So ganz klar ist wohl vielen Gläubigen nicht, was die neuen Pastoralen Räume der Diözese für sie bedeuten. Wahrscheinlich werden sie von den neuen Strukturen erst einmal auch gar nicht so viel mitbekommen, ist eine der Aussagen bei einer kurzen Umfrage unter Pfarrern. Aber ganz so ist es dann doch wieder nicht. Pastorale Räume sind auch eine Antwort auf den Priestermangel und die Tatsache, dass freiwerdende Priesterstellen im ländlichen Raum oft nicht mehr besetzt werden. Das ist nichts Neues. Deshalb soll der eigene Kirchturm für die Gläubigen fortan nicht mehr der Horizont sein. Die Pfarrgemeinde im Ort existiert weiterhin, doch das kirchliche Leben soll nicht mehr nur lokal gelebt werden, sondern innerhalb des kompletten Pastoralen Raumes.Das kann auch Verzicht bedeuten, zum Beispiel auf gewohnte Gottesdienste in der eigenen Kirche.

Seit Ende Oktober sind diese Pastoralen Räume offiziell installiert. Der Landkreis Bad Kissingen teilt sich in fünf dieser Bereiche auf: Bad Kissingen, Bad Brückenau, Burkardroth, Hammelburg und Münnerstadt. Den Räumen sind die Pfarreien beziehungsweise Pfarreiengemeinschaften zugeordnet.

Gerade im ländlichen Raum wurde der Glaube früher hauptsächlich in der eigenen Kirche des Dorfes oder im örtlichen Pfarrzentrum erlebt. Ausgeweitet wurde dies bereits durch die Pfarreiengemeinschaften, weil nicht mehr jede Gemeinde ihren eigenen Pfarrer hat. Mit den Pastoralen Räumen wurde jetzt ein weiteres Dach über die bestehenden Strukturen gebaut.

Hauptamtliche direkter betroffen

Erst einmal betrifft der Pastorale Raum direkt den Einsatz der hauptberuflichen Seelsorger (Pfarrer, Diakone, Pastoralreferenten). Sie sind nun nicht mehr einer Pfarrei oder Pfarreiengemeinschaft zugeordnet, sondern dem Pastoralen Raum. Innerhalb dieses Raumes organisieren sie ihre seelsorgerischen Aufgaben im Team. Bischof Dr. Franz Jung spricht in einer Sonderausgabe des Bistum-Sonntagsblattes davon, dass es durch die größeren Strukturen eine andere Art der Belastung, aber keine Mehrbelastung geben werde. Es werde funktionieren, wenn Schwerpunkte gesetzt und geklärt werden. Es ist aber auch nachzulesen, dass er davon ausgeht, dass dieser Weg Ausdauer und Geduld erfordern wird.

In der Regel läuft für die Gläubigen erst einmal alles wie gewohnt weiter, solange es keine personellen Veränderungen gebe, sagt Pfarrer Hans Thurn (Bad Brückenau). Das sieht auch Dekan Stephan Hartmann ähnlich, der Pfarrer im Pastoralen Raum Burkardroth ist. Und wenn sich etwas im Gemeindeleben ändere, habe das meist nicht unbedingt etwas mit dem Pastoralen Raum zu tun, sondern mit der Tatsache, dass beispielsweise ein Pfarrer in den Ruhestand geht und seine Stelle nicht mehr besetzt werden kann, erläutert Hartmann.

Neuorganisation der Gottesdienste

Dieses Problem gibt es gerade im Pastoralen Raum Münnerstadt. Die Pfarreiengemeinschaft St. Johannes Maria Vianney Seubrigshausen hat seit einigen Wochen keinen Pfarrer mehr. Ersatz kommt nicht. Jetzt muss sich das Seelsorgeteam aus dem Pastoralen Raum Münnerstadt - er umfasst die Pfarrgemeinden des östlichen Landkreises - schnell um eine Neuorganisation der Gottesdienste kümmern; zudem werden im November Krankenstände für zusätzliche Engpässe sorgen. "Noch bin ich etwas ratlos", erklärt Münnerstadts Pfarrer P. Markus Reis.

