Sie hüpft hinter dem Gitter auf und ab und gurrt leise. "237" ist seine Beste. "Sieht man doch. Am Körperbau, dem Gefieder, der Warze auf dem Schnabel ...", meint er, der seit 66 Jahren Tauben züchtet und weist auf das Tier, das für den Reporter wie eine einfache Taube aussieht. Na gut, ein bisschen filigraner erscheint sie schon. Der Züchter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bewegt sich langsam durch den hölzernen Schlag zwischen den Dutzenden Vögeln. Seit er acht Jahre alt ist, lässt er Brieftauben fliegen. Er liebt das. Wenn dann jemand daherkommt und ihn einen Tierquäler nennt, findet er das vollkommen ungerechtfertigt.

Das tut die Tierschutzorganisation "Peta". Sie meint, dass Brieftaubensport als tierschutzwidrig einzustufen sei. Die Tierschützer fordern laufend mit Veröffentlichungen ein Verbot der Taubenwettflüge.
"Um zu ihrem Partner oder dem Nachwuchs im Nest zurückzufinden, gehen die Tauben über ihre Kräfte hinaus", so Diplom-Zoologe Peter Höffken, Fachreferent bei "Peta Deutschland". "Ihre Treue auf so rücksichtslose Weise zu missbrauchen ist verwerflich und hat mit Tierliebe nichts zu tun."


Tierliebe oder Quälerei?

Wenn der Züchter aus Bad Staffelstein von seinen Anfängen als Achtähriger erzählt, hört man die Liebe zu den Tieren heraus: Wie eine seiner ersten Tauben nach einem Flug auf seiner Hand gelandet sei. "Da ist den älteren Züchtern der Kiefer runtergeklappt", erinnert sich der Rentner und lächelt. Auf Urlaub verzichte er bis heute, so gut es eben gehe. Denn die Tiere sollen was sie brauchen genau dann bekommen, wenn sie es brauchen.

Den Taubenschlag säubert er jeden Morgen nach dem Aufstehen. Von stechendem Kotgeruch, den man aus Hühnerställen oder Vogelparks kennt, ist bei den Staffelsteiner Turniertauben tatsächlich nichts zu riechen. "Und jetzt vergleichen Sie das mal mit den Umständen, unter denen wilde Tauben leben. Ist das hier Quälerei?"

Ja, meint "Peta". Nicht unbedingt die Zucht selbst, sondern ihr Zweck, die Wettflüge: Taubenwettflüge widersprächen dem Tierschutzgesetz. "Nach Paragraph 3 ist es verboten, Tieren Leistungen abzuverlangen, die ihre Kräfte übersteigen. Zudem legt das Gesetz fest, dass Tiere im Training oder bei Wettkämpfen keinen Maßnahmen ausgesetzt werden dürfen, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder körperlichen Schäden verbunden sind", vermeldet die Tierschutzorganisation. Beim Brieftaubensport stehe die Leistung der Vögel im Mittelpunkt - ihr Wohlbefinden spiele keine Rolle.


Habichte fressen Tauben

"Aber wenn sie sich nicht wohlfühlen, bringen sie doch keine Leistung", meint der Staffelsteiner Züchter. Explizit achte er darauf, dass müde oder erschöpfte Vögel an Turnieren gar nicht erst teilnähmen. "Peta" verweist darauf, dass rund zehn Prozent der Turniertauben pro Flug stürben. Die Strecken betragen nicht selten über 500 Kilometer. Durch seine Selektionskriterien, so der Züchter, minimiere er aber das Risiko, dass zu schwache Tiere sich überanstrengten. Und die meisten derer, die stürben, "holt der Habicht. Das kann einer wilden Taube doch genau so passieren", meint er.

Bei einem anderen Punkt will er der kritikführenden Organisation nicht widersprechen: Bleiben die Vögel hinter den Erwartungen zurück, werden sie von den Züchtern oftmals ohne Betäubung mittels Langziehen des Halses und Umdrehen des Kopfes getötet. Allerdings, meint er, spürten die Tiere dabei keine Schmerzen. Zudem wanderten sie danach nicht etwa in den Müll. "Ich habe immer mehr Bekannte, die sich über einen schönen Taubenbraten freuen würden, als ich Tiere zum Schlachten hätte." Diese Vögel hält er in einem gesonderten Stall innerhalb des Taubenschlags. Dieser ist übrigens genau so gepflegt wie der Rest der Anlage. "Die Tierschützer sollen mehr Energie auf Mastställe von Konzernen verwenden. So gut wie hier hat es kein anderes Schlacht-Tier." Eigentlich, meint der Züchter, könne er nur lachen über Beschuldigung der Tierquälerei. Gern würde er einem Kritiker seine Anlage mal zeigen. Aber noch lieber hat er weiter seine Ruhe.