Wer aktuell Zahlen verbreitet, bezieht sich auf Inzidenzen, auf Infizierte und - leider - Tote. Doch Statistiker erfassen viele weitere gesellschaftliche Zusammenhänge. Einer davon ist der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die ohne Abschluss die Hauptschule verlassen. 2019, also noch vor der "Generation Corona", waren das in Bayern immerhin 5,7 Prozent aller Schulabgänger. Bundesweit sind die absoluten Zahlen des Vorjahres sogar noch schlechter: In Deutschland liegt die Quote der Schulabbrecher bei 6,3 Prozent (unter Ausländern sogar bei 18,1 Prozent).

Das ist ein Ergebnis des Bildungsmonitors, einer Studie der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Und noch ein Befund ist bemerkenswert: Die Bundesländer schneiden sehr unterschiedlich ab. Demnach verlassen in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt prozentual fast doppelt so viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss wie in Hessen, Hamburg oder Bayern.

Ein bis zwei Prozent

"Jeder dieser Jugendlichen ist einer zuviel", betont auch Jochen Kees. Der Rektor der Hans-Edelmann-Schule sagt, dass ein bis zwei Schüler pro Jahrgang die Mittelschule ohne Abschluss verlassen. "Von etwa 100 Abgängern sind das ein bis zwei Prozent." Die Schüler, die ohnehin große Probleme haben und bei denen es oft an häuslicher Unterstützung mangele, hätten unter den aktuellen Pandemiebedingungen "noch etwas mehr zu knabbern als in ,normalen' Jahren", so der Schulleiter.

Wie er Einfluss nehmen könne auf die Verweigerer? "Das muss man individuell angehen, ein Patentrezept gibt es nicht. Es sind in der Regel Schüler, die schon in früheren Jahren und nicht erst kurz vor den Prüfungen auffallen, so etwas zeichnet sich oft zeitnah ab. Diese Kinder und Jugendlichen kommen belastet, zum Teil verwahrlost, in die fünften und sechsten Klassen und stechen dadurch hervor, dass sie in ihrem Wesen sehr unstrukturiert sind und wenig bis keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigen."

Schwer zugänglich

Oft kämen sie äußert unregelmäßig zum Unterricht, der Kontakt zu den Erziehungsberechtigten gestalte sich schwierig bis unmöglich. "Da fehlt es an Aufmerksamkeit für den eigenen Nachwuchs. Diese Kinder sind nur schwer zugänglich, was es für den Lehrer im Klassenverbund extrem schwierig macht." Trotz allem gilt die allgemeine Schulpflicht - deswegen muss die Polizei auch mal als Transporteur einspringen.

"Ja, das haben wir schon erlebt", sagt Jochen Kees. Der Schulzwang sei jedoch eines der letzten Mittel, das er zur Verfügung habe. Er als Schulleiter meldet einen sogenannten Dauerschwänzer an das Landratsamt, dort wird zunächst ein Bußgeld beantragt. Bei hartnäckigen Fällen geht die Order vom Amt an die Polizei, den säumigen Schüler abzuholen. "Das macht man als Pädagoge sicher nicht gerne, aber mir sind da die Hände gebunden."

Die Schule stehe in engem Austausch mit dem Jugendamt sowie der Jugendsozialarbeiterin an der Schule, die gerade solche Fälle verstärkt im Fokus hat und bemüht ist, das Eis zu brechen, ein Umdenken einzuläuten. "Das gelingt manchmal gut, in schweren Fällen auch nicht, muss man zugeben."

Jochen Kees will nicht von den "Unrettbaren" sprechen, die hoffnungslos für die Gesellschaft verloren seien. "Wir hatten auch schon die ausweglosen Fälle, die zu einer Umkehr bewegt werden konnten. Das sind bemerkenswerter Weise Schüler, die später gern wieder zu uns kommen und sich sogar dafür bedanken, dass wir sie nicht aufgegeben haben. Das sind die Erfolgsmomente bei allen Schwierigkeiten." Es bestünden immer Chancen, sagt er. Und wenn sie nicht die Hans-Edelmann-Schule bieten kann, dann vielleicht die Sonderberufsschule in Fassoldshof oder die Jugendwerkstatt der Geschwister-Gummi-Stiftung.

Dort kommen die jungen Frauen und Männer zu Peter Engelhardt, der die Einrichtung der Gummi-Stiftung in der E.-C.-Baumann-Straße leitet. Aktuell sind es fast 25 Auszubildende in Malerei, Schreinerei und Wäscherei. Dazukommen nochmals zehn Jugendliche, die sich in einem Arbeitsprojekt auf Ausbildung oder Arbeit vorbereiten, berichtet der Sozialpädagoge. Hier können sie - trotz aller persönlicher Schulmalaise - die Berufsausbildung zum Maler machen, zum Lackierer und Schreiner oder in der Wäscherei arbeiten.

Aber nicht nur das: "Es ist ebenso wichtig, ihnen neben spezifischen Kenntnissen soziale Kompetenzen zu vermitteln", sagt Engelhardt. "Davon hat jeder was über die Berufsqualifikation hinaus."

Er erzählt von einem jungen Mann, den er - trotz aller Bemühungen - zwei Mal kündigen musste. Und den er zwei Mal wieder eingestellt hat. "Dadurch hat sich die Ausbildungszeit auf fünf Jahre gestreckt, aber das war unterm Strich egal, der Betreffende arbeitet bis heute in dem Beruf, den er bei uns erlernt hat."

Totale Abschottung ist selten

Der Sozialpädagoge verhehlt jedoch nicht, dass es nicht auch die Komplettverweigerer gibt. "Sehr oft ist es so, dass ein Jugendlicher, der dem Anschein nach nicht will, eigentlich aus den verschiedensten Gründen einfach nicht kann. Hier muss man ganz genau hinsehen. Es können ferner Drogenprobleme sein, aber auch extreme Formen von Resignation. Es gab einige, die versanken im ersten Lockdown während der Corona- Pandemie im März und April in einer Art Depression."

Die Gründe für einen Schlussstrich in jungen Jahren sind häufig dieselben, sagt Engelhardt. Viele seien problembeladen seit früher Kindheit, stammen aus desolaten Familienverhältnissen oder sind Scheidungskinder, die zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissen sind oder aber mit dem neuen Partner eines Elternteils nicht klarkommen, häufig umziehen und sich immer neu orientieren müssen. "Das kann im Zweifelsfall jeden treffen, auch jene aus gutem Hause."

Alternative: Jungarbeiterklasse

Bei allen, die in der Jugendwerkstatt landen, besteht eine Berufsschulpflicht. Als Alternative existiert die sogenannte Jungarbeiterklasse. Per Definition handelt es sich dabei um eine Form der Beschulung schulpflichtiger Jugendlicher an Regel(berufs)schulen, typischer Weise um Jugendliche ohne Ausbildungsplatz (JoA) oder Jungarbeiter, die keine Ausbildung aufgenommen und sich auch nicht für eine andere Form von beruflicher Beschulung angemeldet haben, die aber noch berufsschulpflichtig sind.

Peter Engelhardt erinnert sich an eine Hauptschülerin, die den Unterricht nach der 8. Klasse für sich als beendet ansah. Kein unrettbarer Fall, wie sich herausstellte: "Die Schule legte aufgrund des Verhaltens keinen gesteigerten Wert mehr auf die Anwesenheit der Schülerin, aber bei uns stellte sich heraus: Ihre intellektuellen Ressourcen waren ausreichend, sie nach diesem einen Jahr Vorbereitung in die reguläre Ausbildung zu schicken." Ende gut,...