Ein Chanson-Abend mit kabarettistischen Einlagen oder ein Kabarett-Abend mit Chansons? Die Gäste im sehr gut besuchten Kurtheater konnten es sich aussuchen - und egal, was man gewählt hat, mit Tina Teubner und Ben Süverkrüp wurde es ein warmherziger, vergnüglicher und nachdenklich stimmender Abend.

Bis in den Balkon hinauf lockte die Kabarettistin und Sängerin aus dem Rheinland die Liebhaber eines Kabarettstils an, der die deutsche Wirklichkeit jenseits von inhaltsleerer Comedy, überzogenem Politiker-Bashing oder plattem Witzeerzählen mit hintergründigen Texten, tiefsinnigen Liedern und alltagstauglicher Anarchie analysierte. Dabei waren Teubners Stilmittel weder Sarkasmus noch Zynismus, sondern eher eine wohltuende Ironie, mit der sie den Finger in die Wunden legte, aber ohne darin herum zu bohren. Mit dieser Ironie führte sie das Publikum an die Stelle heran, wo es schmerzhaft werden kann und überließ es dann ihren Gästen, mit Gelächter darüber hinweg zu gehen oder in Betroffenheit zu schweigen. Nach einem amüsierten "Jetzt ist die Stimmung unten" fand sie die richtigen Worte als Überleitung zum nächsten Thema oder es erfolgte die therapeutische Aufarbeitung der nachdenklichen Stimmung in einem Chanson. Ihren Liedern gab sie mit einer akzentuierten und kraftvollen Stimme sowie einer Klangfarbe, die an Edith Piaf erinnerte, eine teils melancholische Atmosphäre. Musikalisch unterstützt wurde die ausbildete Violinistin dabei von Ben Süverkrüp, der nicht nur den Konzertflügel virtuos beherrschte, sondern auch als intelligenter Dialogpartner und raffinierter Stichwortgeber fungierte.

Mikrofon im Zentrum der Bühne, Bistrotisch mit einem Glas Rotwein und passendem Hocker - zusammen mit dem Flügel waren es drei Fixpunkte, an denen sich das Geschehen auf der Bühne abspielte und zwischen denen Tina Teubner ganz selbstverständlich hin und her pendelte. Das Bühnenzentrum war reserviert für die intensiven Auftritte, für das "Inklusions-Theater mit betreutem Lachen". Hier legte sie den Grundstock für ihr Programm mit dem verheißungsvollen Titel "Wenn du mich verlässt komm ich mit" - und diese angedeutete Zweisamkeit übertrug sie auf die skurrilen Facetten einer familiären Gemeinschaft und verband sie mit Panikattacken, wenn man die Welt im Blick hat: "Wenn acht Menschen so viel besitzen wie die Hälfte der Bevölkerung, dann sind die moralischen Werte verschoben." Warum tun wir so, als ob es eine Reservewelt gibt? Warum nutzen wir die Dritte Welt als Ersatzteillager? Warum besuchen wir Achtsamkeits- und Yoga-Kurse um trotzdem egoistisch zu handeln? Warum wird Massenentlassung als das "ultimative Fengshui" angesehen? Warum ist "selbstgemachte Marmelade" eine Metapher für den Zustand unserer Welt?

Im Gegensatz dazu nutzte Teubner das Bistrotischchen für lässiges Geplauder mit philosophischem Unterton, für amüsante Anmerkungen mit süffisantem Unterton. Natürlich will ich die Welt retten, aber davor muss ich ausschlafen. Natürlich wollen wir moralisch handeln, aber wo bekommen wir die passenden Werte her? Warum ist man als Frau über 50 unsichtbar für Männer? Der dritte Fixpunkt in diesem hervorragenden, unterhaltsamen Abend waren die Lieder, die am Klavier ihren Ausgangspunkt hatten. Zu jedem Thema hatte das Duo ein passendes Stück - mal ironisch, mal melancholisch, mal aufrührerisch, aber immer authentisch. Glaubhaft war Teubner auch in ihrem Lob für das aufnahmebereite Publikum am Ende des wundervollen Abends, als sie nach herzlichem Beifall mit Zugabe-Rhythmus mit einer typischen Formulierung aufforderte: "Lasst uns die Stradivari unter den Arschgeigen sein!"