"Hier sieht wieder alles so ordentlich aus. Das gefällt mir immer gar nicht", sagt der Hobby-Ornithologe Dietmar Will, als er am Parkplatz der Mainaue aus dem Auto steigt. Die Wiesen sind kurz gemäht und auch das Getreide ist von den umliegenden Äckern verschwunden. "Umso wichtiger ist so etwas hier", sagt Will als er die letzten Stufen des Aussichtsturms hinauf läuft.

Zwei Seen abgetrennt durch Schilf auf jeder Seite. Grün soweit das Auge reicht. "Die Tiere brauchen solche Rückzugsmöglichkeiten, um sich vor Feinden zu schützen", erklärt der Ebelsbacher, der hauptberuflich in der Stadtverwaltung in Haßfurt arbeitet. Momentan macht er auf seinem Arbeitsweg jeden Tag einen Abstecher zur Mainaue zwischen Haßfurt und Knetzgau. Dazu gehören der Baggersee "Großer Wörth", der Sichelsee und der Landwehrgraben. "Diesen Luxus gönne ich mir", sagt Will.
Ohne halte er es zudem gar nicht aus.


Der Vogelzug setzt ein

Obwohl jede Jahreszeit ihren Reiz beim Vogel beobachten hat, ist die aktuelle Zeit wohl mit die Spannendste: Viele gefiedrige Gäste machen Halt in den Haßbergen, bevor es weiter in den Süden geht. Und da können Ornithologen immer wieder eine Überraschung erleben. So wie Dietmar Will an diesem Morgen. Er schaut durch sein Fernglas in den Himmel. "Das ist ja irre. Das sind mindestens zehn Bekassinen."

Für alle Nicht-Ornithologen: Eine Bekassine ist eine Schnepfenart, die meist an der Nordsee lebt und sich im Herbst Richtung Süden aufmacht. Besonderes Merkmal ist ihr langer Schnabel, mit dem sie Nahrung aus dem schlammigen Boden holt. "Zwischen den Gänsen treiben sich manchmal wahre Raritäten herum", meint Dietmar Will.


Vogelparadies vor der eigenen Haustür

Die Mainaue ist für den Hobby-Ornithologe ein Vogelparadies - und das direkt vor der eigenen Haustür. "Wahrscheinlich das Wertvollste, das wir in ganz Nordbayern haben." Niedrige Schlickflächen, Schilf als Versteckmöglichkeit und Ruhe: Die Vögel scheinen die Mainaue entweder als Lebensraum oder als Zwischenstopp sehr zu schätzen. Insgesamt 210 Vogelarten leben in dem Gebiet - vom Zaunkönig bis zum Seeadler.

Über den Winter bleiben laut Will 40 Arten im Kreis. Die anderen zieht es in Richtung Süden, teilweise sogar über die Sahara bis nach Afrika. "Die Leistung, die die Vögel vollbringen, ist unbeschreiblich", so Will. Der kleine Alpensegler lege im Laufe seines Lebens vier Millionen Kilometer zurück. "Das ist fünf Mal bis zum Mond und zurück", erklärt Will. Besonders beeindruckt ist er von den Federn der Tiere, die solche Flugstrecken erst möglich machen. "Die Vogelfeder ist ein Wunder - leicht und stabil zugleich", meint Will. Was die Flugzeuge auf dem nahegelegenen Flugplatz zusammen bekommen, sei gerade einmal ein Abklatsch von dem, was ein Vogel kann.