Spätestens ab Montag, 10. August, soll die Turnhalle des Kronacher Schulzentrums vorübergehend von Flüchtlingen bezogen werden. Wie viele kommen und wie lang sie bleiben werden, ist unklar. "Wir hoffen, dass wir die Halle zu Schulbeginn nach den Ferien wieder frei haben", meinte Landrat Oswald Marr (SPD) gestern bei einem Pressegespräch. 150 bis 200 Plätze sollen vorgehalten werden.

Die Regierung von Oberfranken ging zuletzt von einer Belegung über sechs bis acht Wochen aus. Es hängt davon ab, wie schnell dauerhaftere Unterbringungsmöglichkeiten gefunden werden. "Wir bemühen uns, da möglichst schnell Lösungen zu finden", so Marr. Sollte die Halle nach den Sommerferien noch von Flüchtlingen belegt sein, müsste eine Ausweichmöglichkeit für die Schüler gefunden werden.
Denkbar wären wohl die Sportanlagen des KZG oder der Berufsschule.

Sicherheit aller gewährleisten

Erst einmal sind Sommerferien. Anschließend würde gelten: Wenn Gestrandete in unmittelbarer Nähe zu laufendem Schulbetrieb untergebracht werden, muss die Sicherheit aller Parteien gewährleistet sein. "Ich appelliere aber vor allem an die Eltern der Schüler, nicht davon auszugehen, dass da Menschen kommen, mit denen man nicht gut umgehen kann", so Marr. Die Gestrandeten sollte in keiner Weise stigmatisiert werden.

Gleichzeitig seien sie freie Menschen, die sich frei bewegen dürften. Tag und Nacht sei allerdings Sicherheitsdienst vor Ort, der im unwahrscheinlichen Fall von Problemen ansprechbar sei.

Im Bereich der Dreifachturnhalle sollen die Flüchtlinge schlafen und leben. Im Bereich der Zweifachturnhalle könnten Catering und Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen werden.

Keine große Aufregung

Auf die neue Situation angesprochen, verweisen die involvierten Schulleiter auf vergangenen Herbst. Dass die Mehrfach-Turnhalle des Schulzentrums als vorübergehende Unterkunft genutzt werden könnte, stand bereits damals im Raum - im Rahmen des Winternotfallplans der Staatsregierung.

Damals informierten die involvierten Schulleiter Lehrer, Eltern(-Vertretungen) und Schüler über die Thematik. "Abgesehen von vereinzelten Meldungen gab es keine große Aufregung", erinnert sich Klaus Morsch, Schulleiter des Frankenwald-Gymnasiums, an Verständnis. Gleiches berichten die Amtskollegen der Real- und Mittelschule. Diesmal werde das hoffentlich nicht anders sein.

"Die Phase in den Ferien als eine relativ ruhige ist günstig", meint Morsch. Anita Dauer, Leiterin der Gottfried-Neukam-Mittelschule, stimmt zu: Die sechs Wochen gäben Zeit, "die neue Situation zu erproben". Und möglicherweise sei die Unterbringung anschließend nicht mehr notwendig.

Und wenn doch, so Morsch und Dauer, müsse man eben alternative Sportstätten für die Schüler finden. Allein am FWG besuchen 220 Schüler die 11. und 12. Klasse und müssen im Zuge dessen benoteten Sportunterricht absolvieren, um sich für ihr Abitur zu qualifizieren. An der Mittelschule ist der Sportunterricht essenziell für Lehramtsanwärter und Schüler, die sich für eine weiterführende Schule qualifizieren wollen.

Sicherheitsbedenken? Nein!

Den Vorkehrungen, die das Landratsamt treffen will, trauen die Schulleiter. Morsch wünscht sich, dass keine Partei eingeschränkt wird: "Wir wollen den Menschen, die kommen werden, helfen. Gleichzeitig haben wir Verantwortung für unsere Lehrer und Schüler und müssen sehen, dass die Ordnung im Schulalltag gewahrt bleibt - da müssen wir eine Balance finden." Wie das anzustellen sei, ist ein zentrales Thema bei den Vorbereitungen, die in den kommenden Tagen zwischen den Schulen und dem Landratsamt getroffen werden, so Morsch. Uwe Schönfeld, Leiter der Realschule II, gab an, "überhaupt keine Bedenken" in Sicherheitsfragen zu haben. Ausdrücklich lobte er den Einsatz des Landratsamtes um Landrat Oswald Marr, das "alle erdenklichen Maßnahmen ergreift, um eine bestmögliche Lösung für alle Beteiligten zu finden."

