Die millimeterkleine Kamera spiegelt, wie es im Innern des Schultergelenks der Patientin aussieht, die auf dem Operationstisch liegt. Nach einer Operation vor wenigen Wochen hat sich eine Naht gelöst. Den losen Faden, den er auf einem Bildschirm sieht, entfernt der Chirurg durch einen der zwei winzigen Schnitte in der Schulter. Um die gerissene Rotatorenmanschette (eine Muskelgruppe, die den Oberarm in der Schulterpfanne hält) neu zu nähen, entscheidet er sich für eine offene Operation. Alltag für Dr. Michael Rüb, Unfallchirurg und Orthopäde am Lichtenfelser Helmut-G.-Walther-Klinikum.


Spezialist - aber ganzheitlich

Die Naht der so genannten Reruptur, die Wieder-Zusammenführung der Muskeln, war kein Routineeingriff. "Ein bisschen nervös" sei er, weil er heute Zuschauer habe, sagt Rüb vor der Operation. Anzumerken ist ihm das nicht. Auch nicht, dass ihm ein anstrengender Wochenenddienst in den Knochen steckt. Seit dem frühen Morgen ist er wieder in der Unfallchirurgischen Abteilung der Klinik unterwegs. Alle paar Minuten kommt ein Assistenzarzt und sucht Rübs Rat zu einer Akte oder einem Röntgenbild: Schenkel, Hüfte, Unterarm ...

Der 54-jährige Leiter der Schulter- und Ellenbogenchirurgie des Lichtenfelser Krankenhauses hat vor kurzem das Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Schulter- und Ellenbogenchirurgie erhalten. Damit zählt er zu den renommierten deutschen Experten auf diesem Gebiet (siehe Infobox). Aber auch abseits seiner Spezialisierung ist der großgewachsene Oberarzt mit dem Schnauzbart erfahren: "Ich habe früher auch noch Bäuche gemacht", weist er etwas umgangssprachlich auf das breite Spektrum in seiner Chirurgenkarriere hin. Bei jungen Ärzten oder dem Medizinstudenten, der Rüb an diesem Tag über die Schulter schaut, wäre das wohl undenkbar. Die Spezialisierung nehme zu, meint Rüb. Das habe den Nachteil, dass der patientenspezifische Kontext manchmal verblasse. "Aber angesichts der immer detaillierter werdenden Diagnosen und Behandlungsmethoden muss das sein."

Um das Zertifikat zu verdienen, das jetzt an der Wand im Behandlungszimmer hängt, hat Rüb über mehrere Jahre hospitiert und Weiterbildungen besucht. Warum er trotz seiner nachweislich großen Expertise im ländlichen Lichtenfels bleibt? "Ich habe mir in der Region einen gewissen Ruf aufgebaut." Manche Patienten führen auch mehr als 100 Kilometer weit, um von ihm behandelt zu werden. Rüb deutet zudem an, dass er sich freuen würde, wenn in Lichtenfels ein Schulterzentrum entstünde - langfristig gesehen. Das lässt ihn auch Angeboten anderer Kliniken widerstehen.


Nach drei Jahren Schmerz

Am Vormittag ist Schulter-Sprechstunde. Eine halbe Stunde hält sich der Orthopäde und Unfallchirurg pro Patient frei - manchmal unterbrochen von Notfällen -, um zu untersuchen und Behandlungen zu empfehlen.

Eine schlanke junge Frau kommt in den Ultraschall-Raum. Die 20-jährige Frisörin sagt, sie habe seit drei Jahren Schulterschmerzen. Chronisch und so heftig, dass sie fast jeden Tag Schmerzmittel brauche. Rüb macht den Bewegungstest. Er stellt sich hinter die zierliche Frau und führt ihre Arme nach vorn, hinten, zur Seite ... "Tut es weh?", fragt er, bis sie es bei einer Aufwärtsbewegung bejaht. "Außerdem kribbelt es in der Hand", sagt sie. Die Nervenreaktion und die Bewegung, bei der der Schmerz auftritt, zeigen Rüb: Die Schulter ist nicht das Problem, sondern wahrscheinlich die Wirbelsäule. Er macht noch ein paar Handgriffe und scheint sicher. "Lassen Sie die Brustwirbel einrenken. Dann sollte der Schmerz verschwinden." Wenn nicht, solle die Frau wiederkommen.

Falls Rübs Gefühl stimmt, enden ihre Schmerzen nach drei Jahren - überspitzt gesagt - mit einer guten Massage.


Der Luxus des Gesprächs

Der jungen Frau hat der Oberarzt ein Lächeln beschert. Gleichzeitig weiß er: In diesen Zeiten ökonomischen Drucks und Wettbewerbs, der auf jeder Klinik lastet, ist seine Sprechstunde Luxus. Aber sie diene dem Patientenwohl, und das sei ein hohes Gut, sagt Rüb.

Operationen bedeuten für Kliniken bares Geld. Allerdings sind sie nicht immer heilsam. "Ich rate fast niemandem unbedingt dazu. Der Patient und ich wägen das Für und Wider ab", sagt er. Entscheidend sei dabei nicht nur die körperliche Verfassung, sondern auch die Lebenssituation.

Einer 87-jährigen Frau mit einer Arthrose in der Schulter, die nur operativ gelindert werden kann, rät er an diesem Tag vom Eingriff ab. "Sie könnten Ihren Gehstock während der Genesungsphase nicht sicher führen. Es besteht Gefahr, dass Sie stürzen", meint er. Wäre sie 20 Jahre jünger und ihr Sohn in der Nähe und nicht an ein Münchner Krankenhausbett gefesselt, hätte Rüb sicher anders beraten.

Es ist trotzdem nicht so, dass der Operationssaal unterbelegt wäre: 350 Eingriffe im Jahr werden im Fachbereich für Schulter- und Ellenbogenchirurgie im Jahr vorgenommen. Rüb hat nicht selten drei Operationen am Tag. 80 Prozent davon sind Routineeingriffe. "Trotzdem ist mir bei jedem kleinen Schnitt bewusst, dass da eine Person vor mir liegt. Sonst wäre ich kein guter Arzt", entkräftet Rüb Vorurteile, dass Chirurgen irgendwann abstumpfen.
Die Patientin, die an diesem Nachmittag wegen ihrer Rotatorenmanschette auf dem OP-Tisch liegt, war vor Wochen schon da. Die Heilung ist nicht geglückt. Jetzt vertraut sie Rüb ein zweites Mal. Der Eingriff läuft problemlos. "Die Lücke ist geschlossen. Jetzt muss ihr Körper seinen Teil leisten."


Einer von rund 50 zertifizierten Experten

Zertifiziert Michael Rüb ist einer von rund 50 deutschen Experten, die das Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Schulter- und Ellenbogenchirurgie ihr Eigen nennen dürfen.

Ziel Indem Ärzte die Fortbildungsangebote der Gesellschaft für Schulter- und Ellenbogenchirurgie absolvieren, soll eine Strukturierung und Standardisierung und damit Verbesserung der Ausbildung sowie der Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten im Bereich der Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen des Schulter- und Ellenbogengelenkes stattfinden.