Die Bürger mit ins Boot zu holen, das ist Marco Siller nach eigener Aussage ein wichtiges Anliegen, wenn es darum geht, die Energiewende in der Region voranzubringen. Wird sich der Landkreis Haßberge eines Tages komplett unabhängig mit Energie versorgen können, also energieautark sein? "Das ist möglich", sagt Siller, "aber abhängig von der Akzeptanz der Bevölkerung."

Seit Mai dieses Jahres ist Siller Geschäftsführer der GUT Haßberge. Die "Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte" gibt es bereits seit 2011. Sie wurde nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gegründet, wie Siller berichtet. Damals beschloss die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomkraft.

Der Ertrag aus dem Bürger-Windpark im Sailershäuser Wald reicht noch lange nicht aus

Eines der Projekte, die die GUT seither im Landkreis auf den Weg gebracht hat, ist der Bürger-Windpark im Sailershäuser Wald. Soll die Energiewende - zunächst spricht Siller hier von einer Stromwende - gelingen, seien weitere Windenergie-Anlagen im Landkreis erforderlich. Der Fokus der GUT liegt aktuell jedoch in erster Linie auf einem anderen Energieträger, wie Siller erklärt: der Sonne.

1. Mehr (Freiflächen-) Photovoltaik

"Großes Potenzial" sieht die GUT im Landkreis, wenn es darum geht, Photovoltaik-Anlagen auf Freiflächen zu errichten. Ursprünglich waren diese nur entlang von Bahnlinien oder Autobahnen erlaubt, wie Siller erklärt. Seit 2017 jedoch dürfe in ländlichen Regionen - gemäß dem Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG) - auch Ackerland herangezogen werden. Und zwar immer dort, wo Regionen als "benachteiligt" gelten. Dies sei im Landkreis bei 24 von 26 Kommunen der Fall, führt Siller weiter aus. Nur die Gemeinde Gädheim und Teile der Gemeinde Theres fielen nicht unter die Regelung.

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"Wo gute Böden sind, sollten die landwirtschaftlichen Nutzflächen auch weiterhin der Landwirtschaft vorbehalten bleiben", sagt der GUT-Geschäftsführer. Vor allem im Maintal zeichneten sich die Böden durch eine gute Qualität aus. Diese werde durch die Bodenzahl bestimmt und läge hier häufig über 70, erklärt Siller. "Böden wie diese für Photovoltaik zu nutzen, wäre sicher das falsche Signal. Auch der Naturschutz spielt hier eine Rolle, da auf qualitativ guten Böden weniger Düngemittel ausgebracht werden müssen."

Anders sehe es bei Böden aus, die eine Bodenzahl im unteren Zwanziger-Bereich aufweisen. Solche Böden seien vor allem im nördlichen Landkreis verbreitet, berichtet Siller. "Hier stellt sich angesichts des Klimawandels auch die Frage, ob diese Böden sich zukünftig noch vernünftig bewirtschaften lassen." Nicht zuletzt hätten Landwirte durch die Installation einer Freiflächen-Photovoltaik auch die Möglichkeit, sich ein weiteres Standbein zu schaffen.

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Ziel der GUT ist es, für die Stromwende im Bereich Photovoltaik bis 2030 eine Leistung von 200 Megawatt Peak (MWp) im Landkreis zu installieren. "Ich hoffe aber, dass es sogar etwas schneller geht", fügt der Geschäftsführer an.

Eine Rolle in Sachen Photovoltaik spielen weiterhin auch die Anlagen auf Dächern privater und öffentlicher Gebäude. Hier hat sich die Größe der neu installierten Anlagen in den zurückliegenden Jahren allerdings in etwa halbiert, wie Siller berichtet. Da die Einspeisung ins Stromnetz nicht mehr in großem Stil vergütet wird, werde in erster Linie nurmehr Strom für den Eigenverbrauch produziert, was aus Gründen der Wirtschaftlichkeit zu kleineren Anlagen führt.

Auf ihrer Website (gut-hassberge.de) bietet die GUT einen "Solarschnellcheck" für Privatleute an. Siller verweist zudem auf die kostenlosen Beratungsangebote durch das Umweltbildungszentrum (UBiZ).

2. Weitere Windenergie-Anlagen

Vor fünf Jahren ging der Bürgerwind-Park im Sailershäuser Wald ans Netz. Zehn Windenergie-Anlagen mit einer Leistung von rund 24 MW sind dort in Betrieb. Ziel der GUT ist es, im Landkreis im Bereich Windkraft eine Leistung von 100 MW zu installieren. "Uns fehlen also noch rund 75 Megawatt", sagt Siller. "Bei einer Leistung zwischen fünf und sechs Megawatt pro Anlage wären das im Grunde noch 15 weitere Windenergie-Anlagen."

Der aktuelle Regionalplan weise insgesamt vier Vorrangflächen für weitere Windenergie-Anlagen aus. Zwischen dem Bundesbaurecht und der in Bayern geltenden 10-H-Regel ergebe sich für die Gemeinden ein gewisser Spielraum, was das Errichten neuer Windenergie-Anlagen betrifft, berichtet Siller.

