Fünffache Impfdosen, unterbrochene Kühlketten und allergische Schocks: Seit die Corona-Impfungen vor einer Woche angelaufen sind, kursieren bereits Horrormeldungen von peinlichen Pannen und heftigen Nebenwirkungen. Auch im Landkreis Haßberge haben über 80-Jährige sowie Bewohner und Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen bei der Verteilung des Impfstoffs Priorität. Doch dort zeigt sich ein ganz anderes Bild.

Fast alle waren wohlauf: Das Awo-Seniorenzentrum in Knetzgau

Kein Brennen, kein Ziepen, kaum Nebenwirkungen - die Bewohner des Awo-Seniorenzentrums in Knetzgau haben die Impfung gut vertragen. Eine Woche ist es her, dass Dr. Anton Aumüller und sein Zeiler Praxisteam 51 Bewohner und 32 Mitarbeiter mit dem neuen Medikament versorgten. Die Impfung selbst wurde als regelrecht "angenehm" empfunden, da der Einstich kaum spürbar gewesen sei, erzählt Einrichtungsleiterin Annika Kuhbandner.

Kreis Haßberge: Impfungen haben begonnen, Inzidenzwert weiterhin hoch

Außer etwas Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle hätten die Bewohner am nächsten Tag keine Nebenwirkungen gespürt. "Das kann ich bei mir bestätigen: Der Arm war etwas geschwollen und tat beim Berühren weh", beschreibt Kuhbandner. "Aber das ist ja bei fast allen Impfungen normal." Auch ihre Kollegen bemerkten außer der leichten Schwellung keine Beschwerden.

Das änderte sich jedoch am dritten Tag: Zwei Bewohner des Seniorenheims mussten erbrechen und hatten keinen Appetit. Zwei Mitarbeiter klagten zudem über starke Kopfschmerzen. Direkte Nebenwirkungen nach dem Einstich, beispielsweise ein allergischer Schock, blieben dagegen aus, beruhigt Kuhbandner. "Es wurde ja vorher nach Allergien, Vorerkrankungen und aktuellen Infekten gefragt, um die Wahrscheinlichkeit möglichst gering zu halten."

Wer geimpft wurde, befand sich anschließend mindestens 15 Minuten lang unter medizinischer Beobachtung. Zur Sicherheit hatte das Hofheimer Impfzentrum dem mobilen Team ein Notfallset mitgeschickt. Mediziner Aumüller blieb den restlichen Tag über in Alarmbereitschaft, um unerwünschte Nebenwirkungen zu behandeln.

Nicht alle sind von Impfung überzeugt

Die Anzahl der Mitarbeiter, die sich für die Impfung entschieden haben, mache jedoch deutlich, dass noch Skepsis herrsche, sagt Kuhbandner. Denn nur ein Drittel der rund 90 Angestellten ließ sich impfen. Zum Teil hatten zudem Angehörige der Senioren, aber auch jüngere Heimbewohner der Impfung nicht zugestimmt. Grund dafür sei für viele die kurzfristige Terminvergabe gewesen, die einige Bewohner und Mitarbeiter überrumpelt und von der Impfung abgehalten habe - nach dem Motto: "Ich möchte nicht der Erste sein." Am Mittag des 23. Dezember erfuhr die Einrichtung davon, dass die Impfung bereits am Sonntag nach Weihnachten stattfinden solle. "Direkt vor Weihnachten hat man den Kopf doch eher woanders", gibt Kuhbandner zu bedenken.

Mittlerweile würden aber mehrere Kollegen bedauern, nicht am ersten Impftermin teilgenommen zu haben. "Ich denke, wenn der Januar etwas ins Land gegangen ist, werden sich noch einige Mitarbeiter zur Impfung entschließen", glaubt die Heimleiterin. "Viele der Pflegekräfte fühlen sich den Bewohnern verbunden und wollen sie bestmöglich schützen." Entschieden abgelehnt hatten die Impfung nur ein Bewohner bzw. dessen Angehörige sowie ein Mitarbeiter des Heims. Eine andere Seniorin konnte noch nicht geimpft werden, da sie aktuell mit Antibiotika behandelt wird.

Überpünktlich und dankbar: Das BRK-Impfzentrum in Hofheim

An zwei Tagen, dem 30. Dezember und 2. Januar, hatte das Hofheimer Impfzentrum bisher geöffnet. Die Einrichtung wird vom Bayerischen Roten Kreuz und im Auftrag des Landkreises betrieben. 133 Personen wurden dort bereits behandelt. Ausschlaggebend für die Zahl der Geimpften ist, wie viele Dosen des Medikaments vor Ort zur Verfügung stehen. Diese können allerdings nur schrittweise geliefert werden.

Bisher wurden 740 Impfdosen für den Kreis Haßberge zur Verfügung gestellt, aufgeteilt auf drei Lieferungen mit einmal 100 und zweimal 320 Dosen, rechnet BRK-Pressesprecher Michael Will vor. "Stünde mehr Impfstoff zur Verfügung, könnten im Impfzentrum deutlich mehr Personen geimpft werden - mindestens 100 am Tag, zusätzlich zur Arbeit der mobilen Teams." Die nächste Lieferung des Biontech-Impfstoffs soll voraussichtlich am 9. Januar eintreffen.

