Michael Busch Die Stimmung ist nicht gut. "Leg jetzt endlich mal das Handy weg. Wenigstens mal in Ruhe Abendessen!" Fast widerwillig legt die Angesprochene das Gerät auf die Seite, ohne es jedoch aus den Augen zu verlieren. Als Mutter wird man sich dieses Privileg doch herausnehmen dürfen. Dass man dann auch noch von den Kindern belehrt wird, kann ja wohl nicht sein.

Eine Situation, die Simone Steiner, Leiterin der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Caritas in Herzogenaurach, durchaus auch aus Beratungsgesprächen kennt. "Die Eltern sind in dieser Situation Vorbild und die Kinder und Jugendlichen eifern dem letztlich nach." Wie so oft bei Erziehungsfragen.

Doch das Handy beim Abendessen ist nicht das alleinige Problem. Eltern kommen zur Beratung, wenn sie erkennen, dass die eigenen Kinder den Tag vor allem am PC, am Tablet, vor dem Handy verbringen. Wenn die sozialen Kontakte nicht mehr gepflegt werden und das digitalisierte Abenteuer die größere Verlockung ist, als sich draußen mit Gleichgesinnten zu treffen. "Es ist ein Konflikt, der ausgestanden werden muss. Die Frage der Handyzeit reiht sich ein in Fragen, die Jugendliche in ihrer Entwicklung stellen." Wie lange darf ich wegbleiben? Wieviel Süßigkeiten darf ich naschen? Erst einmal Fragen, die normal in der Entwicklung sind.

Wenn alles normal verläuft, werden sich viele Probleme auch über die Zeit geben. Die schulische Entwicklung, die Ausbildung, die damit verbundenen sozialen Kontakte - all dies sorgt dafür, dass der Medienkonsum keine krankhaften Züge annimmt. Aber: "Es gibt Jugendliche, die diese Entwicklungsaufgabe zum Erwachsenwerden nur schwer meistern und die Gefahr besteht, dass diese abdriften." Schulabbruch, Ausbildungsabbruch und nur noch am Computer hängen, das kann eine der Folgen sein.

Eine der wesentlichen Erkenntnisse in solch einem Fall muss sein, dass der Umgang mit Medien nicht nur eine Aufgabe der Eltern ist. "Wie gehen wir mit Medien um, betrifft die ganze Familie." Steiner verweist auf ein Bild, das man immer wieder sieht: Eltern, die einen Kinderwagen schieben und dabei ihr Handy nutzen - nicht nur zum Telefonieren, sondern auch um zu "surfen". Steiner sagt: "Da zeigt sich schon, wo ist meine Aufmerksamkeit." Wenn die Kinder registrieren, dass diese bei den Eltern bei dem Kästchen ist, wird das einen prägenden Eindruck auf die Bedeutung dieses Gerätes haben.

Eines der Stichworte im Umgang mit diesem Phänomen sei die Medienkompetenz. Damit sollten sich nicht nur die Kinder und Jugendlichen beschäftigen, auch für die Erwachsenen sei dies eine wichtige Voraussetzung. "Im Landkreis gibt es dazu immer wieder Workshops, zum Beispiel das Thema kleine Kinder und Smartphone." Da geht es darum, was es Kleinkindern bringt, mit dem Smartphone zu spielen.

Gemeinsam handeln

Lapidar könnte man annehmen, dass ein übermäßiger Medienkonsum doch gar nicht so schlimm sei. Simone Steiner erläutert die Probleme: "Es gibt Entwicklungen, die durch den Konsum gebremst sind oder vernachlässigt werden." Dazu behöre auch die körperliche Entwicklung. Ein Stubenhocker werde sich auch körperlich ganz anders entwickeln als das Kind, das in Bewegung ist. "Es ist wie beim Essen. Wenn ich mich gesund ernähre, verkraftet der Körper auch mal etwas nicht so gesundes. Probleme gibt es, wenn ich mich nur ungesund ernähre." Für das digitalisierte Leben muss es einen analogen Ausgleich geben. Die Psychotherapeutin Doris Wolf erklärt im Magazin Dein.Handy, dass es zum Beispiel das "Head down syndrom" gibt. Durch das ständige, leicht nach unten auf das Handy schauen, werde die Nackenmuskulatur überstrapaziert. Verspannung, Kopfschmerzen und chronische Haltungsschäden können die Folgen sein.

Simone Steiner spricht den Eltern Mut zu, die feststellen, dass die eigenen Kinder zwar rausgehen, sich mit Freunden treffen, dann aber auch nur "zocken" oder sich in den digitalen Netzwerken herumtreiben. Eine Vereinsamung, die in der Gemeinschaft stattfindet. "Sprechen Sie ruhig die anderen Eltern an, denn isoliert das Problem bewältigen zu wollen, ist schwierig." Es sei nun mal so, dass Eltern die Handhabung unterschiedlich ausüben. "Bei manchen Kindern ist es ein regelrechtes Statussymbol, wenn sie erklären, dass sie so lange zocken können, wie sie wollen." Das lässt sich eben nur gemeinschaftlich lösen.

Vertrauen und Verständnis

"Es gibt eine Zeit, wo man dem Kind in Hinblick auf Mediennutzung Grenzen zeigen muss", sagt Steiner. Es sei zu unterscheiden zwischen praktischer und reflektiver Medienkompetenz. Den Umgang mit den Geräten beherrscht die junge Generation oft besser als die älteren Generationen. Aber es gibt eben Fragen, die nicht so leicht zu verstehen sind: Was macht die Nutzung mit mir? Was wollen die Hersteller der Geräte? Was bewirken die Anbieter von Apps mit ihren Angeboten?

Diese Fragen seien nicht mit der Holzhammermethode zu beantworten. Steiner sagt: "Mit Verständnis und Vertrauensaufbau lassen sich viele Probleme lösen." Also wie im analogen Leben auch: "Interesse an dem zeigen, was die Kinder machen. Nicht reflexartig ablehnen oder gar schimpfen. Wie so oft hilft ein eigentlich simpler Weg: Miteinander reden. In Echtzeit, nicht über das Handy.