Priester seien nach Berechnungen der Diözese zahlenmäßig ausreichend vorhanden, sagt P. Markus. Wirklich viele freien Kapazitäten bei den Hauptamtlichen gebe es weder in der Münnerstädter Pfarrei noch in der Pfarreiengemeinschaft Lauertal. "Ich glaube, dass mit Einschränkungen zu rechnen ist", sagt P. Markus Reis. Das bedeutet letztendlich, dass beispielsweise Gottesdienstgewohnheiten nicht mehr wie bisher aufrecht erhalten werden können.

"Manches Liebgewordene wird wegfallen", glaubt auch der Vorsitzende des Dekanatsrates im Dekanat Hammelburg, Andreas Wacker. Er geht davon aus, dass Veränderungen durch die Pastoralen Räume vermutlich mehr auf dem Land, als in den Städten spürbar werden. Noch gebe es beispielsweise verbreitet das Denken, dass immer ein Pfarrer die Kirche halten muss. Das werde dauerhaft nicht mehr der Fall sein. Pater Markus stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was die Wortgottesdienstbeauftragten auffangen können.

Weniger Priester müssen mehr Aufgaben erfüllen. Das ist keine neue Erkenntnis, sie soll aber durch die Pastoralen Räume erfüllbar werden - so die Vorstellung der Diözese. Dann müssten aber auch die Laien in Entscheidungen eingebunden werden, erklärt der Dekanatsratsvorsitzende aus Hammelburg, Andreas Wacker. Ohne die ehrenamtlich aktiven Laien gehe es nicht, ist Wacker überzeugt. Im Hammelburger Raum, findet der engagierte Laie, seien die ehrenamtlichen Gremien gut eingebunden.

Insgesamt, so Andreas Wacker, mache die neue Struktur Sinn. Er geht jedoch davon aus, dass es ein langwieriger Prozess sein wird. "Wie es sich entwickelt, muss man sehen".

Die befragten Pfarrer sehen die Chancen, die sich bieten. Es könnten Angebote für die Gläubigen gemacht werden, die früher nicht möglich gewesen wären. Ansätze dafür habe es schon vor der Gründung der Pastoralen Räume gegeben, erläutert Stephan Hartmann und nennt das Beispiel aus dem Raum Bad Kissingen. Dort habe man den Pastoralen Raum bereits vorweggenommen. Die Zusammenarbeit dort sei eingeübt.

Aus dem Raum Bad Brückenau berichtet Pfarrer Hans Thurn, dass 2019 pfarreiübergreifend die Aktion "Lichtkreuze" stattgefunden hatte. Solche Projekte könnte es in Zukunft mehr geben. Der Pastorale Raum solle nicht nur eine Verwaltungseinheit sein, sondern Möglichkeiten zur Entfaltung bieten. Pfarrer Hartmann nennt als konkrete Beispiele Wallfahrten oder neue Gottesdienstformen sowie Angebote in der Erwachsenenbildung, die in der größeren Einheit vermutlich mehr Zuspruch finden als in einer kleinen Pfarrgemeinde. Von den Gläubigen erfordert das aber Flexibilität. Sie müssen bereit sein, für solche Angebote auswärts zu fahren. Das sei ein Prozess für die Hauptamtlichen wie für die Gemeinde, so Dekan Hartmann.In der Sonderausgabe des Sonntagsblattes erklärte dazu Generalvikar Jürgen Vorndran, dass die Vorstellung einer kirchlichen Heimat nur in der eigenen Wohnortgemeinde geweitet werden müsse auf eine größere Vielfalt von Kirche hin, die mehr zu bieten habe als nur einen einzigen Kirchturm.

Weitere Informationen zu den Pastoralen Räumen gibt es im Internetauftritt der Diözese unter https://pastoralderzukunft.bistum-wuerzburg.de/