Ohne Impfpass kein Pikser

Bei den in Hofheim geimpften Personen handele es sich fast ausschließlich um über 80-jährige Risikopatienten sowie vereinzelt um medizinische Mitarbeiter, erzählt Rettungssanitäter Will. Nebenwirkungen seien bei niemandem aufgetreten. "Alle haben die Impfungen bisher problemlos vertragen", bestätigt Daniel Schirmer, Leiter des Impfzentrums. Einige Besucher mussten vorab jedoch wieder nach Hause geschickt werden: Einer Person fehlte die notwendige Bestätigung des Arbeitgebers, acht Besucher hatten ihren Impfpass vergessen.

Die Mehrheit sei jedoch pünktlich oder sogar überpünktlich. Nur zwei Personen seien am 2. Januar nicht zu ihrem vereinbarten Termin erschienen. Deren Dosen wurden daher an Mitarbeiter des Zentrums verimpft. Von diesen Einzelfällen abgesehen laufe der Betrieb bisher reibungslos: "Viele Impflinge sind tatsächlich sehr dankbar. Das ist eine tolle Rückmeldung, die wir sonst in unserem Beruf nicht spüren", sagt Schirmer, der als Notfallsanitäter im Rettungsdienst tätig ist.

Am Limit, aber hocherfreut: Der Caritasverband Haßberge

Für die vorherrschende Impfbürokratie findet Anke Schäflein eine knappe Beschreibung: krass. Bevor es mit den Impfungen in den Caritas-Einrichtungen losging, mussten alle Bewohner und Mitarbeiter mit Anamnese-, Aufklärungs- und Datenschutzbögen ausgestattet werden. 457 Personen waren davon betroffen. Da der Großteil der Bewohner auf die Unterstützung von Betreuern angewiesen war, habe sich der Informationsaufwand um 250 bis 300 Personen erhöht, überschlägt die Caritas-Geschäftsführerin. Die ausgefüllten Bögen mussten pünktlich am ersten Impftag vorliegen. "Ohne Vorlage der Bögen keine Impfung", fasst Schäflein zusammen. "Das haben wir in Windeseile so gut wie möglich abgearbeitet."

Am Abend des 23. Dezember schickte die Staatsregierung aktualisierte Aufklärungs- und Einwilligungsformulare, die bis zum 27. Dezember, 7 Uhr, unterzeichnet werden mussten. Die Caritas-Mitarbeiter waren daraufhin gezwungen, die Dokumente über Weihnachten auszufahren und auf eine pünktliche Rückgabe zu bestehen. "Mitunter wurden wir von Angehörigen beschimpft, die uns Chaos in der Verwaltung unterstellten", berichtet Schäflein. Besonders frustrierend: Nach 21 Tagen geht der Aufwand in die nächste Runde, wenn die zweiten Impfungen anstehen.

Bisher fanden die Impfungen an zwei von vier Caritas-Standorten statt: In den Hausgemeinschaften Sankt Anna sowie im Altenservicezentrum Sankt Martin wurden innerhalb von drei Tagen 165 Personen geimpft. 92 der 102 Bewohner erklärten sich zur Teilnahme bereit, unter den Mitarbeitern waren es 71 von 132. "Wobei in Sankt Martin sicherlich noch ein zweiter Impftermin anberaumt wird und wir dann auf die Impfung weiterer Mitarbeiter hoffen", sagt Schäflein. Sie sei aber bereits hocherfreut über die große Impfbereitschaft. "Zu diesem frühen Zeitpunkt war damit nicht zu rechnen, zumal eine Menge Falschinformationen zu den Impfstoffen kursieren."

Nebenwirkungen blieben aus

Bei der Impfung selbst waren neben dem mobilen Impfteam pro Tag vier Mitarbeiter eingebunden. Unterstützt wurden sie von Ärztin Simone Wagenhäuser, der Gemeinschaftspraxis Goschenhofer sowie der ärztlichen Leiterin des Impfzentrums, Christina Bendig, und drei Bundeswehrsoldaten.

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Bis auf eine Ausnahme traten bei keinem der Geimpften Nebenwirkungen auf. Nur eine Mitarbeiterin, die allergisch auf Insektenstiche reagiert, litt kurzzeitig an Kreislaufbeschwerden, erholte sich aber schnell. Auch eine Woche später gebe es keinerlei negative Beobachtungen, versichert Schäflein. Sie selbst ließ sich ebenfalls impfen: "Weil ausreichend Dosen verfügbar waren und ich schlecht zur Impfung motivieren kann, wenn ich mich selbst nicht impfen lasse. Außerdem bin ich eng in die Pflege eingebunden."

Die Impfung war freiwillig, Schäflein weist aber darauf hin, dass eine entsprechende Klausel dazu verpflichten könne. "Diese ist in unseren Arbeitsverträgen aber nicht enthalten. Inwiefern eine soziale Verpflichtung vorliegt, muss jeder für sich selbst entscheiden."

Doch mit dem Impf-Start ist die Gefahr für Risikopatienten noch nicht gebannt: Schäflein appelliert mit Blick auf die Inzidenz- und Todesrate an alle Angehörigen, die Besuche in Seniorenheimen in den kommenden Wochen weiterhin einzuschränken. "Es geht jetzt - im Falle unserer Häuser in Hofheim - um nur noch etwa vier Wochen, die wir noch ohne größeres Infektionsgeschehen schaffen müssen. Dann erst können wir von einer spürbaren Entspannung sprechen", betont Schäflein. "Und es wäre so bitter, wenn uns vor dem vollen Aufbau des Impfschutzes noch eine größere Infektion ereilte."