Ina hat sich für Angst entschieden. Ihre Augen sind dunkel geschminkt, sie trägt eine schwarze Hose und schwarze Bluse mit roten Rosen darauf. Sie kauert sich auf der Studiofläche zusammen, um die Emotion ihrer Wahl darzustellen. Die zwei Blitze hinter ihr, der dritte vor ihr und die Fotografin auf der Leiter lassen ihr Herz kurz schneller schlagen, dann blendet sie das Blitzlicht aus. Minuten später hat sie es geschafft - und vielleicht ein bisschen von der eigenen Angst in der Foto-Manege gelassen.

Wie es sich angefühlt hat, die Emotion darzustellen? "Je länger ich in dieser Position drin war, desto unangenehmer wurde das", sagt die 21-Jährige. Die Situation habe sie an Situationen ihres Lebens erinnert, in denen sie Angst hatte. "Ich freue mich, dass es vorbei ist. Jetzt freue ich mich auf ein gutes Bild", ergänzt sie und grinst in die Runde.


Fotografie ist Kommunikation

Fünf weitere Mädchen sind mit Ina in das Studio gekommen. Sie alle sind Teilnehmerinnen des Mädchenprojekts zum Thema "Schönheit, Selbstbewusstsein und gesunde Ernährung", das im Rahmen des Projekts "Meilenstein" der Lichtenfelser Caritas stattfindet. "Ziel ist, dass die jungen Frauen selbstbewusster im Leben stehen, aber auch innere Zufriedenheit mit sich selbst erhalten", sagt eine der zwei zuständigen Diplom-Sozialpädagoginnen, Andrea Zellmer. Das Fotoshooting im Rödentaler Studio der Fotografin Svenja Sommer (22) ist das Finale des diesjährigen Projekts.

Die Fotografin ist trotz ihrer Jugend ein Profi mit hunderten Shootings Erfahrung. Nach abgeschlossener Fotografenausbildung hat sie Anfang des Jahres ihr eigenes Studio mit Schwerpunkt People-Fotografie, also Aufnahmen von Menschen, eröffnet. Dass der heutige Fototermin nicht nur ästhetische Bilder hervorbringen, sondern auch pädagogischen Wert haben soll, bringt Svenja Sommer nicht aus der Fassung. "Es geht bei der Menschen-Fotografie immer um Kommunikation und darum, sich für die Kamera zu öffnen."


Sehen, wie schön sie sind

Daran, wie Ina ihre Darstellung der Emotion Angst erfahren hat, wird die Intensität dieser Erfahrung deutlich. Andrea Zellmer und ihre Kollegin Monika Poglitsch betonen den Wert dieser Erfahrung: Emotionen bestimmten jedes Quäntchen der Kommunikation. Ob nun der Gegenüber wütend, fröhlich oder traurig sei. Oder ob man seine Zuneigung so zeige, dass andere dieses Signal verstehen. "Ich glaube, die meisten Menschen haben manchmal Probleme, Emotion richtig zu deuten oder sie selbst richtig auszudrücken", meint Poglitsch. Und Zellmer fügt hinzu, dass die immer digitaler werdende Kommunikation das Gefühl für mimische und gestische Feinheiten "nicht gerade verbessert".


Die eigene Schönheit sehen

Für einige der Mädchen des Projekts, die teilweise unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen seien, gelte das vielleicht besonders. Emotionen vor der Kamera in Reinform darzustellen, könne sie sensibilisieren. Aber das ist nicht alles, worum es bei dem Shooting geht: "Sie sollen auch sehen, wie wunderschön sie aussehen", stellt Zellmer klar. Die Bildung eines stabilen Selbstbewusstseins ist ein Grundpfeiler des Mädchenprojekts der Lichtenfelser Caritas.

Dieses Jahr lief das zweite Mädchenprojekt zum Thema "Schönheit, Selbstbewusstsein und gesunde Ernährung". Teilnehmer sind stets junge Frauen im Alter von 14 bis 24 Jahren. Seit Mitte Juni trafen sie sich im 14-Tages-Rhythmus abends und sprachen mit den betreuenden Pädagoginnen der Caritas Themenschwerpunkte rund um die Bildung eines stabilen Selbstbewusstseins. Die Teilnehmerinnen haben freiwillig teilgenommen.


"Meilenstein" - MEIn LEben Neu STEuern

Zielgruppe "Meilenstein" richtet sich an delinquente Jugendliche und Heranwachsende im Alter von 14 bis 21 Jahren. Neben den straffälligen jungen Menschen bietet das Projekt aber auch gefährdeten Jugendlichen eine präventive Plattform an, die bei der persönlichen Entwicklung und Entfaltung unterstützen soll.

Zielsetzung Die Idee ist, jungen Menschen eine Plattform zu geben, um im Rahmen der richterlichen Weisung (nach Verurteilung) bestehende Defizite aufzuarbeiten und auszugleichen (die oftmals ursächlich für die kriminellen Handlungen sind). "Meilenstein" soll dazu beitragen, dass soziale Benachteiligungen oder individuelle Beeinträchtigungen abgebaut werden und das Arbeits- und Sozialverhalten der Teilnehmer gestärkt wird.

Konfliktbewältigung Neben Kompetenztraining in festen und offenen Kleingruppen werden Anti-Aggressivitäts-Trainings und Soziale Trainingsmaßnahmen angeboten.