Was macht einen guten Coach aus? "Menschenliebe" zählt Katrin Schmitt spontan auf. "Geduld" kommt gleich danach - "und Präsenz: Wenn ich mich nicht voll auf mein Gegenüber einlassen kann, bin ich kein guter Coach". Und dann gebe es noch einen Punkt, den sie mit ihren Kunden manchmal erst klären müsse: "Man muss die Lösungslosigkeit aushalten können", sagt Katrin Schmitt, denn: "Nicht ich kenne die Lösung, sondern jeder muss seinen Weg selbst finden." Das gilt auch für Katrin Schmitt selbst: Über Umwege reifte der Entschluss, sich selbstständig zu machen. "Ich würde es jederzeit wieder machen", lautet ihr Fazit nach einem guten halben Jahr.

Katrin Schmitt ist in Kürnach aufgewachsen und in Würzburg zur Schule gegangen. Nach der Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau arbeitete sie 14 Jahre lang in der Tourismusbranche, in Produkt-Management, Einkauf und Vertrieb. In der Pfalz machte sie die Ausbildung zur Betriebswirtin, danach lebte sie erst drei Jahre lang in Tirol, dann sechs Jahre lang in München. Immer wieder seien ihr schon damals als Führungskraft Themen wie Coaching und Psychologie begegnet: "Was funktioniert im Geschäftsbereich, wie wird eine Kooperation erfolgreich?"

Nach der Hochzeit zog sie im Jahr 2012 mit ihrem Mann zurück nach Unterfranken, nach Sulzthal. "Ich hatte keinen Schimmer, was ich hier machen soll", erinnert sie sich, und: "Ich musste mich völlig neu erfinden." Also nahm sie Kontakt zur Beratungsstelle "Frau und Beruf" im Rhön-Saale-Gründer- und Innovationszentrum Bad Kissingen auf. Dort bekam sie nicht nur Tipps für die Zukunft, sondern gleich ein Job-Angebot. "Damals habe ich Coaching und Beratung gemacht, eigentlich genau das, was ich jetzt anbiete", erzählt die 41-Jährige.

"Emotionale Entscheidung"

Die Tätigkeit im Rhön-Saale-Gründer- und Innovationszentrum machte ihr zwar Spaß, aber es gab noch einen großen Traum: "Ich wollte unbedingt in die Personalentwicklung." Also machte Katrin Schmitt eine sechsmonatige Zusatz-Ausbildung und begann ein Psychologie-Fernstudium. "Die Bachelor-Arbeit steht noch aus", fasst sie den aktuellen Stand ihres Studiums zusammen. Gleichzeitig kam ein Jobangebot aus der Schweinfurter Industrie: Ab Januar 2018 arbeitete sie in der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Eigentlich war Katrin Schmitt am Ziel angekommen, führte als Personalreferentin Vorstellungs- und Mitarbeitergespräche, plante die Entwicklung junger Führungskräfte. Trotzdem: "Irgendwann war für mich klar, dass ich dort nicht glücklich werde", sagt sie heute, und: "Ich habe dort einfach nicht meinen Weg gefunden."

Also kündigte sie vor einem Jahr. "Das war eine rein emotionale Entscheidung", gibt Katrin Schmitt zu. Trotzdem erfordere ein solcher Schritt Mut: "Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße", lautet Katrin Schmitts Lebensmotto. Ganz konkret: "Wenn ich nicht gekündigt hätte, wäre ich den Schritt in die Selbstständigkeit nicht gegangen."

Was war ihr Antrieb? "Ich wollte Coaching anbieten, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht", sagt die 41-Jährige. Natürlich habe sie jede Menge Methoden und Fragen, mit denen sie die Klienten auch in kniffligen Situationen immer weiter bringe, wichtig sei ein individueller und auf den Kunden zugeschnittener Prozess. Wer kommt zu ihr? "Ich arbeite sehr viel mit Menschen, die arbeitssuchend sind oder ihre Karriere neu planen", fasst Katrin Schmitt ihr Klientel zusammen. Dazu gehörten auch Kunden der Agentur für Arbeit mit Beratungsgutscheinen. "Da sind auch Beratungen mit mehreren Stunden am Stück und über einen langen Zeitraum dabei", berichtet Katrin Schmitt.

"Coaching ist viel Handwerk"

Neben der Tätigkeit als Coach arbeite sie auch als Beraterin und gebe Workshops mit fertigen Lösungen, etwa klassisches Bewerbungstraining oder Seminare zu Selbst- und Zeitmanagement. Bei den Themen Resilienz oder der Analyse von Selbstbild und Fremdbild würden ihr am ehesten ihre Kenntnisse aus dem Psychologie-Studium helfen: "Coaching ist viel Handwerk, aber das psychologische Wissen hilft, Prozesse zu verstehen." Bedenken wegen der Corona-Pandemie hatte die Gründerin nie. Zum einen seien ihre Themen auch in Krisenzeiten wichtig, zum anderen wurde ihr schnell klar, dass sie das Coaching auch online anbieten kann. "Ich bin im März in Präsenz gestartet und musste im April auf online umstellen."

Das Konzept kommt an: Bis auf ein kleines Sommerloch ist Katrin Schmitt gut gebucht. "Manchmal ist es eher zu viel, ich hatte schon Tage mit acht Stunden Coaching und dann noch Workshop am Abend." Zu den Kunden gehört Andreas A. (Name von der Redaktion geändert), Mitte 50, Führungskraft aus Unterfranken auf bundesweiter Stellensuche. "Die Themengebiete und Erfahrungen von Frau Schmitt haben mich angesprochen", berichtet er. Gesucht habe er nach mehreren erfolglosen Bewerbungen eine Begleitung im Bewerbungsprozess. Dass Katrin Schmitt erst seit Frühjahr selbstständig ist, habe bei seiner Entscheidung keine Rolle gespielt, er habe sich nach einem ersten Gespräch für ein Coaching bei ihr entschieden. Nach einigen Sitzungen lobt Andreas A. vor allem den "hohen Praxisbezug" sowie "konkretes Wissen und Training". "Mittlerweile kann ich meine Erfahrungen, Kompetenzen und Stärken überzeugend rüberbringen - was bereits zum Erfolg geführt hat", berichtet der zufriedene Klient.

Tipps zur Gründung

Formalitäten Am Anfang fällt viel Papierkram an: Finanzamt, Steuerberater, Kranken- und Rentenversicherung und betriebliche Haftpflichtversicherung kosten Zeit und Nerven.

Umfeld In den ersten vier Monaten nach der Kündigung musste sich Katrin Schmitt um Themen wie Name des Büros, Logo, Mietvertrag und Online-Marketing kümmern. "Auch wenn ich keine Produktionshalle für meine Tätigkeit brauche, hängt da viel dran."

Freizeit Groß sei die Versuchung, nach der Gründung rund um die Uhr zu arbeiten und zu viele Kunden anzunehmen. "Am Anfang will man natürlich niemandem absagen, weil man nicht weiß, was kommt." Tatsächlich müsse man sich aber gezielt freie Sonntage und auch mal einen Urlaub einplanen.rr