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"Die 10-H-Regel steht uns bei den im Regionalplan ausgewiesenen Flächen nicht im Weg", sagt der GUT-Geschäftsführer. Es gelte jedoch vor Ort mit den Gemeinden und den Bürgern eine gemeinsame Basis zu finden. Außerdem reichten die ausgewiesenen Vorrangflächen voraussichtlich nicht aus, weswegen auch über eine Änderung des Regionalplans nachgedacht werden müsse. Welche Möglichkeiten für den Ausbau der Windkraft bestehen, wolle man bis Ende 2021 überprüfen.

Insgesamt sind Photovoltaik und Windkraft zwei Formen der Energiegewinnung, die sich gut ergänzen, wie Siller erklärt. Denn während die Photovoltaik-Anlagen vor allem in der warmen Jahreszeit ihre Höchstleistung erbringen, produzierten die Windenergie-Anlagen eher in den kühleren Monaten mehr Strom.

3. Biomasse als (Wärme-) Energieträger

Was weitere Energie-Lieferanten betrifft, ist zum Beispiel die Biomasse in Sachen Stromwende in den Planungen der GUT größtenteils außen vor. "Hier sind einfach keine tragfähigen Geschäftsmodelle in Sicht", sagt Siller. Anders sieht es aber bei der Wärmewende aus, die im Nachgang zur Stromwende erfolgen soll. Hier spielt die Biomasse zumindest in Form von Holz eine Rolle.

So könnten etwa Einzelhaushalte in Zukunft mehr mit Holz heizen anstatt mit Öl. Auch auf Dorfebene sei eine zentrale Heizanlage, die mit Pellets oder Hackschnitzeln befeuert wird, denkbar, erklärt Siller. Allerdings gestalte sich die Umsetzung in einem Bestandsdorf womöglich eher schwierig, da nicht alle Haushalte gleichzeitig über die Anschaffung einer neuen Heizung nachdenken.

Das Heizen mit Holz könnte im Landkreis vor allem dem Steigerwald zu Gute kommen: "Lokale Geschäftsmodelle und eine lokale Wertschöpfung noch dazu mit einem Verbrauch direkt vor der eigenen Haustür halte ich für eine sehr sinnvolle Variante", sagt Siller. Schließlich gehe es auch darum, den Ausstoß von CO2 zu verringern und beispielsweise weite Transportwege zu vermeiden.

4. Eine Strategie für Wasserstoff

"Wenn es darum geht, wie wir auch die Wärmewende schaffen, wird Wasserstoff ein zentraler Bestandteil sein", erklärt der GUT-Geschäftsführer. Ziel sei es, langfristig mehr Strom zu produzieren als direkt verbraucht wird und diesen zum Beispiel in Wasserstoff umzuwandeln. In den nächsten drei bis fünf Jahren will die GUT daher eine Wasserstoff-Strategie für den Landkreis entwickeln.

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Dabei stelle sich etwa die Frage nach der Lagerung und der Verteilung. Zu zehn Prozent dürfe Wasserstoff dem Erdgasnetz beigemischt werden, berichtet Siller. Möglich sei unter anderem aber auch eine Verbindung mit CO2, woraus zum Beispiel Methan entsteht, das weniger flüchtig ist als Wasserstoff.

"Es wird vor allem eine Frage der Wirtschaftlichkeit sein, welche Anwendungen sich letztendlich durchsetzen", sagt Siller. "Aber Wasserstoff ist die Technologie der Zukunft."

5. Bürgerbeteiligung und lokale Wertschöpfung

Bei ihren Vorhaben setzt die GUT nach eigener Aussage darauf, die Bürger im Landkreis aktiv zu beteiligen. Zum einen gehe es darum, Akzeptanz für die geplanten Projekte zu schaffen. Zum anderen bestehe für die Bürger die Möglichkeit, in die Anlagen zu investieren und diese als Form der Geldanlage zu nutzen.

Für die Stromwende würden etwa 0,5 Prozent der landwirtschaftlichen Freiflächen im Landkreis benötigt, rechnet Siller vor. Für die Wärmewende ein weiteres Prozent. Und soll auch die Verkehrswende gelingen, ebenfalls ein weiteres Prozent. "Das hört sich zunächst einmal vielleicht nach wenig an, ist aber optisch, wenn die Anlage dann auf dem Feld steht, eine Sache, an die man sich erst einmal gewöhnen muss", sagt der GUT-Geschäftsführer.

Er verweist auf die Stadt Ebern. Dort seien insgesamt 104 Hektar für Freiflächen-Photovoltaik freigegeben. An bestehende Anlagen hätten sich die Menschen vor Ort inzwischen gewöhnt. Zumeist würden die Freiflächen-Anlagen auch mit einer Hecke umpflanzt, beschreibt Siller. Ebenso seien Blühflächen in Kombination mit neuen Anlagen geplant. Mindestens 20 Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von jeweils etwa zehn MWp will die GUT in verschiedenen Gemeinden - das Einverständnis der Kommune und der Bürger vorausgesetzt - im Landkreis auf den Weg bringen.

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An diesen Anlagen könnten sich die Bürger direkt als Investoren beteiligen, erklärt Siller. Ähnlich wie das beim Bürger-Windpark Sailershausen bereits der Fall ist. Als Betreiber fungiert die Bürger-Energiegenossenschaft Haßberge (BEG). Im Idealfall finanzieren also Einwohner der Gemeinde vor Ort die Photovoltaik-Anlagen und profitieren am Ende von möglichen Gewinnen. Siller betont: "Das ist eine echte Chance für den Landkreis, auch die Wertschöpfung in der Region zu halten."