Ausgangsbeschränkung. Wie schon im Frühjahr dürfen die Bürger auch jetzt wegen der Corona-Pandemie nur aus wichtigen Gründen das Haus verlassen. Auf der Suche nach einem solchen „wichtigen Grund“ sind viele Menschen auf den Hund gekommen. Bei vielen Züchtern und Tierheimen stehen seit Februar/März die Telefone nicht mehr still. Doch ein Großteil der Anfragen ist unüberlegt.

„Sind die süüüßßß!“ Der Satz entschlüpft einem beim Anblick der Welpen von Astrid Scheder reflexartig. Die Prichsenstädterin züchtet Havaneser, freundliche, aufgeweckte, kinderliebe kleine Hunde, ideal für Familien. „So einen will ich auch“, sagt manches Kind da schnell. Normalerweise reagieren Erwachsene rational, erklären Sohn und Tochter, wie viel Arbeit mit der Anschaffung eines Hundes verbunden ist. Eine Rationalität, die in Zeiten von Corona verschwunden zu sein scheint.

Nachfrage nach Hunden durch Corona gestiegen

Die Zahl der Menschen, die in diesem Jahr einen Hund wollen, ist riesig, berichten Züchter. Schließlich sitzt man viel zuhause, viele arbeiten im Homeoffice. Da passt ein knuddeliger kleiner Freund doch ganz gut. Zumal er ja auch noch den Wunsch nach Nähe erfüllt – einen Hund kann man streicheln und knuddeln. Also wird spontan eine Liste von Züchtern im Internet aufgerufen und schnell mal durchtelefoniert.

Den plötzlichen Run auf die Vierbeiner hat Astrid Scheder vor allem zu Beginn der Pandemie täglich zu spüren bekommen. „Das Frühjahr war der Wahnsinn.“ An manchen Tagen hat das Telefon fast alle zehn Minuten geklingelt. Die Zahl der Anfragen war zigmal so hoch wie in früheren Jahren. Seit 2015 züchtet die Prichsenstädterin Havaneser – „ein 24-Stunden-Job“. Ein bis zwei Würfe zieht sie jedes Jahr groß. Sie schaut schon immer ganz genau hin, wem sie ihre Tiere anvertraut.

In ausführlichen Telefonaten wird erst einmal geklärt, wie ernsthaft die Anfrage ist, ob der Interessent sich seiner Verantwortung bewusst ist, ob er sich mit der Rasse auseinandergesetzt hat, ob überhaupt Zeit für ein Tier ist. Die große Anzahl der Anfragen aber sprengt in diesem Jahr den zeitlichen Rahmen. „Jetzt müssen die Leute sich erst mal schriftlich bewerben. So kann ich vorsortieren.“ An Berufstätige verkauft sie ihre Hunde grundsätzlich nicht, es sei denn, Oma und Opa oder sonst jemand, der immer da ist, lebt mit im Haus und ist auch wirklich bereit, sich zu kümmern. Das Wort „Homeoffice“ kann und mag Astrid Scheder da gar nicht mehr hören. „Die Leute denken, sie sind ja jetzt gerade zuhause. Aber was in einem Vierteljahr ist, darüber denken sie nicht nach.“

Züchterin mahnt: "Das ist ja nicht so, wie wenn man etwas im Supermarkt kauft"

Dass die Züchterin den Verkauf ihrer Hunde an Bedingungen knüpft, versteht nicht jeder. „Aber es geht ja nicht darum, die Welpen loszuwerden. Ich will, dass sie gut versorgt sind.“ Schließlich gehe es um ein neues Familienmitglied, auf das man mit Vorfreude wartet. „Das ist ja nicht so, wie wenn man etwas im Supermarkt kauft. Das sind Lebewesen.“

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Auch die Leiterin des Kitzinger Tierheims schüttelt nur den Kopf, wenn sie auf die Nachfrage nach Hunden im Coronajahr 2020 angesprochen wird. „Es war einfach unglaublich.“ Unglaublich aus zwei Gründen: Zum einen, weil die Anzahl der Interessenten plötzlich so groß war und teilweise noch ist. „Es gab jeden Tag Anfragen.“ Zum anderen, weil die meisten sich gar nicht richtig damit beschäftigt hatten, was es bedeutet, ein Tier zu kaufen. „90 Prozent der Anfragen waren unseriös“, sagt Angela Drabant.

Anrufen, aussuchen, mitnehmen – am besten einen pflegeleichten, lieben, stubenreinen, braven Hund. So stellt sich manch einer das vor. Was natürlich so nicht machbar ist. Ein Welpe vom Züchter muss erzogen werden, ein Tier aus dem Tierheim braucht Zuwendung, hat womöglich schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich, hat Macken oder ist schon etwas älter. Und mit dem Kauf eines Hundes bindet man sich – nicht nur Wochen und Monate, sondern für die nächsten Jahre. „Dass man einen Hund zehn, vielleicht 15 Jahre hat, bedenken viele nicht“, sagt Angela Drabant.

