Seit fast zehn Jahren plant die Lebenshilfe Schweinfurt den Umbau ihres Werkstatt-Standortes in Hammelburg. "Die 1963 erbaute Wäscherei wurde so oft umgebaut und war mittlerweile so sanierungsbedürftig, dass Abriss und Neubau wirtschaftlicher waren", fasst Werkstattleiter Thomas Porkristl die Ausgangslage zusammen. Der 45-jährige Maschinenbau-Ingenieur leitet den Standort seit Oktober 2012. "Meine Hauptaufgabe ist, dass genügend Arbeit auf den Tisch kommt", erzählt er, denn: "Unsere Mitarbeiter kommen sehr gerne hierher." Nebenher betreut der Werkstattleiter eine Großbaustelle: Eine "höhere einstellige Millionensumme" investiere die Lebenshilfe, berichtet Porkristl.

Ein Teil der bis zu 206 Menschen mit Behinderung, die in der Hammelburger Werkstatt arbeiten, leben in den zwei Wohnheimen in Hammelburg und im Wohnheim Fuchsstadt. Der Rest komme aus einem Umfeld von rund 40 Kilometern: von Motten im Norden bis zum nördlichen Teil des Landkreises Schweinfurt, vom Landkreis Main-Spessart bis in den Raum Bad Kissingen, wo sich die beiden Lebenshilfe Werkstätten in Hammelburg und Nüdlingen die Versorgung teilen.

Haupteingang an der Berliner Straße

"Wir hätten im laufenden Betrieb nicht umbauen können", sagt Porkristl beim Rundgang durch alte und neue Räume: Die ehemalige Wäscherei wurde als erstes abgerissen, der bisherige Speisesaal wird aktuell zu Gruppenräumen umgebaut. An der Berliner Straße steht bereits ein zweistöckiger Neubau: Im Obergeschoss befindet sich der künftige Haupteingang mit der Verwaltung. Darunter sind Speisesaal, Küche und Therapieräume vorgesehen. Auf der gleichen Ebene werden nebenan ein Gruppenraum und ein Lager neu gebaut. Zudem geht es barrierefrei in den bisherigen "Neubau" aus dem Jahr 2001. In dessen Untergeschoss wiederum befindet sich die dritte Ebene mit weiteren Gruppenräumen. Die Lebenshilfe hat bei der Planung den Höhen-Unterschied von rund zehn Metern auf dem rund 9000 Quadratmeter großen Grundstück von der Berliner bis zur Würzburger Straße ausgenutzt: "In allen Ebenen haben wir barrierefreie Fluchtwege nach draußen", betont Porkristl.

Erste Überlegungen für einen kompletten Neubau habe es bereits 2011 gegeben: Damals seien 54 weitere Plätze genehmigt worden - und damit anteilig Zuschüsse für Speisesaal, Toiletten oder Therapieräume. Bei mehreren Koordinierungsgesprächen habe sich bis Juni 2013 herauskristallisiert, dass ein umfassender Sanierungsbedarf bestehe. "Das war alles Stückwerk", berichtet Porkristl und verweist auf gesetzliche Änderungen etwa beim Brandschutz und bei der Arbeitsstättenverordnung. Unter anderem sei bei der Planung Personen- und Lieferverkehr strikt getrennt worden. Der Bezirk Unterfranken und das Zentrum Bayern Familie und Soziales, Region Unterfranken, sagten im Jahr 2015 Fördergelder zu, im März 2018 wurde die Baugenehmigung erteilt. Allerdings mussten erst noch Ausweichquartiere gefunden werden (siehe Info-Kasten).

Bis zum Winter unabhängig von Witterung

Seit November 2020 wird nun an der neuen Hauptwerkstatt in der Berliner Straße gebaut. "Die Rohbauten sind fast fertig", fasst Porkristl den aktuellen Stand zusammen. Bis zum Winter sollen alle Dächer dicht und die Fenster eingebaut sein, damit die Gebäude bereits beheizt werden können. "Dann sind wir unabhängig von der Witterung", hofft der Werkstattleiter. Ein Blockheizkraftwerk werde die Gebäude mit Wärme und Strom versorgen. "Der Umzug ist für August 2022 geplant", sagt Porkristl zum Zeitplan.

Gründung Josef Rauschmann ließ am 3. Oktober 1969 den Verein "Lebenshilfe Hammelburg und Umgebung" ins Vereinsregister eintragen. Im April 1971 kaufte der Verein eine ehemalige Wäscherei in der Berliner Straße. Die erste Werkstatt wurde dort im September 1971 eröffnet, es wurden 22 Jugendliche und Erwachsenen aufgenommen.

Fusion Der Vorstand der Lebenshilfe Hammelburg übertrug die Werkstatt im Juli 1972 der Lebenshilfe Schweinfurt. Die Zahl der betreuten Menschen stieg bis Ende 1973 auf 60, im Jahr 1975 wurde zum ersten Mal angebaut, die Zahl der Mitarbeiter wuchs weiter auf 80. Weitere 45 Plätze entstanden durch einen Neubau im Jahr 1985, zudem wurden 1988 die Räume einer benachbarten Schlosserei angemietet. In den Jahren 1999 bis 2001 erweiterte die Lebenshilfe die Werkstatt in Hammelburg von damals 125 auf insgesamt 156 Plätze. 2001 wurde der Erweiterungsbau der Werkstatt eingeweiht. Mittlerweile sind 206 Plätze für Menschen mit Behinderung genehmigt.

Ausweichquartiere Die Lebenshilfe mietete im Jahr 2008 in der Kissinger Straße eine ehemalige Lkw-Werkstatt an. Dort sind die rund 30 Mitarbeiter der Holz-Abteilung untergebracht. Sie produzieren zum Beispiel Hochsitze und Industrie-Verpackungen. Nach einer Nutzung als Flüchtlingsunterkunft und dem Verkauf hat die Lebenshilfe das ehemalige BayWa-Gebäude im Gewerbegebiet Thulbafeld im Jahr 2018 für eigene Zwecke umgebaut. Seit Mai 2019 arbeiten dort rund 140 Mitarbeiter mit Behinderung. Beide Standorte sollen nach dem Umzug in die Kissinger Straße aufgegeben werden. Gekauft hat die Lebenshilfe dagegen Anfang 2020 den ehemaligen Rewe-Markt an der Ziegelhütte. Nach dem Umbau zogen im Oktober 2020 dorthin die drei Metallgruppen mit insgesamt rund 30 Mitarbeitern um. Nach dem Umzug zurück in die Kissinger Straße soll an der Ziegelhütte ein Lager bleiben.

Personal Zur Betreuung der mehr als 200 Menschen mit Behinderung beschäftigt die Lebenshilfe Schweinfurt in Hammelburg rund 50 Mitarbeiter. Die Berufe reichen von Pflegekräften über Heilerzieher bis zu handwerklichen Berufen wie Schreiner, Schlosser und Industriemechaniker. Viele davon - inklusive Werkstattleiter Thomas Porkristl - haben eine sonderpädagogische Zusatzausbildung.rr