Galina Maier, ihr Mann und die kleine Tochter kommen frisch aus dem Kreta-Urlaub. "Wenn wir Führungen hatten, gab es meist einen Dolmetscher, der Deutsch, einen der Englisch, einen der Russisch sprach. Ich konnte mir alles dreimal anhören", sagt sie und lacht. Das sei nur ein Beispiel für die Vorteile, die sie als Russlanddeutsche habe.

Der heutige Tag der Russlanddeutschen soll an Beschwernisse erinnern, die Spätaussiedler hatten. In Russland als Deutsche und hier als Russen angesehen, haben wohl viele der "deutschen Russen" Identitätskrisen durchlebt. Galina Maier auch?


Deutsche Tage, russische Abende

"Mittlerweile spielt die Herkunft für mich keine Rolle mehr. Ich bin ich", sagt die Lichtenfelserin mit den kurzen dunklen Haaren und setzt sich an den Küchentisch. Seit ein paar Jahren führt die gelernte Kinderpflegerin mit einer (deutschen) Geschäftspartnerin eine Kinder-Tagespflege und das "Zwergencafé" an der Bamberger Straße der Korbstadt. Allein durch ihre Arbeit ist die kulturelle Vielfalt im Alltag groß. Meist habe sie am Tage mit Deutschen zu tun und spreche fast nur Deutsch. "Abends bewege ich mich dann meist wieder im russischen Umfeld." Dann spricht sie die Sprache, mit der sie aufgewachsen ist. Kocht Gerichte aus der Wolgaregion. Begeht die russischen Feiertage. "Ich habe zwei Gemeinschaften. Aber nicht so strikt getrennt", sagt sie. Ihre Tochter etwa wachse zweisprachig auf, ihr Mann, kasachischen Ursprungs, spreche allerdings fast nur Deutsch.

Gefragt nach Ursprüngen ihre Familie - in und vor Russland - stockt Galina Maier. Sie selbst wisse darüber nicht so viel. Nur dass ihre Mutter damals, als Galina eine Teenagerin war, meinte: Die Lage sei schlecht, Geld und Güter seien knapp, man müsse weg aus Omsk (Sibirien). "Mit meinen 15 Jahren habe ich die Probleme nicht mitbekommen", sagt sie. Doch sie ging 1995 mit auf die Reise nach Deutschland, über Nürnberg nach Oberfranken. "Am Anfang habe ich wenig verstanden und so gut wie kein Deutsch gesprochen", erinnert sie sich. Sie habe sich als Russin gefühlt. Nach der achten Klasse kam sie von einer Sprach-Förderklasse in die deutsche Klasse. Später machte sie eine Ausbildung und wurde schließlich Existenzgründerin. Die 34-Jährige ist angekommen. Russisch? Deutsch? Erfolgreich.

Für Galina Maiers Mutter, die in Bayreuth lebt, sei die Herkunftsfrage ungleich wichtiger. Sie habe die Familiengeschichte in Archiven erforscht - bis zurück in die Zeit, da ihre Ahnen an die Wolga auswanderten. Galina bietet an, ihre Mutter kurz anzurufen und zu befragen.


Aufarbeiten der Geschichte

Bei der Begrüßung spricht Galina Maier Russisch, dann fließen manchmal deutsche Satzfetzen ein. Später fasst die 34-Jährige zusammen. "Paul Weigel" und ein "Herr Götten" seien die ersten aus der Familie ihrer Mutter gewesen, die in den späten 60er-Jahren des 18. Jahrhunderts an die Wolga, nach Saratow im Südwesten Russlands, ausgewandert seien. Sie verließen Deutschland, weil die Lage nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) verheerend war. Fast die ganze Familie sei damals gestorben. Die Lage war vergleichbar mit der von Flüchtlingen, die jetzt aus krisengeschüttelten Ländern nach Deutschland kommen. "Es hieß, in Russland gebe es alles im Überfluss. Dort könne man seine Familie ernähren", weiß Galina Maier aus Erzählungen ihrer Großmutter.

Im 18. Jahrhundert waren große Teile des russischen Reiches noch unbesiedelt. Zarin Katharina II. erließ 1762 ein Manifest, in dem sie alle Ausländer einlud, sich innerhalb der Grenzen des Zarenreiches niederzulassen. Nachdem ab 1987 jeder Sowjetbürger ungehindert aus der UdSSR ausreisen durfte, kamen Zehntausende Deutschstämmige zurück in eine Heimat, mit der diese Generation meist nicht mehr als Geschichten und Grimmsche Märchen verband. So wie Galina Maier. Die als Russin herkam, als Fränkin erwachsen wurde und sich einfach als Optimistin versteht: "Ich lache gerne, ich lebe gerne. Und egal ob russisch oder deutsch: Man kann mit allen Spaß haben."


Der 28. August

Ursprung Der Tag der Russlanddeutschen wird seit 1982 am 28. August begangen und soll an den mühevollen Weg erinnern, den Russlanddeutsche (oder Deutsche aus Russland bzw. Spätaussiedler) teilweise beschritten haben. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland.

Vertreibung Am 28. August 1941 verhängten Russlands Machthaber einen Erlass, nach dem die Russlanddeutschen aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten zwangsdeportiert wurden, damit sie nicht mit Nazideutschland kooperieren. red