäuschen zwischen zwei großen Geschäfts- und Bürgerhäusern als das zusammen mit anderen älteste Haus in der Altstadt. Die dendrologischen Daten zeigen ein Holzalter an einigen Balken von 700 Jahren. Um 1320 ist also auf dem Gelände der erste feste Bau errichtet worden.
Man kann davon ausgehen, dass das Haus für einen Ackerbürger gebaut wurde. Das ist ein Stadtbewohner, der als Nebenerwerb Landwirtschaft betrieben hat, beschreibt es Diplomrestaurator Stefan Lochner. Die Gebäudestruktur zeigt durch verschiedene Tragbalken und ehemalige Wände eindeutig eine ursprüngliche Durchfahrt von der Hauptstraße zum Hof auf der heutigen linken Eingangsseite. Dem Betrachter drängt sich die Frage auf, wie der Höhenunterschied zur Straße bewältigt wurde, was aber bisher unbeantwortet blieb.
Um 1505 wurde das Gebäude umgebaut und erhielt das ungefähre heutige Raumvolumen. Wie damals üblich wurde das Baumaterial aus dem ursprünglichen Haus verwendet. Bei Holz lässt sich das besonders gut nachvollziehen und verschafft den Gutachtern heute, neben Putz- und Steinanalysen, komplexe Erkenntnisse. Der Gewölbekeller stammt aus der Ursprungszeit und ist zum Hof hin seit 500 Jahren circa um drei Meter nicht mehr vom Haupthaus überbaut. Weitere Umbauten, die letzte größere wohl Anfang des letzten Jahrhunderts, ließen die Schadensauffälligkeiten intensiver werden. Am stärksten ist die Senkung am linken Hausbereich zu beobachten, da dort die Umbauten sehr gravierend waren. Eine Tragwand war entfernt worden und der Eingang von der Mitte - heutiges Schaufenster - nach links versetzt.


Statische Probleme

Statiker Peter Wolf stellt im Gebäude erhebliche statische Schäden fest. In früherer Zeit hatte man es sich mit der Problemlösung einfach gemacht, in dem Senkungen oder Brüche mit Unterbauten versehen wurden, die den schadhaften Teil des Hauses verbesserten, jedoch die Substanz nachhaltig beeinträchtigten. Der lange Leerstand und ein schadhaftes Dach haben durch Wasser und Frost weitere Schäden verursacht. Das Gebäude ist jedoch insgesamt erhaltenswert.
Besondere Freude hatte Referent Joachim Spies an der Erläuterung der Gestaltungsentwürfe, die Architekt Wolfgang Blümlein vorgelegt hatte. Das neue Reißmannhaus wird aus einem historischen Vorderhaus und einem neu zu errichtenden Hinterhaus bestehen. Dazwischen entsteht ein kleiner Hof. Vorder- und Hinterhaus werden im Obergeschoss durch einen Laubengang (fränkisch Drücke) verbunden. Auf den vorhandenen Ebenen können bis zu fünf Wohnappartements entstehen.
Die Lichtverhältnisse werden durch den Hof und baustrukturelle Maßnahmen entscheidend verbessert werden können. Spies betonte, dass man jederzeit bei entsprechender Nachfrage auch einen attraktiven Gewerbeteil einbringen kann, "jedoch ist das im Moment bei den vielen leer stehenden Gewerbeflächen in der Altstadt wohl ehr unwahrscheinlich", meinte er.


Weitere Vorgehensweise

Die weitere Vorgehensweise sieht die Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege, welches ja auch die Voruntersuchungen großzügig fördert, sowie anderen Behörden und eine konkrete Planung und die Kalkulation des Projektes vor. Vorstandsvorsitzender Hartmut Hessel berichtete noch von den Tagen der offenen Tür am Reißmannhaus während der diesjährigen Markttage. Viele Besucher blickten mit Neugierde in die seit 50 Jahren geschlossenen Geschäftsräume. Dabei wurden oftmals alte Geschichten über Peter und Betty Reißmann wieder lebendig.
Wichtig für die weitere Arbeit der Bürgergenossenschaft ist eine Stärkung mit weiteren Anteilseignern, um eine stabile Eigenkapitalbasis für das laufende "Trainingsprojekt" zu haben. Vorstand und Aufsichtsrat möchten durch die jetzige Arbeit Erkenntnisse gewinnen, die später auch größere Projekte möglich machen sollen. Die Untersuchungsergebnisse können die Mitglieder der Bürgergenossenschaft in ihrem Begegnungszentrum am Anger einsehen.