Die aktuelle Situation ist in ihrer Intensität neu für wohl alle Beteiligten: Gängige Praxis war bislang, dass Menschen, die nach Bayern eingereist sind, um Asyl zu beantragen, zuerst in eine Erstaufnahmeeinrichtung wie Zirndorf kamen. Dort blieben sie kurze Zeit, wurden ärztlich untersucht (Erstscreening) und ihre Personalien aufgenommen, damit sie einen Asylantrag stellen konnten. Dann wurden sie in der Regel an Übergangsaufnahme-Einrichtung in den Regierungsbezirken - Bayreuth für Oberfranken - überstellt. Erst dann wurden sie auf die Landkreise verteilt. Zuerst in die Gemeinschaftsunterkünfte, die von den Bezirksregierungen betrieben werden. Wenn die nicht mehr ausreichten auch in dezentrale Unterbringungen, die die Landkreise zu organisieren hatten und haben.

Angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme, die auf dem üblichen Weg nicht mehr zu bewältigen wären, musste eine Alternative her. Mittlerweile werden Busse mit Flüchtlingen oft - ohne den Umweg über Erstauf-nahmeeinrichtungen - direkt an die Bezirksregierungen geleitet. Weil auch hier Kapazitäten fehlen, werden die Busse direkt an die Landratsämter weitergeleitet. Der erste derartige Transport mit 47 Menschen steuerte Anfang Juli Mitwitz an. In absehbarer Zeit werden mehr Busse mit Flüchtlingen in den Landkreis kommen.
Der Winter-Notfallplan von Ende 2014 sah vor: Jeder Landkreis oder jede kreisfreie Stadt sollte 300 Plätze für Flüchtlinge bereithalten. Dieser Plan wurde jetzt reaktiviert. Der Lage Herr zu werden, nannte Marr "eine Mammutaufgabe", die derzeit höchste Priorität im Landratsamt einnehme. Involviert sind unter anderem die Bereiche für Sicherheits- und Ordnungsrecht, Ausländerwesen, das Jugendamt, Sozialamt und Gesundheitsamt.

Nichts ist planbar

Prognosen zu präsentieren, wie die Entwicklung im Kreis Kronach weitergehen werde, sei derzeit unmöglich. "Es ist nichts planbar in diesem Bereich. Und zwar für niemanden", sagt Belinda Quenzer von der Abteilung für Sicherheits- und Ordnungsrecht. Im Schnitt kämen derzeit elf bis zwölf Busse mit insgesamt 500 bis 600 Asylbewerbern pro Woche im Regierungsbezirk Oberfranken an, davon bis zu 100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. "Die Leute sind dann da und müssen verteilt werden." Im Zuge dessen habe der Landkreis Kronach nach dem Jugendübernachtungshaus Mitwitz auch die Turnhalle des Schulzentrums aktiviert, um 150 bis 200 Plätze vorhalten zu können. Als spätest möglichen Zeitpunkt habe man hier den 10. August angegeben. "Aber es kann jeden Moment der Anruf der Regierung kommen, dass schon früher Flüchtlinge zu uns kommen", so Quenzer.

Derzeit mehr als 260 Flüchtlinge

Zuletzt (Stand 20. Juli) waren im Kreis Kronach rund 260 Flüchtlinge untergebracht. Davon 39 in der Gemeinschaftsunterkunft Kronach und der Rest dezentral. Nicht enthalten die bis zu 50 Flüchtlinge, die im Mitwitzer Jugendübernachtungshaus untergebracht werden können. Das Jugendamt ist zuständig für 28 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 15 weitere sollen in der nächsten Woche kommen und in einer ehemaligen Gaststätte untergebracht werden.

Die nächste Halle könnte aktiviert werden

Bei der Sitzung des Marktgemeinderats Nordhalben am kommenden Dienstag soll über eine mögliche Nutzung der Nordwaldhalle zur Unterbringung von Flüchtlingen informiert und beraten werden. Laut Geschäftsleiter Joachim Ranzenberger liegt es "im Rahmen des Möglichen, dass, wenn die Kapazitäten der Turnhalle des Schulzentrums überlastet wären, Asylbewerber in der Nordwaldhalle untergebracht werden." Mehr sei derzeit nicht spruchreif.