90 Prozent der Anfragen an Kitzinger Tierheim nicht seriös

Etwa zehn Hunde sind momentan im Kitzinger Tierheim. „Das ist extrem wenig. Und einige davon sind Ladenhüter“, sagt die Leiterin. Will heißen, sie leben schon seit Jahren im Tierheim. Doch auch die werden nur an Menschen vermittelt, die es ernst meinen. Angela Drabant merkt schnell, ob eine Anfrage seriös ist, ob ein Interessent geeignet ist, Hundebesitzer zu werden.

„Ich höre das gleich am Telefon. Dafür mache ich den Job lang genug.“ Seit 1988 ist sie im Tierheim tätig, hat unzählige Gespräche geführt, viele Tiere vermittelt. Diese Erfahrung hilft – „und mein Bauchgefühl“. In Coronazeiten kann man nicht ins Tierheim gehen und sich die Tiere anschauen. Deshalb beschreibt Angela Drabant mit ihren Kollegen auf der Homepage des Tierheims sehr genau, welche Tiere zur Verfügung stehen. Rasse, Alter, Eigenschaften, dazu gibt es Bilder.

Die Interessenten erfahren, ob das Tier alleine bleiben kann, ob es Kinder mag, ob es mit anderen Hunden zurechtkommt. Scheint ein passendes Mensch-Tier-Paar gefunden, wird ein Termin zum Gassigehen ausgemacht. Stimmt die Chemie und es gefällt auch dem Hund, füllen die Interessenten eine Selbstauskunft aus. Wenn auch die passt, darf man den Hund einen Tag zur Probe holen. „Wenn es eine Katastrophe ist, bringen die Leute den Hund gleich wieder“, weiß Drabant aus Erfahrung. Wenn es klappt, schaut ein Mitglied des Tierheim-Teams am Nachmittag vorbei. „Dann geht es mit der Vermittlung ganz zügig.“ Udo Kopernik ist Pressesprecher im VDH, dem Verband für das Deutsche Hundewesen, in dem viele Züchter und Vereine organisiert sind.

Labrador-Retriever besonders gefragt

Er hatte zwar in diesem Jahr keinen Wurf, weiß aber aus Gesprächen mit anderen Züchtern, dass die Nachfrage nach Hunden seit dem Lockdown stark zugenommen hat und immer noch anhält. Viele Züchter könnten die Tiere schon vermitteln, wenn die Hündin noch nicht mal trächtig, sondern der Wurf nur geplant sei. „Auch bei Rassen, die sonst nicht gerade auf der Beliebtheitsskala stehen.“ Bei beliebten Rassen wie dem Labrador-Retriever sei die Zahl der Anfragen so groß, dass man sie nicht mal mehr beantworten könne.

Nachdem die Grenzen wieder geöffnet sind, blüht auch der Welpenhandel aus dem Ausland wieder. Dazu kommen sogenannte Wühltischwelpen aus dem anonymen Welpenhandel im Internet, von unseriösen Züchtern. Die meisten dieser Tiere sind noch nicht geprägt und sozialisiert, wenn sie abgegeben werden. Werden die jetzt auch noch von Leuten gekauft, die sich nicht mit Hunden auskennen – Kopernik spricht von „unerfahrenen Dilettanten“ – sei das schwierig. Zumal erschwerend hinzukomme, dass die Hundesportvereine seit November nicht mehr unterrichten dürften.

Wer lernen will, wie man mit Hunden umgeht, wie man sie erzieht, steht alleine da. „Diejenigen, die dringend Hilfe bräuchten, können sie momentan nicht in Anspruch nehmen“, so der Pressesprecher. „Da werden wir in den nächsten Wochen und Monate große Probleme bekommen.“ Nicht nur, weil dann Tiere ausgesetzt oder in die Tierheime gegeben werden. Es werde auch zu vermeidbaren Unfällen kommen, befürchtet Udo Kopernik.

Zugleich kann er nachvollziehen, dass viele Menschen sich jetzt einen Hund zulegen möchten. „Wir leben in einer Zeit, die beunruhigt. Da sucht man soziale Nähe zu einem Lebewesen.“ Studien hätten belegt, dass Hunde da eine große Hilfe seien, denn die enge Bindung zwischen dem Menschen und dem Hund und die Kommunikation mit dem Tier beruhige. Doch ob das tatsächlich der richtige Grund ist, sich jetzt einen Hund zuzulegen? Kopernik: „Aquarien beruhigen auch.“

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