Die Suche nach einer Herberge ist seit der Erfindung des Internets eine besonders kurzweilige Angelegenheit, nicht dem Zufall überlassen, sondern mehr eine Sinnsuche, eingebettet in Stimmungen, Zweckmäßigkeit, Traum und Lust. Die Litera(n)ten Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede, die zusammen mit den Liedertanten Sabine Häring und Detlev Beck im diesmal nicht ganz vollen Bärensaal ihre zweite Lesestunde 2017 durchführten, fanden jedenfalls genügend Stoff.

Sie konnten dem aufmerksamen und vergnügten Publikum ein Stimmungsbild servieren, welches die Literatur reichlich für Unterkünfte jeder Art vorgibt. Sie mussten nicht beim Stall von Bethlehem vor 2017 Jahren beginnen, die Beschreibungen berühmter zeitgenössischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen reichten leicht für das zweieinhalbstündige Programm aus.

Bärbel Fürst als Textleiterin ließ die Protagonisten mit der Stimme von Bernt Sieg oder Jens Müller-Rastede sprechen, sei es der Concierge aus dem Grand Hotel Miramare in Portofino (Italien), der auf die Frage nach seinen Berufserlebnissen umfassend antwortete: "Ich gehe nicht mehr ins Kino, ich habe schon alles gesehen!" Das Zimmermädchen aus dem Hotel Merkur, welches überall zu finden wäre, doch sinnigerweise in der Nähe des Rotlichtbezirks gelegen ist, beschreibt sich und ihr Tun mit dem "Charme einer WC-Ente". Erich Kästner füttert in einem Gedicht die Erlebnisse einer Bardame, deren Ohren und Augen Gästeverhalten vor dem Tresen aufnehmen, sezieren und nicht selten ungebeten Platz in ihrem Kopf einnehmen.


Viel Wissenswertes

Bei der Gelegenheit erfährt der Zuhörer Wissenswertes über den Stellenwert und die Herkunft von Cocktails. Den Lieblingsdrink von James Bond hat man dabei im Kopf und spricht ihn mit.

Sehr ausführlich amüsant und nicht nur, weil Anwesende sich nicht ausgenommen fühlen mussten, war die Darstellung der realen Lebensverhältnisse im Hotel "Mama". An zwei Beispielen drangen die drei Vortragenden tief in die Lebensumstände männlicher Nesthocker ein und schilderten das, was die Literatur spitzfindig hergab mit süffisanter Freundlichkeit und herzlicher Ironie. Warum das Hotel "Mama" und nicht "Papa" oder "Tante" heißt, war in beiden Bespielen gleich herauszuhören: "Kind, ich habe es ja gut gemeint!"


Schriftsteller gesucht

Das hatte übrigens Anni Winkelmann auch, die im gleichnamigen Hotel des heutigen "Bären" über 30 Jahre wirkte und viele, viele Geschichten der Nachwelt hinterließ. Dafür wird noch ein Schriftsteller gesucht, den die Münnerstädter Kulturgemeinde dann gerne von den Litera(n)ten wieder im Bären (Winkelmann)-Saal hören möchten.

Die Geschichte der Hotels begann mit dem Aufkommen des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Die Reise sollte nicht notwendiger Weise von A nach B führen, sondern der aufkommende Wohlstand bewirkte eine größere Mobilität, man gönnte sich Erholung an den schönen Plätzen des Kontinents und durfte in der Fremde als Fremder für eine überschaubare Zeit seinen Traum leben. Die besten Geschichten rund um die Beherbergungsstätten in verschiedenen Ländern kommen aus den Grand Hotels, einer Kategorie, die ganz besonders als Gesellschaftsbühne, als Lusttempel mit Suite und Restaurant, sowie als verschwiegener Treffpunkt dunkler Mächte diente.