Die Schlüssel verlegt, die Bankkarte weg: "Ich weiß gar nicht, wie oft ich die letzten Jahre unser Schloss ausgetauscht habe oder ihre Bankkarte hab' sperren lassen", erzählt Werner Männling. So fing alles an. Vor einigen Jahren erkrankte seine Mutter an Alzheimer - eine Form der Demenzerkrankungen, die am häufigsten auftritt. Jetzt ist sie 78 Jahre alt und die Krankheit schreitet immer weiter voran. Einige Male habe sie auch schon den Kochtopf auf dem Herd vergessen. "Wenn wir die Brandmelder nicht hätten, wäre unser Haus schon dreimal runtergebrannt", erzählt der Zeiler.

Es habe lange gedauert, bis die Familie gelernt hat, damit umzugehen. Besonders schwer ist es für den 82-jährigen Ehemann. "Wenn sich meine Mutter ihr Hochzeitsbild anschaut, fragt sie oft: ,Wer ist das denn auf dem Foto?‘ Das verletzt ihn sehr", schildert der Sohn.

Mit der Zeit nehmen die Merkfähigkeit und die Orientierung weiter ab. "Fertigkeiten wie etwa Schreiben, Zeichnen und Uhrenlesen werden weniger und sind schließlich nicht mehr vorhanden", erklärt Dr. Frank Schröder, Chefarzt der Haßfurter Akutgeriatrie, einer Klinik-Abteilung, in der sich alles um die Altersmedizin dreht.


Geduld ist ein wichtiger Faktor

In der Pflege ist es laut Chefarzt wichtig, die Situation des Patienten zu verstehen und sich auf ihn einzustellen. "Viele Patienten suchen Orientierung oder interpretieren bestimmte Geräusche oder Situationen falsch", erklärt Schröder. Ein freundliches und einfühlsames Miteinander auf Augenhöhe helfe im Umgang.

Auch die 78-jährige Zeilerin war für drei Wochen in der Haßfurter Akutgeriatrie, da sie so stark abgenommen hatte. Ihr Sohn war positiv überrascht. "Dort sind endlich Leute, die sich um die Menschen kümmern und nicht nur um den Papierkram. Zumindest merkt man davon nichts."

Bis jetzt haben er und Ehefrau Ute seine 78-jährige Mutter daheim gepflegt. "Es ist eine enorme Belastung und Verantwortung, wenn ein Demenzpatient rund um die Uhr betreut werden muss", weiß Chefarzt Dr. Frank Schröder. Er könne verstehen, wenn diese Aufgabe zum Beispiel durch berufstätige Angehörige nicht vollständig übernommen werden kann. Doch für die Familie steht trotz Beruf fest, dass sie die 78-jährige Mutter solange zuhause behalten wollen, wie es nur geht.

Tagsüber, wenn er arbeitet, ist seine Frau zuhause und abends, wenn er nach Hause kommt, geht sie auf Arbeit. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbst auf der Strecke bleiben", meint der Zeiler. Und dann gibt es noch die beiden Kinder. Die Tochter studiert und der Sohn macht gerade eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker. "Erst zieht man die Kinder groß. Zwar sind sie aus dem Gröbsten heraus, doch jetzt fängt im Grunde das Gleiche mit den Eltern an", sagt der 52-Jährige.

Momentan schaut er sich nach einer Tagespflege für seine Mutter um. "Einen Tag soll sie dorthin, damit wir wieder einmal etwas Zeit für uns haben."


Ein Antrag nach dem anderen

Vor dem Interview mit dem FT hat sich der Zeiler beim Seniorenheim in Knetzgau über deren Tagespflege informiert. Ab November könnte die 78-Jährige einen Tag pro Woche von 8 bis 17 Uhr dort betreut werden. Das wäre perfekt. Doch bis es soweit ist, gibt es noch einiges zu erledigen. "Das ist ein riesen Bürokratie-Akt und wir kennen uns nicht aus." Pflegestufe, Kosten, ärztliche Bescheinigungen - da kommt viel Neues auf die Familie zu.

Helfen könnte da der Gesprächskreis der pflegenden Angehörigen von der Diakonie Haßberge. Jeden vierten Dienstag im Monat um 19 Uhr trifft sich die Gruppe im evangelischen Gemeindehaus in Ebern.

Die meisten Teilnehmer pflegen demente Angehörige. "Oft brennen ihnen Sachfragen zum Pflegegeld auf den Nägeln", sagt Cornelia Schulze-Weidlich, die Leiterin der Gruppe. Sie arbeitet in der Fachstelle für pflegende Angehörige vom diakonischen Werk Haßberge mit Sitz in Hofheim.

Oft wollen die Angehörigen aber auch wissen, wie man sich selbst etwas Freiraum schaffen kann, auch wenn es nur eine halbe Stunde ist. Dafür hat das diakonische Werk Möglichkeiten wie beispielsweise die Betreuungsgruppe oder die Aktion Pflegepartner (siehe Bericht unten). "Freiraum ist wichtig, damit die pflegenden Angehörigen auch mal etwas Zeit für sich haben", meint Schulze-Weidlich.

Umso weiter die Krankheit voran schreitet, umso weniger Zeit bleibt für die pflegenden Angehörigen. Das merkt auch das Ehepaar aus Zeil. "Wir würden so gerne mal ein Wochenende zum Wellness fahren, aber das ist momentan einfach nicht drin", erklärt Werner Männling. Mit der Tagespflege wird das Ehepaar zukünftig zumindest an einem Tag pro Woche entlastet.

Informationen rund um das Thema Demenz


Veranstaltungen Das Capitol-Theater in Zeil bietet zum Weltalzheimertag ein Themen-Kino an. Die Fachberaterin für Demenz und Pflege, Dorith Böhm-Näder, steht heute ab 14 Uhr für alle Fragen der Besucher bereit. Ab 15 Uhr kommt der passende Film "Nebenwege - Pilgern auf Bayerisch" (telefonische Reservierung unter Ruf 09524/1601).

Angebote Die Betreuungsgruppe für Demenzkranke findet jeden ersten und dritten Dienstag im Monat von 14 bis 17 Uhr im evangelischen Gemeindehaus "Arche" in Maroldsweisach statt. Zudem gibt es die "Aktion Pflegepartner", bei der Ehrenamtliche die Betreuung zeitweise übernehmen . Die Einsätze erfolgen stundenweise am Vormittag, Nachmittag oder Abend - je nachdem, wann die Hilfe von den Angehörigen gebraucht wird.

Schulung Cornelia Schulze-Weidlich bietet ab Oktober wieder eine Schulung für Leute an, die dem ehrenamtlichen Helferkreis der "Aktion Pflegepartner" beitreten wollen. Am 21. Oktober geht es los. Anmeldung und Informationen gibt es unter Telefon 09532/922313. lk